Jahr der Genossenschaften: "Geld bekommt ein Gesicht"

Jahr der Genossenschaften: "Geld bekommt ein Gesicht"
Dorfladen, Raiffeisenbanken, Bioenergiedorf: Genossenschaften wirtschaften bodenständig für ihre Mitglieder. Das könnte gerade in wirtschaftlich schwierigen Zeiten ein Zukunftsmodell sein. Die UN haben 2012 zum Jahr der Genossenschaften erklärt.

Als Christian Skrodzki aus Leutkirch 2010 mit einer Bürgerinitiative beschloss, den maroden historischen Bahnhof seiner schwäbischen Heimatstadt mit einer Bürgergenossenschaft zu retten, wurde sein Vorschlag zunächst kritisch beäugt. Heute blickt der ehrenamtliche Vorstand der Genossenschaft "Leutkircher Bürgerbahnhof" auf eine Erfolgsgeschichte zurück. Rund 550 Leutkircher Bürger und Unternehmen halten Anteile des Bürgerbahnhofs. Im April 2012 soll er mit Wirtshausbrauerei, Infozentrum und Geschäftsräumen neu eröffnet werden.

Ob für die gemeinschaftliche Nutzung von Weiden und Alpen, als Raiffeisen-Bank, Bioenergiedorf, Dorfladen oder Tageszeitung: Genossenschaften als Geschäftsmodell sind beliebter denn je. In Deutschland gibt es derzeit laut Deutscher Zentral-Genossenschaftsbank rund 7.600 Genossenschaften.

Die Organisationsform ist vor allem für die sogenannten "S-Prinzipien" bekannt: Selbsthilfe, Selbstverantwortung und Selbstverwaltung. Um auf die Bedeutung der genossenschaftlichen Wirtschaftsform aufmerksam zu machen, hat die UN-Vollversammlung das Jahr 2012 zum Internationalen Jahr der Genossenschaften erklärt.

"Wir schreien nicht nach der Stadt, wir müssen das selbst hinbekommen"

"Von Anfang an war klar, wir schreien nicht nach der Stadt, sondern müssen das selbst hinbekommen", sagt der Leutkircher Skrodzki. Die Leute schätzten die direkte Bürger-Beteiligung in der Genossenschaft. Schnell sei ihnen klargeworden: "Hier geht es nicht um die große Rendite, nicht um Gier, sondern ums Hier", formuliert Skrodzki, Leiter einer Medienagentur. "Die Botschaft lautet: Das ist kein geschlossener Zirkel. Ich erreiche hier etwas. Auch mit nur einem Anteil bin ich Unternehmer."

"Genossenschaften bedeuten kollektive Selbsthilfe", sagt auch Theresia Theurl, geschäftsführende Direktorin des Instituts für Genossenschaftswesen der Universität Münster. "Das heißt, Menschen oder Unternehmen suchen selbst Lösungen für konkrete Herausforderungen." Die Aufgabe der Genossenschaft sei es dabei, ausschließlich für ihre Mitglieder Werte zu schaffen und nicht für anonyme Investoren. Dies geschehe unabhängig von der Anzahl der Anteile. "Jedes Mitglied hat für die strategischen Entscheidungen der Genossenschaft genau eine Stimme."

Das Modell liegt laut Theurl im Trend. "Seit einigen Jahren werden wieder deutlich mehr Genossenschaften gegründet, vor allem in jenen Branchen, die zukunftsorientiert sind und expandieren", sagt die Professorin für Volkswirtschaftslehre. Gerade im Bereich der erneuerbaren Energien habe Deutschland in den vergangenen Jahren einen Gründungsboom von lokalen Genossenschaften erlebt, ergänzt die Generalsekretärin der Deutschen Gesellschaft für die Vereinten Nationen, Beate Wagner.

"Zukunftsmodell mit langer Tradition"

Der Vorsitzende des Vorstands des Deutschen Genossenschafts- und Raiffeisenverbands, Eckhard Ott, sieht in der Genossenschaft ein "Zukunftsmodell mit langer Tradition". Bereits vor mehr als 150 Jahren hätten die beiden deutschen Genossenschaftsgründer Friedrich Wilhelm Raiffeisen (1818-1888) und Hermann Schulze-Delitzsch (1808-1883) gezeigt, dass Landwirte und Handwerker beim Einkauf, der Kreditbeschaffung und auch beim Absatz von Waren gemeinsam mehr erreichen könnten, sagt Ott.

In den vergangenen drei Jahren seien bundesweit mehr als 600 Genossenschaften neu gegründet worden. Vor zehn Jahren seien es jährlich nur etwa 30 Gründungen gewesen. "Ein Vorteil der Genossenschaft ist die Nähe zu den Kunden und Mitgliedern", sagt Ott. Eine Volksbank oder Raiffeisenbank könne oft heimische Unternehmen bei einer Kreditanfrage gut einschätzen. Energiegenossenschaften seien erfolgreich, weil sie als regionale Unternehmen Bürger, Landwirte, Unternehmen und kommunale Einrichtungen einbänden und damit die Akzeptanz für erneuerbare Energien steigerten.

Wichtig ist Ott auch die Unabhängigkeit von Genossenschaften. Bei wichtigen Entscheidungen könnten sie nicht von Einzelinteressen dominiert werden. Auch könne die Genossenschaft nicht von externen Investoren aufgekauft werden: "Eine feindliche Übernahme ist bei Genossenschaften ausgeschlossen."

Auch die "taz" ging 1992 in eine Genossenschaft über

Auch die Berliner "tageszeitung" (taz) ging 1992 in eine Genossenschaft über, die etwa 11.500 Mitglieder zählt und dadurch die publizistische und wirtschaftliche Unabhängigkeit stärkt. "Den Lesenden gehört ihre Zeitung", bringt es Konny Gellenbeck, Leiterin der taz-Genossenschaft, auf den Punkt.

In Leutkirch feiert man zurzeit. "Wir sind ausverkauft, die Eine-Million-Euro-Grenze ist erreicht", sagt Bürgergenossenschafts-Vorstand Skrodzki zufrieden. Durch die Genossenschaft sei Bürgerbeteiligung auf simpelste Weise hergestellt, zudem bleibe ein Stück Heimat erhalten: "Bei der Genossenschaft bekommt Geld ein Gesicht."

epd