Filmkritik: "Winter's Bone" von Debra Granik

Filmkritik: "Winter's Bone" von Debra Granik
Die Gnadenlosigkeit der Provinz: Debra Graniks Film "Winter's Bone" über das Hinterland der USA war die Independent-Sensation der diesjährigen Oscars.
29.03.2011
Von Andreas Busche

Das Hollywood-Kino erfasst die Lebensumstände von 80 Prozent aller Amerikaner höchstens marginal. Wenn dann ein Film wie Debra Graniks "Winter's Bone" in die Kinos kommt, versteht man ein bisschen besser, warum es in den USA Menschen gibt, die sich nicht für Barack Obamas Gesundheitsreform oder das Haushaltsdefizit interessieren. Ihr Leben hat mit dem, was in den Nachrichten behandelt wird, nur sehr wenig zu tun.

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Ein junges Mädchen namens Ree (Jennifer Lawrence) muss allein ihre kranke Mutter und ihre zwei jüngeren Geschwister durchbringen und nebenbei noch den verschwundenen Vater suchen, weil von seinem Verbleiben abhängt, ob die Familie ihr Haus behalten kann. Dann ist da noch der Krimiplot um den lokalen Patriarchen und seine Inzestfamilie, die die illegalen Aktivitäten in den Wäldern von Missouri kontrolliert und wahrscheinlich auch etwas mit dem Verschwinden des Vaters zu tun hat.

Es ist die Selbstverständlichkeit, mit der Granik diese Community an einem vermeintlichen Außenposten der westlichen Zivilisation schildert. Umso erschütternder ist schließlich die Erkenntnis, dass "Winter's Bone" eben nicht am Rande der Zivilisation spielt, sondern im geografischen Zentrum der reichsten Industrienation der Welt.

Jeder ist in "Winter's Bone" in irgendeiner Form mit dem anderen verwandt, auch wenn die familiäre Bindung nur so weit reicht, wie sie von Nutzen ist. Gleichzeitig ist dies eine verschworene Gemeinschaft: Hier redet niemand, weder mit dem örtlichen Sheriff noch miteinander.

Es muss auch gar nichts ausgesprochen werden - auch nicht, dass Rees verschwundener Vater heimlich die Billigdroge Crystal Meth produzierte. "Jeder weiß das", erklärt ihr eine Cousine, "das musst du nicht extra erwähnen." Denn auch was nicht unmittelbar gesagt wird, ist unmissverständlich. "Ich habe dich einmal mit Worten gewarnt, die Klappe zu halten", fährt Rees Onkel seine Frau an, als die ihn überreden will, dem Mädchen zu helfen.

Die Familie als verbindliche und verbindende Instanz

Ree will am Ende zur Armee gehen, weil sie darin die einzige Chance sieht, das Haus ihrer Familie zu retten. Militärdienst oder Drogenkochen, das sind mehr oder weniger die Optionen, die den Menschen in "Winter's Bone" bleiben.

Granik reduziert diesen eingeschränkten Handlungsspielraum allerdings nicht auf eine moralische oder sozialkritische Aussage. Gerade ihre weiblichen Figuren beeindrucken durch einen knallharten Pragmatismus. Die Männer mögen die Geschäfte führen, aber es sind die Frauen, die im Hintergrund die Geschicke lenken. Mit der häuslichen Gewalt haben sie sich notgedrungen abgefunden, gefallen lassen sie sich dennoch nichts.

Ree macht sich über das Schicksal ihres Vaters keine Illusionen, ihr geht es nur um das Wohlergehen ihrer Familie. So brutal, wie Granik das Leben der Menschen in "Winter's Bone" schildert, so konsequent zieht sich doch das Motiv der Familie als verbindliche und verbindende Instanz durch den Film. "Du bist der letzte Mensch, der noch so etwas wie Familie für mich darstellt", gesteht Rees Onkel, der sie beschützen will. Familie, das ist Bürde und Rückhalt zugleich. "Ich wäre verloren ohne das Gewicht von euch beiden auf meinen Schultern", erklärt Ree einmal ihren Geschwistern.

Regie: Debra Granik. Buch: Debra Granik, Anne Rosellini (basierend auf "Winter's Bone" von Daniel Woodrell). Mit: Jennifer Lawrence, John Hawkes, Dale Dickey, Lauren Sweetser. 100 Min, FSK: ab 12. Film des Monats der Jury der evangelischen Filmarbeit.

epd