Das neue Benzin: Mehr "Agro" als "Bio"

Das neue Benzin: Mehr "Agro" als "Bio"
Im neuen Jahr können Autofahrer ein neues Benzin tanken, das zu zehn Prozent aus Bio-Ethanol besteht. Ethanol ist nichts anderes als Alkohol. Es wird aus Pflanzen gewonnen und soll die CO2-Bilanz verbessern. Denn bei der Verbrennung wird nur so viel Kohlendioxid verbraucht, wie die Pflanzen vorher geschluckt haben. Doch die Rechnung geht nicht ganz auf.

Das Bundesumweltministerium verfolgt mit der Erhöhung des Bio-Ethanol-Anteils im Benzin zwei Ziele: Erstens soll der Autoverkehr weniger CO2 in die Atmosphäre blasen. Zweitens schont man die Erdöl-Reserven, und Europa wird etwas unabhängiger von den häufig politisch instabilen Ländern, in denen Erdöl gefördert wird.

Bisher sind im Super-Benzin fünf Prozent Bio-Ethanol enthalten, demnächst dann wahlweise zehn Prozent. Der Kraftstoff wird in Deutschland aus Weizen, Roggen oder Zuckerrüben gewonnen, in den USA vorwiegend aus Mais. Damit die pflanzlichen Rohstoffe wirklich auf Dauer im Sinne des Umweltschutzes genutzt werden, gilt eine so genannte Biokraftstoff-Nachhaltigkeitsverordnung. Darin steht, dass die Energie-Pflanzen nicht auf Flächen mit hoher Artenvielfalt und nicht auf kohlenstoffhaltigen Böden angepflanzt werden sollen.

Der Naturschutzbund NABU in Deutschland befürchtet allerdings, dass genau das passieren wird. In Osteuropa und Russland beispielsweise gebe es große freie Moorflächen, erklärt der NABU-Verkehrsexperte Dietmar Oeliger. Diese Moore landwirtschaftlich zu nutzen, würde bedeuten, dass dort erst einmal große Mengen CO2 aus dem Boden entweichen. "So viel kann man über Jahrhunderte nicht mehr binden", sagt Oeliger.

NABU: Schutzrichtlinie kann umgangen werden

Zwar schließt die Nachhaltigkeitsverordnung die Nutzung von Flächen mit hoher Artenvielfalt oder hohem Kohlenstoffgehalt für den Anbau von Energiepflanzen aus, doch über Verschiebungen im Welthandel würden sie möglicherweise doch genutzt, warnt Oeliger: Wandelt ein Landwirt irgendwo auf der Welt eine Fläche um und baut Rüben oder Mais zur Energiegewinnung an, dann muss sein ursprüngliches Produkt, woanders wachsen – wenn es schlecht läuft, in einem ehemaligen klimaschützenden Wald. Das nennt der NABU-Experte "indirekte Landnutzungsänderung", es bedeutet praktisch eine Umgehung der Schutzrichtlinie. Die CO2-Bilanz des Bio-Sprits könne am Ende sogar negativ ausfallen.

Greenpeace-Agrarexperte Martin Hofstetter geht noch weiter: Das Ethanol im Benzin sei nicht "bio", sondern höchstens "agro". Denn die Anbauflächen würden intensiv mit Pestizid- und Düngereinsatz bewirtschaftet, das schade dem Grundwasser. Außerdem seien die Ressourcen "Wald" und "Ackerfläche" weltweit begrenzt.

Hoher Mais-Bedarf löste "Tortilla-Krise" aus

Von 12 Millionen Hektar Ackerland in Deutschland würden 2 Millionen Hektar für Energiepflanzen insgesamt und 400.000 Hektar für die Ethanolproduktion verwendet, erklärt Hofstetter. Europa müsse jetzt schon Ackerfläche "importieren". Die steigende Nachfrage nach Ethanol wirke sich auf die Nahrungsmittelpreise aus, unsere Mobilität gehe also auf Kosten ärmerer Menschen.

Der Chef des Münchener ifo-Instituts, der Ökonom Hans-Werner Sinn stimmt dem zu: "Die Förderung des Biosprits hat Hungerkrawalle mit verursacht". So sei durch den hohen Mais-Bedarf auch die Tortilla-Krise 2007 in Mexiko entstanden.

Dagegen betont der Präsident des Biokraftstoff-Verbands, Claus Sauter, nach einer Berechnung der Weltbank würden nur 1,5 Prozent der Ackerflächen für die Biokraftstoffproduktion genutzt. Mit Blick auf die Tank/Teller-Kritik von ifo-Chef Sinn sagt Sauter, in Europa würden lediglich zwei Prozent der Getreideernte für Ethanol eingesetzt. Weltweit stünden noch ausreichend Brachen und degradierte Flächen zur Verfügung, um Biokraftstoff herzustellen.

evangelisch.de/aka/mit Material von dpa