Mit Bibel und Handy: Konfirmanden in Finnland

Mit Bibel und Handy: Konfirmanden in Finnland
Zwei Wochen Konfirmandenunterricht im Sommercamp - die Bräuche im Norden sind anders als hierzulande. Beobachtungen in der finnischen Provinz.

Gestern war die Nacht der Isoset. Bis drei Uhr haben sie sich mit Kaffee wach gehalten. Dann haben sie sich in die Zimmer geschlichen, die Kleineren, die Pikkuset geweckt, Hände verbunden, nach draußen an den See geführt, angemalt und das Vaterunser üben lassen. Solche Rituale gehören zu jeder finnischen Konfirmandenfreizeit. So auch zu der der deutschen Gemeinde in Finnland.

Ungefähr hundert Kilometer nordwestlich von Helsinki befindet sich der kleine Ort Janakkala. Die lutherische Kirche in Finnland besitzt hier ein Freizeitheim direkt am See. Saunahaus, Bootssteg und ein Wald drum herum – finnisches Ferienidyll wie im Katalog. Hier verbringen die 27 Jugendlichen der deutschen Gemeinde ihre Konfimandenfreizeit. Fast alle von ihnen besuchen die Deutsche Schule in Helsinki. Manche haben Eltern, die beruflich in Finnland sind, manche sind Kinder aus deutsch-finnischen Ehen, andere ausschließlich finnische Vorfahren.

In Finnland ist es üblich, dass die Konfirmanden im Juli und August sogenannte Konficamps besuchen. In der Regel dauern sie zwei Wochen und enden mit der Konfirmationsfeier. Erik Panzig, der seit fast einem Jahr in Helsinki als Auslandspfarrer tätig ist, hat sich für eine Mischvariante aus Konfirmationsunterricht und Konficamp entschieden. Sechs Tage dauert die von ihm organisierte Freizeit, auf der es um die Kernthemen der evangelischen Kirche gehen soll – Taufe, Abendmahl, Glaubensbekenntnis, Vaterunser und die Zehn Gebote.

Das Handy griffbereit

Im Gegensatz zu anderen finnischen Konfirmanden haben sich die der deutschen Gemeinde Helsinki übers Jahr immer wieder getroffen. Die Jugendlichen über einen längeren Zeitraum zu begleiten, sie kennenzulernen und in diesem Prozess auch die Nöte und Ängste der Jugendlichen zu verstehen, das ist für Panzig wichtig.

Das Smartphone haben die Jugendlichen immer griffbereit. Ob während des Unterrichts oder der Workshops. Es ist mindestens genauso wichtig, wahrscheinlich wichtiger als Bibel und Konfirmandenbuch. Denn es geht auf solchen Freizeiten auch um ganz weltliche Dinge wie Freundschaft, den gemeinsamen Spaß oder eine Liebelei zwischen zwei Isoset.

 Karola KallweitDie Isoset sind im Gegensatz zu den Pikkuset bereits konfirmiert und spielen in der Arbeit mit den Konfirmanden eine wichtige Rolle. Sie helfen dem Pfarrer und sind auch persönliche Betreuer und Ansprechpartner für die Jüngeren. Jeder Pikkuset kann sich für die Konfirmationsfeier einen Isoset aussuchen, der ihn dann in die Kirche führt.

Der junge Pfarrer Erik Panzig findet es nicht ungewöhnlich, die Älteren in die Konfirmandenarbeit mit einzubinden. "Wenn ein Gleichaltriger über das letzte Abendmahl erzählt, dann bleibt da wahrscheinlich mehr hängen, als wenn ich das tue." Und so ist es ganz natürlich für Panzig, den Isoset auch auf der Freizeit in Janakkala Verantwortung zu übertragen.

Mehrsprachig ist Standard

Es ist schon eine besondere Gruppe von jungen Leuten in Janakkala. Die meisten von ihnen beherrschen mit 14 Jahren bereits drei oder vier Sprachen, kommen aus überdurchschnittlich gut verdienenden Familien und genießen eine exklusive Ausbildung. Ein privilegiertes Leben in einer privilegierten Gemeinde.

Lillian etwa ist im vergangenen Jahr konfirmiert worden und nun als Isoset mit nach Janakkala gefahren. Entgegen modischen Trends trägt Lillian die Haare kurz, und wenn sie mit bestimmter und lauter Stimme spricht, dann hat das Gewicht. In Helsinki besucht sie an der Deutschen Schule die 9. Klasse. Sie hat schon einige Umzüge miterlebt, und im Herbst geht sie für ein Austauschschuljahr nach Kanada.

 Karola Kallweit

Wenn sie zurückkommt, werden die Eltern schon nicht mehr in Finnland sein. Ganz selbstbewusst verkündet sie den anderen, dass sie bereit sei, auch allein zu leben. Das sei schließlich so in ihrer Familie. Und doch hat auch für Lillian dieses Leben seine Schattenseiten: "Das ist kein Paradies", findet sie. "Immer wieder eine neue Sprache lernen, immer wieder neu anfangen, immer wieder neue Freunde suchen, immer wieder dieselben Geschichten erzählen."

Richtungssuche in der Pubertät

Heute ist der vierte Tag im Camp, und es geht um das letzte Abendmahl. Spuren von blauer und roter Farbe in Gesicht, an Hals und Händen erinnern an die vergangene Isoset-Nacht. Während die Isoset nach Anleitung durch Panzig nun die Workshops für den Vormittag vorbereiten, hat sich der junge Pfarrer nach dem Frühstück mit den Konfirmanden zusammengesetzt.

Er wird von den Vierzehnjährigen geduzt. "Was bedeutet Vergebung?", fragt Panzig. "Wart ihr böse, dass die Isoset euch geweckt haben?" Nur kurz, ein bisschen, jetzt nicht mehr, beteuern die Jugendlichen. Panzig versucht es mit einer Geschichte aus der eigenen Schulzeit. Über zwei, die sich immer geprügelt haben. Das zieht. Die Konfirmanden hören zu.

Die Jungs sitzen links, die Mädchen rechts. "Für euch ist das vielleicht noch zu abstrakt, aber es gibt etwas zwischen Menschen, das trennt, und es gibt etwas zwischen Mensch und Gott, das uns trennt." Panzig sieht sie, die Welten, die zwischen den jungen Menschen liegen. In ihren Gesichtern spiegelt sich die Orientierungslosigkeit dieser Zwischenjahre. Dem einen sieht man das Kind noch an und der anderen bereits die junge Frau, die sich - ihrer selbst nur halb bewusst - noch ganz die Kleine spielt. Der eine ist beliebt, der andere nicht.

Wo beginnt die Ausgrenzung?

Mobbing ist in Finnland ein großes Thema an Schulen, selbst an einer Eliteeinrichtung wie der deutschen Schule in Helsinki. Deshalb beschäftigt sich auch Erik Panzig auf dieser Konfirmationsfreizeit damit. Lebensnah soll sie sein. Bevor am Abend ein gemeinsames Abendmahl gefeiert wird, sollen die Konfirmanden selbst zum Einladenden werden.

 Karola KallweitAus Zeitschriften schneiden sie Bilder von Menschen aus, kleben sie auf eine Pappe und denken sich Außenseiterbiografien dazu aus. Viele Trinker und Arbeitslose sitzen am Ende am Tisch. Die üblichen Verdächtigen. Dass man auch am Rande stehen kann, wenn man eigentlich einer von ihnen ist – einmal klingt auch das kurz an, als ein Pikkuset seine Bildauswahl begründet: "Das ist ein Emo, und der tut mir leid, weil er so ist."

Für Erik Panzig unterscheidet sich die Arbeit als Auslandspfarrer deutlich von der in einer kleineren deutschen Gemeinde. Offiziellere Termine, wichtigere Gäste. Auch das vielleicht ein privilegiertes Leben. Aber gerade in der Konfirmandenarbeit liegt eine Herausforderung. Am Ende, so Panzig, bleiben nicht Inhalte hängen, sondern das gemeinsame Erlebnis: die Schnitzeljagd, das Fußballturnier, die Sauna, die Seetaufe am Vortag oder die Abendmahlsfeier. Erlebnisse, die dann vielleicht wirklich die Schwächeren zu Stärkeren machen - und die Stärkeren zu Beschützern.


Karola Kallweit ist freie Journalistin in Frankfurt und Berlin und hält sich derzeit zu Recherchen in Finnland auf.