Am Rande zur Ausgrenzung: Liszt und die geistliche Musik

Am Rande zur Ausgrenzung: Liszt und die geistliche Musik
Wunderkind, Tastenvirtuose, Popstar, Schöpfer der sinfonischen Dichtung, Revolutionär des Orchesterklangs, Reformer des Musikbetriebs, Förderer der zeitgenössischen Musik, Liebling der Frauen und - nicht zuletzt - einer der ersten, die wir heute als "große Europäer" apostrophieren: Kaum enden wollend ist die Fülle von Stich- und Schlagworten, mit denen dem musik- und kulturinteressierten Publikum in diesen Wochen durch Medien, Aufführungen und Veranstaltungen im Liszt-Jahr 2011 das Leben, Werk sowie Bedeutung des Pianisten und Komponisten Franz Liszt nahegebracht werden.
07.12.2011
Von Ralf Siepmann

Das Wort "rastlos" ist noch untertrieben, will man den Komponisten Liszt in einem Begriff erfassen. Die meisten dürften ihn mit den "Ungarischen Rhapsodien" assoziieren. Es sind mindestens 15. Mit ihnen wollte der Komponist ein Panorama "ungarischer Nationalmusik" konstruieren, die sich aus den Musiktraditionen in Ungarn und Rumänien speist. Über 120 Werke für Klavier, 77 Lieder, elf Kompositionen für Orgel, 25 Orchesterwerke, 28 weltliche Chorwerke, sieben Schöpfungen für Klavier und Orchester, neun Kammerkonzerte, eine Oper ("Don Sanche"), fünf Melodramen und weit über 300 Arrangements und Transkriptionen weist die Gesamtausgabe seiner Schöpfungen aus. Auch bei den Arbeiten, die der Getriebene unvollendet hinterließ, schaffte er eine Rekordmarke, nämlich 17.

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Was in dieser keinesfalls vollständigen Auflistung fehlt, sind die religiös geprägten Kompositionen Liszts: Messen, Oratorien, Vokal- und Klavierwerke. Zu nennen wären vorrangig die Oratorien "Christus" und "Die Legende von der Heiligen Elisabeth", die "Ungarische Krönungsmesse", die "Missa solemnis" anlässlich der Einweihung der Basilika in Gran. Der Rang dieser Kompositionen ist unter Musikexperten unstreitig. So schrieb Hans Heinz Stuckenschmidt, Nestor der deutschen Musikkritik, 1961, also auch in einem Liszt-Jahr, in der "FAZ": "Wenn von den Orchester- und Chorwerken das meiste heute zeitgebunden, vieles schwülstig und theatralisch erscheint, so haben doch die Faustsymphonie, der 'Christus' und die 'Heilige Elisabeth', die Graner Messe immer wieder die Größe seines Strebens, die Eigenart seiner Tonsprache bezeugt."

Hang zum Katholizismus

Zwar erreicht die öffentliche Aufmerksamkeit heute, 200 Jahre nach seiner Geburt am 22. Oktober 1811 in Raiding im Burgenland (damals Ungarn), nicht gerade die "Lisztomanie", die seine Konzertreisen durch Europa auf dem Höhepunkt seiner Karriere als Pianist regelmäßig auszulösen pflegten. Doch unterstreicht die europaweite Wahrnehmung des Komponisten seinen eminenten Rang in der Musikgeschichte unseres Kontinents. Keine geringere Instanz als die EU widmete eines ihrer Kulturprojekte 2011 dem Erneuerer unter den Pianisten. Titel: "Das Klavier als Spiegel der Europäischen Kultur".

Zeit seines Lebens fühlte sich Liszt religiös beseelt. "Mein Hang zum Katholizismus rührt von meiner Kindheit her", heißt es in einem seiner Briefe aus den 1870er Jahren, "und ist ein bleibendes und mich beherrschendes Gefühl geworden." Mehr noch: Nach privaten Rückschlägen zog er sich 1861aus dem säkularen Leben zurück und nahm in Rom die niederen geistlichen Weihen an. Die von ihm ersehnte Heirat mit seiner Lebensgefährtin, der Fürstin Carolyne zu Sayn-Wittgenstein, war unmöglich, da der Papst die Scheidung der Ehe Liszts von der Gräfin Marie d’ Agoult verweigerte. Der "Abbé Liszt" führte zunächst ein asketisches Leben. In theoretischen Schriften befasste er sich mit der Rolle der geistlichen Musik in der sich modernisierenden Gesellschaft, wovon zum Beispiel sein Text "Über künftige Kirchenmusik" zeugt. Späterhin trat er neuerlich als Dirigent in europäischen Städten auf.

Liszt-Oratorien sind viel Aufwand

Ist Liszts Gesamtwerk ohne geistliche Musik nicht denkbar, so ist die weitgehende Ausblendung seiner wichtigen einschlägigen Kompositionen aus dem heutigen Aufführungsbetrieb umso verwunderlicher. "Daran", resümiert Konrad Klek, Professor für Kirchenmusik und Universitätsmusikdirektor an der Universität Erlangen, "hat auch das Liszt-Jahr 2011, anders als beispielsweise das Mendelssohn Bartholdy-Jahr 2009, nichts geändert." Klek nennt als Ursachen für die Nichtexistenz des "religiösen Liszt" in Kirchen und Konzertsälen speziell aufführungspraktische Gründe. Die Oratorien für Solostimmen, Chor und Orchester verlangten personell und an Proben einen hohen Aufwand. Sie seien eben nicht geläufig wie die Schlüsselwerke von Händel, Mozart oder Schubert. Zumeist müssten die Notenmaterialen extra beschafft oder gar völlig neu erschlossen werden. Außerdem "goutiere" das Publikum meist nicht den "sakralen Liszt". Das Unbekannte trifft auf Ablehnung, weicht den "Juwelen" des Konzertbetriebs und verschwindet im Nichts – eine Spirale der Ausgrenzung für sich.

Die Liszt-Abstinenz findet Klek "bedauerlich". Es gebe durchaus Entdeckenswertes, so "Die Glocken des Straßburger Münsters". Diese dem amerikanischen Poeten und Liszt-Zeitgenossen Henry Wadsworth Longfellow gewidmete Kantate für Bariton, Chor und Orchester schildert die Versuche des Teufels, das Turmkreuz und andere Gebäudeteile zu zerstören. Lucifer scheitert am Klang der Glocken, musikdramatisch ein großartiger Effekt. Klek hat die "Glocken" zusammen mit der " Ungarischen Krönungsmesse" und dem 13. Psalm für Tenor-Solo, Chor und Orchester, den Liszt in seiner Weimarer Zeit als Hofkapellmeister schrieb, im Juli in der Neustädter Universitätskirche in Erlangen zur Aufführung gebracht.

Die  Akteure waren die Universitätschöre Erlangen und Regensburg, die Vogtland Philharmonie und erfahrene Solisten. Das Experiment – diese Prognose ist risikofrei – wird eine der seltenen Ausnahmen bleiben. Wie eben auch die Aufführung der "Heiligen Elisabeth" im selben Monat. Die gab es übrigens nicht beim Kunstfest Weimar "pélerinage", dem Ort der Liszt-Pflege par excellence, sondern als kulturelle Tat des MDR mit Sinfonieorchester, Rundfunk- und Kinderchor zur Eröffnung des ARD-Radiofestivals in der Dresdner Frauenkirche.


Ralf Siepmann ist freier Medien- und Kulturjournalist in Bonn.