"Macht es wie die Schweden" - Ein Weg aus der Zeitungskrise?

"Macht es wie die Schweden" - Ein Weg aus der Zeitungskrise?
In Sachen Layout gilt das iPad inzwischen als wegweisend. Doch auch die gedruckte Zeitung kann vom Trend zur Visualisierung profitieren, sagt der Zeitungsdesigner Norbert Küpper.
04.02.2011
Von Ralf Siepmann

Eine Euro-Münze füllt prall und rund praktisch die gesamte Titelseite. So macht die im Tabloid-Format erscheinende "Kleine Zeitung" im österreichischen Graz ihren Lesern Lust auf die Geschichte im Blattinneren zum Drama der griechischen Finanzkrise. Mit einem Gesicht, das der Betrachter doppelt sieht, konfrontiert die niederländische überregionale Tageszeitung "AD" – hervorgegangen aus der Fusion des "Allgemeen Dagblad" mit mehreren Regionaltiteln – den Betrachter. Zehn Prozent der Bevölkerung in den Niederlanden zwischen 16 und 69 Jahren seien Problemtrinker, heißt es dazu. Und dann die ungeschminkte Frage: "Gehören Sie auch dazu?"

Visuell packende Präsentationen und optisch verführende Provokationen sind der Trend bei der Weiterentwicklung ihres Erscheinungsbildes, dem sich viele Tageszeitungen in Europa verschrieben haben. Zwar redet die Branche am liebsten über Websites und E-Reading. Zwar boomen Smart Phones und Tablet-PCs als Abspielkanäle für journalistische Inhalte. Doch ist Print auch im digitalen Medienumbruch alles andere als ein innovationsfreier Raum. "Die gedruckte Zeitung", findet der deutsche Designer Norbert Küpper, "hat nach wie vor Entwicklungspotenzial."

Chancen durch Tabloid?

Gerade das Tabloid-Format, in dem seit ihrem Relaunch auch die "Frankfurter Rundschau" (FR) erscheint, ferner zum Beispiel das "Handelsblatt" und der britische "Independent", hat der Modernisierung der Tageszeitung durch Elemente der Visualisierung Auftrieb verschafft. So haben fast alle schwedischen Zeitungen sehr früh auf das kleinere handlichere Format umgestellt und sich durch markante Bilder und Bilderstrecken, durch serviceorientierte Infografik, Faktenboxen und dynamische Typografie einen zeitgemäßen "look" erobert. Schwedens Qualitätszeitungen "Dagens Nyheter" aus dem Verlagshaus Bonnier und "Svenska Dagbladet" (Verlag Schibsted) etwa sowie die Regionalzeitung "Uppsala Nya Tidning" räumen regelmäßig bei heimischen Designpreisen ab. Sie wurden auch schon mehrfach mit Auszeichnungen beim internationalen Best of Newspaper Design-Wettbewerb der renommierten Society of News Design (SND)bedacht.

Die skandinavischen Länder sieht Küpper ohne jeden Zweifel auf dem Feld des Zeitungsdesigns im Ranking der europäischen Zeitungskulturen ganz vorn. Der Layoutexperte, der seit Gründung seines Büros 1984 nach eigenen Angaben mehr als 100 Zeitungen neu gestaltet hat - zuletzt die "Stuttgarter Nachrichten" und die Tageszeitung "Dolomiten" in Bozen -, nennt als ein Paradebeispiel die Zeitung "Smalandsposten". Sie erscheint in Südschweden.

Der Tabloid-Titel mit einer Auflage von unter 40.000 Exemplaren besticht durch eine grafisch ansprechende Titelseite. Ausschließlich lokalen Themen wird hier eine optische Bühne gezimmert, die zum Weiterlesen im Blattinneren ermuntern soll. Die Zeitung wurde beim "European Newspaper Award" im letzten Jahr in Wien in der Kategorie Lokalzeitung "European Newspaper of the Year". Die Jury des Wettbewerbs zum Thema Zeitungsdesign und Konzeption, den Küpper 1999 initiierte, sprach von einem herausragenden "Leitsystem durch klare Leserführung, Seitentitel und Rubrikenköpfe". Und lobte: "Die Bildsprache wirkt wie aus einem Guss." Die Zeitung setze sehr stark auf eigene lokale Bilder.

Frische Typografien

So wie Apps für iPhone oder iPad sind auch moderne Layouts und frische Typografien keineswegs eine Domäne der großen Zeitungen oder der prestigeträchtigen Qualitätsblätter mit nationaler oder gar internationaler Reputation. Gerade die Lokalzeitung, die speziell bei jungen Leuten häufig als muffig oder "uncool" gilt, kann nach Überzeugung Küppers durch ein attraktives Erscheinungsbild, durch ungewöhnliche Bildschnitte oder auch Bildgrößen Interesse im Publikum finden oder erzeugen. Seine Botschaft untermauerte der Designer in diesen Tagen beim 19. Forum Lokaljournalismus der Bundeszentrale für politische Bildung.

Dass die Investition in Zeitungslayout im Lesermarkt lohnen kann, bestätigt Lutz Feierabend, stellvertretender Chefredakteur des "Kölner Stadt-Anzeigers": "Wir haben 2009 die Erfahrung gemacht, dass Leute sehr positiv auf die Layoutveränderungen unserer Zeitung reagiert haben. Es reicht nicht, dass die neue Gestaltung das Blatt besser lesbar macht, sondern sie muss Emotionen wecken. Gelingt dies, kann eine Zeitung durch einen Relaunch zulegen."

Visuelles Zeitalter

Spätestens seit Erfindung des Fernsehens und des optisch getriebenen Internets befinden sich die modernen Gesellschaften im "visuellen Zeitalter". Eine Reihe von erfolgreichen Innovationen in die formale Qualität von Printprodukten zeigt, dass die "gute alte Zeitung" nicht nur von diesem Trend nicht abgeschnitten ist, sondern von ihm auch profitieren kann.

Patentrezepte freilich gibt es nicht. Küpper, der auch schon ein Zeitungshaus in den Vereinigten Arabischen Emiraten beraten hat, sieht die grafischen Erneuerungsprozesse im Spannungsfeld zweier Pole: "Die Überarbeitung eines Layouts muss einerseits die Funktionalität einer Zeitung bewahren. Sie darf zum anderen nicht die Leser überfordern."

Vorher testen

Zeitungslesen ist wie andere Kulturtechniken er- und gelerntes Verhalten. Eine im vergangenen Jahr am Institut für praktische Journalismusforschung an der Universität Leipzig entstandene Studie hat mögliche Bruchstellen überdeutlich aufgezeigt. Radikale Änderungen etwa des Erscheinungsbildes oder auch der Blattstruktur – dies das zentrale Ergebnis der Expertise – kann unter Lesern großen Widerstand auslösen. Und, wie manches Beispiel gezeigt hat, Kündigungen des Abonnements. Auch bei der FR muss man feststellen, dass der Zeitung die Umstellung auf das Tabloidformat offenbar nicht genutzt hat. Die Auflage jedenfalls sinkt stetig weiter.

Ein Mittel zur Verhinderung solcher Brüche sind, wie Küpper erläutert, sogenannte Pretests. Sie sind in der Markt- und Werbeforschung gang und gäbe, wenn Millionen schwere Budgets auf dem Spiele stehen. Ausgewählte Leser testen in Kleingruppen die Akzeptanz eines neuen Zeitungslayouts. Besteht das neue Konzept bei ihnen, weiß Küpper, kann es sich auch generell bewähren.


Dr. Ralf Siepmann ist freier Journalist in Bonn.