Das Erbe der Verfolgung: "Wo ist Ai Weiwei?"

Das Erbe der Verfolgung: "Wo ist Ai Weiwei?"
Weltweit wird gegen die Inhaftierung des berühmten chinesischen Künstlers und Regimekritikers Ai Weiwei protestiert. Die Rufe nach Freilassung verhallen in Peking aber ungehört. Das Regime sieht nur eine Einmischung in innere Angelegenheiten.

Mit der Festnahme von Ai Weiwei wurde das "soziale Gewissen Chinas" zum Schweigen gebracht. Die Verfolgung des weltberühmten Künstlers und Regimekritikers trifft eine alte, renommierte chinesische Familie. Sein Vater Ai Qing war einer der berühmtesten Dichter Chinas. Selbst Regierungschef Wen Jiabao zitierte gerne aus dessen Gedichten, um den Patriotismus zu beschwören. So etwa diese Verse von 1938: "Warum füllen sich meine Augen immer wieder mit Tränen? Weil ich mein Land so sehr vermisse." Seit der Festnahme von Ai Weiwei zirkuliert im Internet eine bittere Abwandlung der Antwort des Poeten: "Weil mein Sohn verschwunden ist."

Mit der Haft tritt Ai Weiwei unfreiwillig in die Fußstapfen seines Vaters, der lange politisch verfolgt und erst nach der Kulturrevolution rehabilitiert wurde. Er hatte eine Vorahnung. Schon lange verfolgte ihn die Staatssicherheit. Wenige Tage vor seiner Festnahme erinnerte Ai Weiwei in einem Interview des Hongkonger Magazins "Time Out" an das Schicksal seines Vaters und räumte ein: "Ich habe Angst vor dem Gefängnis." Er habe seinen Vater weniger als Dichter bewundert, sondern wie er zwei Jahrzehnte Verbannung, Arbeitslager sowie Toilettenputzen ertragen und überlebt habe.

Demonstranten fragen weltweit: "Wo ist Ai Weiwei?"

"Wenn ich mich an meinen Vater erinnere, denke ich: Er war eine wirklich starke Seele, ein Poet, der eine Art Gefangenschaft akzeptierte", sagte Ai Weiwei. "Auf diese Weise versuche ich selbst zu verstehen, was im Gefängnis passieren könnte." Seit zwei Wochen steckt der 53-Jährige jetzt erstmals auch selbst in Haft. Um internationale Kritik wegen politischer Verfolgung abzuwehren, werden ihm offiziell "Wirtschaftsverbrechen" vorgeworfen. Es ist in China eine beliebte Anklage, um Kritiker hinter Gitter zu bringen.

Die Festnahme des großen Künstlers ausgerechnet einen Tag nach der Eröffnung des größten deutsch-chinesischen Kulturprojektes "Kunst der Aufklärung" durch Außenminister Guido Westerwelle (FDP) in Peking lässt in Deutschland den Ruf nach einem Abbruch der Ausstellung laut werden. Kanzlerin Angela Merkel (CDU), Politiker quer durch alle Parteien bis hin zum Europa-Parlament fordern einstimmig seine Freilassung. Vor Botschaften und Konsulaten Chinas in der Welt fragten Demonstranten an diesem Wochenende: "Wo ist Ai Weiwei?" Doch so wenig das Regime auf sein eigenes Volk hört, so wenig lässt es sich vom internationalen Proteststurm beeindrucken.

Wie schon beim inhaftierten Friedensnobelpreisträger Liu Xiaobo und dessen - immer noch unter strengem Hausarrest stehender - Frau Liu wird die Forderung nach Freilassung als "Einmischung" zurückgewiesen. Der Westen wolle nur Unruhe stiften und China seine Werte aufzwingen. In einer Schmierkampagne werden dem Künstler Steuerhinterziehung, Verbreitung von Pornografie und sogar "Bigamie" vorgeworfen, während die Familie völlig im Dunkeln gelassen wird.

Die arabische Revolution hat Auswirkungen auf China

"China steckt in einer Ära beispielloser politischer Toleranz", behauptet hingegen die "Global Times", das englische Sprachorgan der Kommunistischen Partei - und ziehe bei Ai Weiwei gleichwohl eine "rote Linie", die nicht überschritten werden darf. Die Vorverurteilung und harschen Töne der "Global Times" sorgen sogar im eigenen Hause für Unmut, wie informierte Kreise berichteten. Immerhin ist ein früherer Journalist des Blattes, Wen Tao, der sich mit ihm angefreundet hatte, zusammen mit dem Künstler festgenommen worden - so wie ein Studio-Partner, der Buchhalter und sein Fahrer.

Die Festnahmen sind der vorläufige Höhepunkt einer der schlimmsten Verfolgungswellen in China seit der blutigen Niederschlagung der Demokratiebewegung 1989. Mehr als hundert Bürgerrechtler, Anwälte und Aktivisten sind seit den ersten Rufen nach "Jasmin-Protesten" nach arabischem Vorbild in China vor zwei Monaten festgenommen wurden, verschwunden, unter Hausarrest gestellt oder bedroht worden. "Du kannst hier festgenommen werden, nur weil Du eine Twitter-Botschaft schreibst", sagte Ai Weiwei in dem Interview kurz vor der Festnahme über die Lage in China.

dpa