Kardinal Kasper und die Grenzen der Ökumene

Kardinal Kasper und die Grenzen der Ökumene
"Die Ökumene ist in ihrer bisherigen Gestalt an eine Grenze angelangt." Dieses Fazit zieht der frühere Präsident des Päpstlichen Rates zur Förderung der Einheit der Christen, Kardinal Walter Kasper (78) in seinem dieser Tage im Herder-Verlag erschienenen, knapp 600 Seiten umfassenden Standardwerk "Katholische Kirche. Wesen-Wirklichkeit–Sendung".

Für diese Grenze macht der ehemalige Dogmatikprofessor und Bischof, der über zehn Jahre das Ökumene-Ministerium des Vatikans leitete, ebenso neue Entwicklungen in den Kirchen wie die Zunahme neuer kirchlicher Gemeinschaften, aber auch wachsende Unterschiede in ethischen Fragen verantwortlich. Um diese Grenze zu überwinden, schlägt Kasper vor, in der nächsten Phase des ökumenischen Dialogs vor allem der Frage nachzugehen, was Kirche und unter Einheit der Kirche zu verstehen ist. Zugleich weiß er, dass dieser ökumenische Dialog "wohl eher schwieriger als einfacher wird".

Keine Rede von "Eiszeit"

Kasper, der bekannteste katholische Ökumeniker, gebraucht das Wort von der "Eiszeit" nicht, mit der nicht wenige den gegenwärtigen Stillstand auf dem Weg zur Einheit gern bezeichnen. Und so streift er auch nur das päpstliche Dokument "Dominus Iesus" aus dem Jahr 2000, das sich wegen der - nicht neuen - Einstufung der reformatorischen Kirchen lediglich als "kirchliche Gemeinschaften" tief verwurzelt hat. Eigentlich sei "Dominus Iesus" eine Schrift gegen den Relativismus gewesen, habe aber nur wegen der "Schärfe mancher negativ abgrenzender Formulierungen" Bekanntheit erlangt. Allerdings sei die "harte Antwort" der evangelischen Seite "freilich ebenfalls alles andere als ökumenisch freundlich formuliert" gewesen. Schwamm drüber.

Der frühere vatikanische Ökumeneminister will das, was in den zurückliegenden Jahren an Gemeinsamkeiten erreicht wurde, nicht kleinreden und unterstreicht die Feststellung von Papst Benedikt XVI., wonach Ökumene keine Nebentätigkeit der Kirche ist, sondern konstitutiv für die Kirche und jeden Christen. So sehr sich Kasper darum bemüht, jeder Rückkehr-Ökumene eine Absage zu erteilen, so bleibt er doch schuldig, konkrete Schritte auf dem künftigen Weg zur Einheit zu nennen. So besteht für die katholische Kirche das Ziel der ökumenischen Bewegung in der "vollen sichtbaren Gemeinschaft" im einen Glauben, in denselben Sakramenten und in der Gemeinschaft mit dem Bischofsamt in apostolischer Sukzession - in Gemeinschaft mit dem Nachfolger Petri, dem Papst.

Ist damit aber nicht schon die Verständigung mit den Kirchen der Reformation abgeschnitten, die unter Ökumene vor allem eine "versöhnte Verschiedenheit" zwischen den Kirchen verstehen und das Papstamt ablehnen. Kardinal Kasper räumt ein: "Das Papstamt ist für Katholiken ein Identitätsmerkmal ihrer Kirche wie umgekehrt seine Nichtanerkennung ein Identitätsmerkmal aller anderen Kirchen darstellt." Kein Zweifel: "Das Petrusamt ist ökumenisch der wohl delikateste und schwierigste Punkt der Ekklesiologie", also der Lehre von der Kirche.

Petrusamt mit Potenzialen

Gleichzeitig stellt er fest, dass das Petrusamt "als Dienst an der Einheit" noch längst nicht ausgeschöpfte Potenziale für die größere ökumenische Einheit der Kirche besitze und dass eben dieses Amt ein "großes Geschenk des Herrn an seine Kirche" sei, das ihr einen inneren Zusammenhalt gebe, "den andere Kirchen so nicht haben und schmerzlich vermissen". Der Kirchenmann aus dem Schwabenland zeigt aber nicht auf, wie das Problem mit den anderen Kirchen gelöst werden kann – oder ist eine größere Synodalität der Kirche, wie immer diese auch aussehen mag, ein Weg? Auch kann der Hinweis nützlich sein: "Die katholische Kirche kennt die Möglichkeit einer Lehrentwicklung."

Allerdings stellt Kasper auch dies fest: "Die erstrebte Einheit soll keine Einheitlichkeit im Sinn der Uniformität sein, sondern eine Einheit in der Vielfalt, bei der die getrennten Kirchen legitime eigene Traditionen bewahren und in die größere Einheit einbringen können. Einheit in der Vielfalt meint zugleich auch Vielheit in der Einheit, Sie geht über ein friedliches oder auch streitiges Nebeneinander hinaus." Ob er dabei an das Vorbild einiger orientalischer Kirchen denkt, die als selbständige Kirchen in voller Einheit mit Rom leben?

Alles in allem, da hat Kasper recht, wartet auf die ökumenische Theologie "noch ein hartes Stück Arbeit". Zugleich erkennt er an, dass er durch seine Begegnungen mit den anderen Kirchen auch viel von deren Reichtum erfahren hat. So ist ihm beispielsweise auch der Dialog mit den Freikirchen wichtig geworden, von denen er sagt, dass sie der katholischen Kirche in vielem nahe stehen – beispielsweise wenn es um die biblischen Grundwahrheiten des Glaubens und vor allem im Bekenntnis zu Jesus Christus als Sohn Gottes und die Heilsbedeutung von Kreuz und Auferstehung sowie ethische Fragen geht. Auch hätten die Freikirchen viele Probleme vorweggenommen, mit denen die traditionellen Kirchen ringen würden – von der Unabhängigkeit vom Staat bis zum Minderheitenstatus, von der Laienverantwortung bis zum missionarischen Bewusstsein.

Macht Ökumene weniger katholisch?

Kardinal Kasper verschweigt nicht, dass nicht wenige katholische Christen die Sorge haben, durch die Ökumene weniger katholisch zu werden: "Das Gegenteil ist der Fall In der Begegnung mit anderen Christen wird man bereichert, aber man entdeckt auch den eigenen Reichtum und die Schönheit der katholischen Kirche neu." Einen Schwerpunkt legt er auf den geistlichen Ökumenismus, den er als "die Mitte und das Herz der ökumenischen Bemühungen" bezeichnet. Was ist damit gemeint? Lassen wir auch dazu Kardinal Kasper selbst zu Wort kommen:

"Letztlich darf er (der akademische Dialog) nicht eine Angelegenheit von Experten bleiben; er muss vielmehr eingebettet sein in eine Ökumene des Lebens, getragen von einer Ökumene des Gebets, und er muss schließlich vom ganzen Volk Gottes rezipiert werden." An anderer Stelle schreibt er: "Die geistliche Ökumene macht ernst damit, dass die Einheit der Kirche nicht unser Werk, sondern das Werk des Heiligen Geistes ist (...). Die geistliche Ökumene ist Aufgabe jedes Christen und jeder Gemeinde."

Kardinal Kasper räumt ein, dass der Weg zum Ziel der Einheit aller Christen nach menschlicher Voraussicht "wohl länger und mühseliger" sein wird als viele während des ersten ökumenischen Neuaufbruchs der letzten Jahrzehnte gehofft hatten: "Das konkrete Wie, Wann und Wo der vollen Kirchengemeinschaft liegt nicht in unseren, sondern in Gottes Händen."


Kardinal Walter Kasper: Katholische Kirche. Wesen – Wirklichkeit - Sendung, Freiburg 2011, Herder Verlag, 586 S., 29,95 Euro