"Jetzt sind wir angekommen": Neue Synagoge in Hameln

"Jetzt sind wir angekommen": Neue Synagoge in Hameln
In der Reichspogromnacht 1938 wurde sie zerstört: die Synagoge in Hameln. Nur die Grundmauern blieben erhalten. Bei den Ausschachtungsarbeiten wurden noch bunte Glasscherben und Porzellanteile aus der alten Synagoge gefunden. Nun erhebt sich an gleicher Stelle ein ellipsenförmiger, schlichter Neubau. Am Sonntag wird das jüdische Gotteshaus eingeweiht.

Für das Foto vor dem heiligen Schrein räumt Rachel Dohme eilig herumliegendes Werkzeug beiseite. Dann posiert die erste Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde Hameln vor dem aus hellem Ahornholz gefertigten Thoraschrein. Sie strahlt. Jahrelang hat Dohme mit ihrer Gemeinde in provisorisch eingerichteten Räumen Gottesdienste gefeiert. "Jetzt sind wir angekommen", sagt sie, während Handwerker dem deutschlandweit ersten Neubau einer liberalen Synagoge nach dem Zweiten Weltkrieg den letzten Feinschliff verleihen. 1997 wurde die Hamelner Gemeinde von russischen Einwanderern gegründet, heute zählt sie 200 Mitglieder.

Weiß sind die Wände im Inneren der Synagoge. Der Boden ausgelegt mit geöltem und geräuchertem dunklen Eichenparkett, ein dunkelblauer Davidstern ziert ein rundes Oberlicht über dem Altarraum. "Schlicht wie unsere Gemeinde", erläutert Dohme. "Hier finden die heiligen Thora-Schriften ihren Platz", sagt sie und deutet hinter zwei große, mit hebräischen Messingbuchstaben verzierte Glastüren in den Schrein. Rund 12.000 Euro hat die neue Thorarolle gekostet, die die New Yorker Rabbinerin Jo David zur Einweihung aus Amerika mitbringt. New Yorker Spender und der Arbeitskreis christlicher Kirchen aus Hameln haben die Kosten übernommen.

Liberale Ausrichtung des Judentums

Errichtet wurde der Neubau genau an der Stelle, wo vor mehr als 70 Jahren schon einmal ein jüdisches Gebetshaus stand. Nur die mit Brandschutz verfüllten Grundmauern des Vorgängerbaus, der in der Reichspogromnacht 1938 von den Nationalsozialisten zerstört wurde, blieben erhalten. Jetzt erhebt sich auf ihnen der ellipsenförmige, schlichte Nachfolgerbau. Bei den Ausschachtungsarbeiten wurden noch bunte Glasscherben und Porzellanteile aus der alten Synagoge gefunden. Sie sollen bald in einer Dauerausstellung im Hamelner Museum zu sehen sein.

"Es gibt Anzeichen dafür, dass die alte Synagoge liberal ausgerichtet war", sagt die gebürtige US-Amerikanerin Dohme. Auch die heutige Gemeinde hat sich der liberalen Ausrichtung des Judentums angeschlossen. Frauen und Männer haben in dieser Tradition die gleichen religiösen Rechte und Pflichten. "Wir haben etwa mit Irit Shillor eine Frau als Rabbinerin."

Ohne die Hilfsbereitschaft vieler Spender wäre der rund eine Million Euro teure Bau kaum möglich gewesen. Das Land Niedersachsen, die Stadt Hameln und der Landkreis Hameln-Pyrmont übernahmen rund zwei Drittel der Kosten. Den Rest finanziert eine eigens für den künftigen Erhalt der Synagoge gegründete Stiftung durch Spenden und ein Darlehen.

Bäume sollen das Gotteshaus schützen

Von allen Seiten habe sie nur positive Rückmeldungen bekommen, sagt Dohme. "Als wir mitten in den Bauarbeiten waren, kamen zwei kleine muslimische Jungs aus der Nachbarschaft. Ich habe sie herumgeführt und ihnen alles erklärt." Jetzt fiebert sie dem ersten Sabbatgottesdienst am Freitagabend entgegen. Die Gemeinde wird ihn ganz für sich feiern. Die Vorsitzende ist sich sicher: "Alle unsere Mitglieder werden kommen."

Am Sonntag wurde die neue Synagoge unter internationaler Beachtung eingeweiht. "Jede Einweihung einer neuen Synagoge ist ein deutliches Signal, dass wir unsere Zukunft ernst nehmen und bereit sind, hier Wurzeln zu schlagen", sagte der Generalsekretär des Zentralrats der Juden in Deutschland, Stephan Kramer. Zugleich warnte er davor, den Rechtsextremismus zu unterschätzen und einen Schlussstrich unter die Bewältigung der Nazi-Vergangenheit setzen zu wollen.

Im ersten Stock der Synagoge wird bald der Gemeindechor üben. Interessierte finden hier Deutsch-, Yoga- und Literaturkurse, und junge Juden werden auf ihre Bar Mitzwa vorbereitet, eine Art Konfirmation. Dohmes Blick schweift zu den zwei Pyramiden-Eichen vor der Synagoge. Die beiden Bäume sind gepflanzt worden, als die erste Synagoge 1879 eingeweiht wurde: "Ich hoffe, sie beschützen unser neues Gotteshaus länger als das alte."

epd