Bachelor in Theologie kann sinnvoll und hilfreich sein

Studenten der Augustana-Hochschule in Neuendettelsau üben am  in einem Seminar den Schlusssegen. (Archivbild)
epd-bild/Timm Schamberger
Studenten der Augustana-Hochschule in Neuendettelsau üben in einem Seminar den Schlusssegen. (Archivbild)
Zur Debatte ums Pfarramtsstudium
Bachelor in Theologie kann sinnvoll und hilfreich sein
Der Evangelisch-theologische Fakultätentag hat den Weg freigemacht für ein flexibleres Pfarramts-Studium. Studierende, können das Studium künftig mit einem Bachelor abschließen. Das hat Kritik hervorgerufen. evangelisch.de hat mit Melanie Köhlmoos, Dekanin des Fachbereichs Evangelische Theologie an der Goethe-Universität Frankfurt und Mitglied des Fakultätentags, über die Kritikpunkte gesprochen.

evangelisch.de: Nach der in Jena erzielten Einigung soll es Universitäten und Landeskirchen künftig freigestellt sein, nach welchem Modell sie Studienordnungen und Prüfungen ausgestalten. Kurz nach Bekanntwerden dieser Pläne gab es daran Kritik. Haben Sie mit diesen Reaktionen gerechnet?

Melanie Köhlmoos: Insgesamt fand ich die Reaktionen eher positiv. Zwar gibt es weiterhin Stimmen, die das BA/MA-System grundsätzlich ablehnen, aber im Großen und Ganzen ist es eine konstruktive Debatte.

Mit der Bachelor-Master-Umstellung entfällt das traditionelle Abschlussexamen über die gesamte Stoffbreite, sind da die Sorgen der Kritik nicht begründet, dass die wissenschaftliche Tiefe abnimmt?

Melanie Köhlmoos, Dekanin des Fachbereichs Evangelische Theologie an der Goethe-Universität Frankfurt.

Köhlmoos: Das kommt darauf an, ob die neuen BA/MA-Studiengänge – vor allem der Master – die thematische Breite und die wissenschaftliche Tiefe angemessen in das Studium integrieren können. Das klassische System hat, vor allem in den letzten Jahren, dazu geführt, dass in den Repetitorien und in der individuellen Examensvorbereitung blind "gepaukt" wurde und Stoffe gelernt, die niemals in der Lehre vertieft worden sind. Das neue System gibt den Lehrenden eine Chance, ihre Fächer noch einmal auf den Prüfstand zu stellen und zu fragen, was im Überblick gelernt werden kann und was vertieft werden muss.

"Das klassische System hat, vor allem in den letzten Jahren, dazu geführt, dass in den Repetitorien und in der individuellen Examensvorbereitung blind "gepaukt" wurde und Stoffe gelernt, die niemals in der Lehre vertieft worden sind"

Ist diese Tiefe heute eigentlich aus ihrer Perspektive noch nötig, um ein guter Pfarrer oder eine gute Pfarrerin zu sein?

Köhlmoos: Die wissenschaftliche Tiefe unbedingt. Da geht es ja nicht primär um Themen, sondern um ihre wissenschaftliche Bearbeitung, d.h. Methoden und Reflexion, Anwendung, Transfer usw. Das muss eine Pfarrperson in jedem einzelnen theologischen Fach können. Wenn Sie mal schauen, was im Netz und in den sozialen Medien für haarsträubender Unsinn über die Theologie verbreitet wird (nicht anders als in der Medizin oder in anderen Wissenschaften), dann werden Sie sehr schnell sehen, wie wichtig informierte und reflektierte Theologie ist. Das wissenschaftliche Studium der Theologie an staatlichen Universitäten ist eingeführt worden, um eine ahistorischen "Theologie" zu verhindern, die einfach Dogmen alter und neuer Art verbreitet. Dabei soll und wird es bleiben.

Die neue Rahmenordnung soll Studieninteressierte eher dazu bringen ein Studium anzunehmen und abzuschließen, befürchten Sie nicht, dass der Bachelor als "Exit-Option" die Abbruchquoten eher verfestigt als Studierende tatsächlich bis zum Pfarramt zu binden?

Köhlmoos: Nun ist ein sog. "Exit"-Bachelor ja kein Abbruch, sondern ein abgeschlossenes Studium, das zu einem Beruf qualifiziert. Ich kann mir einen theologischen Bachelor sogar in vielen Berufsfeldern hilfreich und sinnvoll vorstellen, die auf den ersten Blick nichts mit Kirche zu tun haben: Medien, Politik, öffentliche Verwaltung usw. Es gibt solche BA-Studiengänge bereits in Passau und Regensburg – mit gutem Erfolg. Es müssen sich nur Arbeitgeber:innen daran gewöhnen, dass Ev. Theologie/Ev. Religion BA ein guter und sinnvoller Abschluss ist.

Tatsächlich könnte ein "Exit"-Bachelor für manche Studierende sogar hilfreich sein. Menschen, die während des Theologiestudiums merken, dass sie und die Theologie nicht zueinander passen – aus welchen Gründen auch immer – verlieren weniger Zeit und haben weniger biographische und persönliche Probleme, wenn sie frühzeitig, aber mit Abschluss, aus der Theologie in einen anderen Karriereweg wechseln.

Im Bachelor sollen künftig zwei der drei alten Sprachen (Hebräisch, Griechisch, Latein) erlernt werden und erst eine weitere im Master, was ist der Grund dafür, und wie verhindern Sie, dass Sprachkompetenz am Ende nur noch auf niedrigerem Niveau vorhanden ist?

Köhlmoos: Wir haben auf dem Fakultätentag intensiv darüber diskutiert und unter kompetenter Anleitung der anwesenden Sprachdozierenden das Problem bearbeitet. Der Grund für diese Zwei/Eins-Lösung liegt in den vorgegebenen Rahmenbedingungen für ein BA-Studium: Die Regelungen über Module und CreditPoints machen es einfach nicht möglich, alle drei Sprachen schon in den BA zu integrieren. Dabei ist es den einzelnen Unis – und den Studierenden – freigestellt, welche Sprache wann gelernt wird.

Die jetzigen Modelle sehen auf jeden Fall vor, dass die Sprachen in das Studium integriert werden und nicht mehr als Eingangsvoraussetzung zum Studium überhaupt gelten. Nach meinem Dafürhalten leidet das Niveau gerade nicht, wenn man das z.B. das Hebräisch-Lernen in einen Grundlagenkurs über das Alte Testament integriert. Man verbringt also nicht mehr die ersten Semester fast ausschließlich mit den Sprachen und ist dann "sprachfrei", sondern man lernt die Sprachen von Anfang bis Ende des Studiums. Das hebt das Niveau ungemein.

Das Pfarramtsstudium soll auf fünf Jahre verkürzt werden. Welche Inhalte oder Anteile des bisherigen Magister-Studiums fallen dafür weg, und wie vertragen sich fünf Jahre mit den Anforderungen der Landeskirchen an die Pfarrerausbildung?

Köhlmoos: Was auf jeden Fall wegfällt, ist die lange Examensvorbereitungs- bzw. Integrationsphase, die in aller Regel zwei Semester dauert. Was ansonsten "wegfällt", wird jede Uni je für sich in den Studienordnungen festlegen. So wird am Ende nichts wirklich "wegfallen", sondern eher transformiert werden.

Die Landeskirchen bestehen derzeit auf einem kirchlichen, Magister- oder Masterabschluss als Voraussetzung für die Übernahme in die Zweite Ausbildungsphase. Die Standards für den erfolgreichen Abschluss dieser Prüfung sind ausschließlich fachlicher Natur, und den Landeskirchen ist es gleichgültig, wie lange es gedauert hat, bis diese Standards erreicht werden.

Der sehr erfolgreiche Weiterbildungsmaster, den die Universitäten Marburg, Mainz/Frankfurt, Greifswald, Heidelberg und Wuppertal anbieten, zeigt deutlich, dass die Qualität eines Theologiestudiums nicht an dessen Dauer gebunden ist.

Kritiker warnen, die Reform schwäche die wissenschaftliche Qualität und die Freiheit des theologischen Studiums, was sagen Sie dazu und gibt es konkrete Maßnahmen und Qualitätssicherungsmechanismen in den neuen Rahmenstudien- und Prüfungsordnungen, die das verhindern sollen?

Köhlmoos: Pauschal würde ich nicht sagen, dass die Qualität leidet. Wie hoch die Qualität eines Studiums ist, liegt nicht nur am Rahmenangebot, sondern auch an der konkreten Durchführung vor Ort und nicht zuletzt am studierenden Individuum. Die Einführung dieser neuen Studiengänge geht darüber hinaus einen langen und komplizierten Weg der Qualitätssicherung: Zunächst entwirft eine theologische Fakultät ein solches Studienmodell, das vom Senat der jeweiligen Uni genehmigt werden muss. Parallel dazu geht die Rahmenordnung des Fakultätentages durch bestimmte Gremien, am Ende müssen die beiden Ordnungen noch aufeinander abgestimmt werden. Bevor ein Studiengang endgültig eingeführt wird, muss er noch durch eine spezielle Agentur "akkreditiert" werden; hier wird darauf geachtet, dass Vergleichbarkeit der Studiengänge, Studierbarkeit, Mobilität usw. gewährleistet sind. 

Die Freiheit des theologischen Studiums ist schon durch die Modularisierung der Studiengänge in den 2000er-Jahren verändert worden, wenn man sie mit den Zeiten davor vergleicht. Indes sehen die modularisierten Studiengänge schon heute vor, dass inter- und transdisziplinär, praxisorientiert usw. studiert wird. Das hat meines Erachtens zu einer Art von Freiheit geführt, die zwar stärker lenkt als zuvor, gleichzeitig aber den "Tunnelblick" verhindert. 

So bin ich zuversichtlich, dass im Großen und Ganzen die Reform des Studiums der Evangelischen Theologie in Deutschland weiterhin theologische Qualifikation auf hohem Niveau ermöglichen wird.