Zu den Wurzeln: Die Suche nach den eigenen Vorfahren boomt

Zu den Wurzeln: Die Suche nach den eigenen Vorfahren boomt
Jeder zweite Deutsche interessiert sich für das Thema Familienforschung. Das ergab eine repräsentative Untersuchung des Allensbach-Instituts 2007. Ein Klick im Internet macht die Suche nach den Ahnen auf den ersten Blick auch leicht. Doch wer wirklich die Geschichte seiner Vorfahren und damit seine eigene erkunden möchte, sollte sich in Archive begeben. Ein in Deutschland einzigartiges gibt es im Frankfurter Stadtteil Höchst: das Institut für Genealogie.
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Wer nach seinen Wurzeln forscht, darf den Keller nicht scheuen. Denn die "Zentralstelle für Personen- und Familiengeschichte – Institut für Genealogie" ist im Gewölbe des Bolongaropalasts im Frankfurter Stadtteil Höchst untergebracht. Thomas Unrein, 53 Jahre alt und von Beruf Haustechniker, hat es nie gestört, dass es ein wenig schwierig ist, das Institut zu finden.

"Wer Ahnenforschung betreibt, muss sich darauf einrichten, dass es nicht leicht ist, das zu entdecken, was er sucht." Unrein beschäftigt sich schon seit Jahren mit dem Stammbaum seiner väterlichen Linie. Bislang konnte sie der gebürtige Thüringer bis ins Jahr 1550 zurückverfolgen.

Nicht selten hat ihm dabei Jörg Herzig, ehrenamtlicher Mitarbeiter der Zentralstelle, zur Seite gestanden. "Wer Ahnenforschung betreiben will, braucht Zeit und Geduld", weiß der Rentner. 350.000 Karteikarten umfasst das Archiv. Mehr als 12.000 Bücher, 8000 Akten und über 500 Original-Leichenpredigten stehen in den Sperrholzregalen oder werden in Strahltresoren aufbewahrt. Dazu Familienchroniken und Sippenbücher, Firmenportraits und Zettelsammlungen.

Ein Paradies für Hobby-Historiker

"Seit den 90er Jahren haben wir einen regelrechten Boom an Nachfragen", sagt Andreas Bellersen, seit 2010 Geschäftsführer des Instituts in Trägerschaft einer Stiftung. Seine Wahrnehmung wird durch eine repräsentative Untersuchung des Allensbach-Instituts aus dem Jahr 2007 unterstützt. Jeder Zweite von 1851 Befragten über 16 Jahren möchte gab mehr über seine Vergangenheit erfahren. Und immerhin jeder Fünfte der Neugierigen begibt sich tatsächlich auf Recherche und betreibt individuelle Ahnenforschung.

Das Spektrum der Menschen, die sich an das Institut für Genealogie wenden, ist so vielfältig wie ihre Anliegen. Da ist der Enkel, der nach den Spuren seines im Zweiten Weltkrieg verschollenen Großvaters sucht. Da ist die Familie, die erkunden möchte, wie sie mit Personen gleichen Namens verwandt ist. Da sind die (Hobby-)Historiker, die nach fehlenden Puzzlestücken bei der Aufarbeitung von Orts- oder Firmengeschichten fahnden.

Der erste Schritt zur Ahnenforschung ist im Internet-Zeitalter verführerisch einfach: Unzählige Anbieter offerieren Internetseiten, auf denen sich ein Familienstammbaum erstellen lässt. Doch Andreas Bellersen rät zur Vorsicht: "Wer eine Leistung im World Wide Web in Anspruch nimmt - und das ist auch die Recherche nach Vorfahren -, kann nicht davon ausgehen, dass diese kostenlos ist."

Die Stiftung hilft kostenlos

Bellersen empfiehlt allen Ahnen- und Familienforschern, "Kontakt zu uns aufzunehmen, bevor sie sich im Internet an eine Adresse wenden oder binden." Als Stiftung erhebt die 1904 in Leipzig gegründete und nach einer kurzen Station in Berlin bereits seit mehr als über 50 Jahren in Frankfurt beheimatete Zentralstelle für Personen- und Familiengeschichte für die Beratung von Privatpersonen keine Gebühren.

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Über eine Quelle bei der Suche nach den Altvorderen verfügt das Archiv nicht mehr: "In den 60er Jahren des vergangenen Jahrhunderts", so Andreas Bellersen, "haben wir unseren Bestand an Kirchenbüchern den örtlichen Kirchengemeinden oder Landeskirchen übergeben." Wer in seiner Geschichte aber beispielsweise nach Vorfahren zu Zeiten der französischen Revolution, der deutschen Nationalversammlung oder gar im 30-jährigen Krieg sucht, muss auf diese zurückgreifen. Denn bis Ende des 19. Jahrhunderts waren es fast ausschließlich die Pfarrer, die über Familienereignisse wie Taufen, Hochzeiten und Todesfälle Buch führten.

"Protestanten werden auf ihrer Suche in den alten Dokumenten den Vorteil haben, dass die Pfarrer der evangelischen Kirche ihre Notizen in Deutsch schrieben, während ihre katholischen Kollegen vielfach noch bis ins 19. Jahrhundert Latein verwendeten. Dazu noch mit vielen Abkürzungen für die katholischen Feiertage", gibt Bellersen zu bedenken.

Kein gesetzlicher Anspruch auf Informationen

Unabhängig von der Konfession gilt bei der Recherche: Nur wer in der direkten Nachfolge eines Verstorbenen steht, also Tochter oder Sohn ist, darf nach dem Personenstandsgesetz vor dem Ablauf von 30 Jahren direkt Einsicht in die Akten nehmen. "Einen gesetzlichen Anspruch darauf gibt es allerdings nicht", erklärt der Experte.

Wer sich in das Thema erst einmal einlesen möchte, kann dies im aktuellen Magazin Familienforschung 2012/2013 tun. Die Fachzeitschrift, die vom Verein Computergenealogie herausgegeben wird und im Buchhandel bestellt werden kann, beschäftigt sich in zwei Beiträgen mit der Suche nach den Ahnen in Kirchenbüchern – "klassisch" im Archiv und "virtuell" im Internet.

So spannend die Suche nach den Ahnen im Netz sein kann - das sinnliche Erleben, wie es beispielsweise ein Besuch im Genealogischen Institut oder in den Kirchenarchiven vermittelt, kann sie nicht ersetzen. Den Akten, Chroniken, Zeitungen haftet der Duft vergangener Zeiten an. Fotos haben abgeknickte Ecken. In Büchern finden sich handschriftliche Anmerkungen, auf Briefen Fettflecke. So viele Geschichten, so viele vergangene Leben sind zu entdecken - wenn man den Keller nicht scheut.


Corinna Willführ ist freie Journalistin in Frankfurt.