Vor einem Jahr trat Maria Jepsen zurück

Vor einem Jahr trat Maria Jepsen zurück
Vor einem Jahr endete eine Ära in Hamburg. Maria Jepsen, 1992 zur weltweit ersten lutherischen Bischöfin gewählt, erklärte am 16. Juli 2010 völlig überraschend ihren Rücktritt, knapp zwei Jahre vor dem regulären Ende ihrer Amtszeit.

Im Zusammenhang mit einem Fall von sexuellem Missbrauch in Nordelbien habe man ihre Glaubwürdigkeit angezweifelt und ihr Untätigkeit unterstellt, erklärte sie damals. So könne sie das Evangelium, die Frohe Botschaft, nicht mehr weitersagen.

Der unerwartete Rücktritt bescherte der nordelbischen Kirche die längste Vakanz in einem Bischofsamt in der Nachkriegszeit. Erst am 17. Juni 2011 wurde Kirsten Fehrs zur Nachfolgerin gewählt. Die Hamburger Pröpstin und Hauptpastorin von St. Jacobi gewann die Bischofswahl im Hamburger Michel nach vier Wahlgängen gegen die Berliner Oberkirchenrätin Petra Bahr, Kulturbeauftragte der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD). Doch erst Mitte November wird sie ihr Amt antreten. Bis dahin führt Bischofsvertreter Jürgen Bollmann die Amtsgeschäfte.

Über dem Jepsen-Rücktritt liegt zugleich ein bleibendes Rätsel - die Frage nach dem Warum. Selbst langjährige Mitarbeiter und Weggefährten waren noch wenige Stunden zuvor nicht eingeweiht. Als einer der ersten wurde damals der Vorsitzende der Kirchenleitung, Bischof Gerhard Ulrich, informiert. "Leider gelang es mir nicht, Maria Jepsen umzustimmen", erklärte er danach mehrfach. Es habe weder einen Grund noch einen wirklichen Anlass gegeben. Sie habe Verantwortung übernommen für etwas, das ihr in keiner Weise als persönliche Schuld angelastet werden könne.

"Ein deutliches, öffentlich sichtbares Zeichen"

Selbst die Opfer-Initiative "Missbrauch in Ahrensburg" bedauerte ihren Rücktritt. Doch zu ihrem feierlichen Abschied am 19. November in der Hamburger St. Georg-Kirche sprach die Altbischöfin erneut von einem "konsequenten Schlusspunkt". Sie habe Schaden abwenden wollen von der Kirche und vom Bischofsamt. Vor allem die über Jahre traumatisierten Opfer in der Kirchengemeinde Ahrensburg hätten "ein deutliches, öffentlich sichtbares Zeichen gebraucht".

Heute, zwölf Monate später, will Maria Jepsen den Vorgang überhaupt nicht mehr kommentieren. "Was über die ganze Sache zu sagen ist, wurde damals gesagt. Mehr ist nicht hinzuzufügen", schrieb die 66-Jährige dem epd. 18 Jahre lang habe sie als Bischöfin in der Öffentlichkeit gestanden, seit September 2010 sei sie offiziell im Ruhestand. "Ich genieße weitgehend das wirkliche Privat-Sein", fügte sie hinzu. "Das, was ich in meinem Alltag tue und denke, muss nicht öffentlich verbreitet werden." Bei der Wahl ihrer Nachfolgerin im Michel habe sie nicht anwesend sein können, weil sie langfristig verabredete, auswärtige Termine hatte.

Privatleben im rot-weißen Haus in Nordfriesland

Zuweilen aber verlässt die Altbischöfin doch ihr rot-weißes Schwedenhaus am Stadtrand von Husum in Nordfriesland, das sie seit September mit ihrem Ehemann Peter Jepsen bewohnt. Ende Mai stand sie zum ersten Mal wieder auf der Kanzel einer Hamburger Umlandgemeinde. Abends predigte sie zum "Tag der verfolgten Homosexuellen" in Hamburg. Auf dem Kirchentag in Dresden hatte sie Anfang Juni einen Talk mit Berlins Regierendem Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD). Noch immer ist sie offizielle St.-Petersburg-Beauftragte der Nordelbischen Kirche.

2010 war das Jahr der Rücktritte - eröffnet am 24. Februar von Hannovers Bischöfin Margot Käßmann. Der katholische Augsburger Bischof Walter Mixa folgte am 8. Mai, Hessens CDU-Ministerpräsident Roland Koch am 25. Mai, Bundespräsident Horst Köhler am 31. Mai. Maria Jepsen war am 16. Juli die Vorletzte - nur zwei Tage später folgte Hamburgs CDU-Bürgermeister Ole von Beust. Die mediale Aufmerksamkeit war jeweils höchst unterschiedlich, bei Maria Jepsen aber am geringsten. Dafür war sie 18 Jahre zuvor bei ihrer Wahl im Hamburger Michel am größten.

epd