Kommt die Gewalt aus dem Islam? Zehn Behauptungen und zehn Antworten

Junger Muslim betet in einer Moschee.

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Junger Muslim betet in einer Moschee.

Immer wieder wird Terrorismus mit dem Islam in Verbindung gebracht, weil Täter sich auf die Religion berufen. Doch Gewalt mit dem Islam gleichzusetzen, ist falsch. Eine Einordnung von Ahmad Milad Karimi, der in Münster Islamwissenschaft lehrt.

Behauptung 1: Der Islam ist eine gewalttätige Religion

Der Islam selber kann nicht handeln und auch keine Gewalt ausüben. Islam ist die Bezeichnung für eine Weltreligion mit gegenwärtig ca. 1,6 Milliarden Anhängern. Ein Urteil über den Islam kommt entweder aus dem theologischen Bewusstsein dieser Religion oder aus der empirischen Beobachtung der Muslime. Der Hang zur Gewalt ist keine religiöse Begebenheit.

Hingegen lassen sich die Friedenspotenziale der Religion des Islam theologisch begründen. Der Islam versteht sich als ein Weg der Glückseligkeit: Seine Ethik mit allen Tugenden, die uns seit der Antike bekannt sind, besteht darin, das mittlere Maß zu halten, jenes zwischen zwei Extremen, Übermaß und Mangel. Der Islam als Religion bewegt Muslime dazu, "Frieden zu stiften zwischen den Menschen" (Koran 2,224). Dafür begreift sich der Koran als Rechtleitung und der Prophet Muhammad als Vorbild.

Das Ziel des Korans ist Gerechtigkeit, nicht zum Beispiel das Abhacken von Händen. Das Handabhacken ist eine Strafe aus dem 7. Jahrhundert. Nicht das Abhacken der Hände ist spezifisch islamisch, nicht der Strafvollzug ist das erklärte Ziel des Islam, sondern die Herstellung einer gerechten Gesellschaftsordnung. Deshalb sind die Strafandrohungen im Koran aus diesem Bewusstsein heraus zu lesen. Heute ist die Welt nicht mehr dieselbe wie damals.

Behauptung 2: Der Koran legitimiert Attentate und Selbstmordattentate

Autor
Ahmad Milad Karimi

Ahmad Milad Karimi wurde 1979 in Kabul geboren. Mit 13 Jahren flüchtete seine Familie vor dem Bürgerkrieg in Afghanistan. Er studierte Philosophie und Islamwissenschaft in Freiburg i.B. und arbeitet seit 2012 als Professor am Zentrum für Islamische Theologie in Münster.

Der Koran versteht sich als eine entschiedene Liebeserklärung Gottes an die Menschen allesamt (vgl. Koran 5,54). In diesem Sinne ist der Koran für Muslime die Offenbarung Gottes, die leitet, trägt, tröstet, zum Guten überzeugt und verpflichtet, das Leben bejaht, Vielfältigkeit und Andersartigkeit würdigt, Hass und Zerstörung klar ablehnt.

In diesem Sinne gibt der Koran zu bedenken: "Wenn einer erhält jemanden am Leben: es soll sein, als hätte er erhalten die Menschen am Leben, allesamt", wie auch die Tötung eines Menschen derart begriffen wird, "als hätte er getötet die Menschen, allesamt" (Koran 5,32). Attentäter und Selbstmordattentäter wollen Zerstörung und Vernichtung. Damit ist jeder Mensch jederzeit wert, vernichtet zu werden – für ein größeres Ziel, das aber nicht in diesem Leben zu finden ist.

Dieser militante Nihilismus leugnet die Schöpfung und damit im Wesentlichen den Schöpfer. Sie kehren die Position der islamischen Religion um: Sie leugnen Gott. Attentate und Selbstmordattentate sind deshalb nicht im Entferntesten aus dem Koran zu legitimieren. Denn wer glaubt, so steht es im Koran, der lebt in Demut, der vertraut Gott, spielt aber nicht selbst Gott.

Behauptung 3: Muhammad ist ein Kriegstreiber

Es gibt viele Mythen um den Propheten Muhammad. Es lässt sich nicht leugnen, dass er in seinem Leben Feldzüge – zum größten Teil gegen die Mekkaner – unternommen hat. Es ist aber falsch, die Gründe der Feldzüge undifferenziert bloß kriegerisch zu deuten. Ebenso falsch ist es, seine Person und sein Gesamtwerk, ja seine Botschaft ausschließlich auf diese Feldzüge zu reduzieren. Die muslimische Denktradition hat dafür nahezu eine eigene literarische Erzähltradition entwickelt, die sich peinlich genau mit den einzelnen Feldzügen befasst. Darin werden die Ursachen, Ziele, Verluste, Strategien analysiert und kritisch gewürdigt.

Der Prophet Muhammad hat für die Muslime eindeutig eine völlig andere Bedeutung. Wie der Koran nahelegt, ist er entsandt worden "aus Barmherzigkeit für die Welten" (Koran 21,106). Die Prinzipien, die er im Bewusstsein der Muslime verkörpert, sind Gerechtigkeit, Güte und Frieden. Muhammad tritt als moralisches Vorbild hervor. Er ermutigt die Muslime nicht zum Schlechten noch stiftet er Intoleranz, sondern an ihm haben die Muslime "ein Vorbild, ein schönes" (Koran 33,21). Er ist entsandt worden, um den Charakter der Menschen zu vervollkommnen.

Behauptung 4: Muhammad ist der einzig wahre Prophet

Der Islam begreift sich wesentlich als eine Religion, welche die überlieferte Tradition des Juden- und Christentums neu formuliert. Alle drei Religionen beziehen sich auf den Stammvater Abraham. Darüber hinaus legt der Islam einen eigenen theologischen Standpunkt des Gottesbildes dar. Zum islamischen Selbstverständnis gehört die Würdigung der vorausgegangenen monotheistischen Traditionen, also des Juden- und Christentums. Der Prophet Muhammad gilt als Prophet und Gesandter, der in der Tradition einer Reihe von Propheten steht, die von Gott entsandt wurden (vgl. Koran 3,144), um das Gute zu gebieten und das Schädliche abzuwehren.

Ohne Zweifel genießt der Prophet Muhammad eine herausragende Wertschätzung als letzter Prophet. Doch von Adam, Abraham, Hiob, Mose, Jesu und vielen anderen prophetischen Persönlichkeiten ist im Koran ausdrücklich die Rede. Sie werden ausnahmslos mit höchster Würdigung und Anerkennung bedacht – als Vorbilder, Lehrer und Wegweiser. So wird im Koran empfohlen: "Sagt: ‹Wir glauben an Gott und an das, was uns wurde herabgesandt, und was Abraham wurde herabgesandt, Ismael, Isaak, Jakob und den Stämmen, und was empfingen Mose und Jesus, und was empfingen die Propheten von ihrem Herrn. Nicht unterscheiden wir unter ihnen und Ihm wir sind ergeben.›" (Koran 2, 136).

Behauptung 5: Der Islam ist eine politische Ideologie

Nicht der Islam ist eine politische Ideologie, sondern der Islam kann für diese oder jene politische Ideologie instrumentalisiert werden. Dabei geht die Ideologie stets dem Islam voraus. Nicht Muslime sind ideologisch, sondern Ideologen können auch Muslime sein. Hierfür bietet aber der Islam keine spezifische Plattform an.

Es ist ein historisches Faktum, dass politischen Ideologen islamischer Prägung kaum adäquate theologische Ausbildung erfahren haben. Zumeist handelt es sich um Amateure mit mangelhafter intellektueller Anschauung und marginalem Verständnis der vielfältigen und von Mehrdeutigkeit getragener Geistesgeschichte der islamischen Tradition. Für das Phänomen der Ideologisierung trägt nämlich der Islam dasselbe Schicksal wie das Christentum und der Buddhismus.

Behauptung 6: Der Islam strebt die Weltherrschaft an, Jihad ist der Weg dahin

Bereits am Anfang der ersten Sure des Korans wird deutlich hervorgehoben, dass allein Gott die oberste Gewalt zukommt: "Das Lob Gott, dem Herrn der Welten, dem Barmherzigen und dem Erbarmer, dem Herrscher am Tage des Gerichts" (Koran 1,2-4). Der Islam ist aber nicht Gott. Gegen den Anspruch, alle Menschen sollen Muslime werden, wird im Koran gesagt: "Für jeden von euch haben Wir Richtung und Weg bestimmt. Und hätte Gott gewollt, hätte Er euch gemacht zu einer Gemeinschaft, einer einzigen. Aber Er wollte euch in dem prüfen, was Er euch gegeben. So wetteifert um die guten Dinge! Zu Gott werdet ihr zurückkehren, allesamt, und dann wird Er euch offenlegen, worüber ihr uneins wart" (Koran 5,48).

Jihad bedeutet weder Krieg noch heiliger Krieg. Sondern es geht hierbei um die individuelle Abmühung auf dem Wege Gottes (vgl. Koran 61,11). So wird in der islamischen Geistestradition sehr differenziert mit diesem Phänomen umgegangen. Zum Beispiel wird zwischen dem kleinen und dem großen Jihad unterschieden. Der große Jihad gilt als der innere Kampf des Menschen mit sich selbst, mit dem Ziel, Selbstkontrolle, Reinheit der Seele und Veredelung des Charakters zu erlangen. Dabei ist entschieden zu sagen, dass eine aktive, verletzende Gewalt schlicht verboten ist. Für das individuelle Leben der Muslime ist Jihad allein als verteidigende, abwehrende Gewalt legitimiert, was auch völkerrechtlich zulässig ist.

Behauptung 7: Es ist nicht erlaubt, den Koran zu interpretieren. Es gilt das geschriebene Wort.

Der Koran ist die Offenbarung des einen Gottes. Diese Offenbarung ist sprachlich vermittelt. Der Grundcharakter dieser sprachlichen Vermittlung ist ästhetisch: Der Koran ist zutiefst poetisch, er hat Klang, Rhythmus, Melodie, Takt, Reim; grundsätzlich ist der Koran geprägt von Metaphern, Analogien, Gleichnissen, Sprachbildern, Erzählungen, Fragmenten, Andeutungen etc. Der Zugang zu dieser "progressiven Universalpoesie" – um eine Wendung des Literaturhistorikers A.W. Schlegel zu gebrauchen – ist ausschließlich die Interpretation. Muslime verhalten sich zum Koran im Akt des Verstehens. Die beabsichtigte Botschaft des Korans will nämlich verstanden sein.

Insofern gilt das geschriebene Wort für das Bewusstsein des Menschen. Jedes Bewusstsein ist aber historisch, im umfassenden Sinne geprägt vom historischen Kontext. Daher muss jeder, der den Koran verstehen will, nicht nur die historischen Bedingungen bedenken, sondern auch seine eigenen Voraussetzungen wahrnehmen. Der Umgang mit dem Koran wird dadurch aber nicht beliebig. Verständnis setzt zwar Pluralität voraus, aber die Auslegung hat auch konkrete Rahmenbedingungen zu erfüllen. Sie muss plausibel sein, den Zeitgeist berücksichtigen, die Offenheit des Korans bewahren und im Einklang mit dem Gesamttext stehen.

Behauptung 8: Im Koran wird zur Erniedrigung und Unterdrückung der Frauen aufgerufen

Im Koran lässt sich ein solcher Aufruf nicht einfach finden. Frauen und Männer sind gleichwertig. Der Islam kennt keine Erbsünde, die auf Eva zurückgeführt wird. Im Koran werden Eva und Adam verführt, Eva tritt nicht als Verführerin auf. Im Koran wird nicht selten von den frommen und gläubigen Frauen im gleichen Atemzug gesprochen wie von den frommen und gläubigen Männer. Historisch lässt sich zeigen, dass sich die Stellung der Frauen mit der Entstehung des Islam deutlich verbessert hat. So mahnt der Prophet die Männer: "Der Beste unter euch ist derjenige, der am besten zu seiner Frau ist." Frauen gerecht zu behandeln, ist klar aus dem Koran zu entnehmen. Die Frauen, von denen wir aus dem Umkreis des Propheten erfahren, waren stets selbstbewusste, mutige, starke Frauen. Somit ist im Koran selber kein Grund gegeben, Frauen zu unterdrücken oder gar zu erniedrigen. Eine solche Haltung muss als eine Perversion der Religion des Islam bezeichnet werden.

Es ist aber auch anachronistisch und falsch, aus den heutigen, emanzipatorischen Errungenschaften heraus über das Frauenbild im Koran zu urteilen. Im Kontext der Zeit zeigt der Koran einen revolutionären Fortschritt für die Frauen. Dies sollte der Geist sein, den die Muslime auch heute in ihrer Auslegung des Korans zu beachten haben. Mit anderen Worten: Die Vision, die der Koran im Kontext des 7. Jahrhunderts auf der arabischen Halbinsel formuliert, ist nicht erreicht: die Würdigung der Frau in allen Belangen des Lebens.

Behauptung 9: Muslime verachten Andersgläubige und Nichtgläubige

Muslime verachten die, die andere verachten. Der Islam erhebt keinen absoluten Exklusivanspruch. Jedoch ist das Verhältnis der Muslime zu den Nichtmuslimen differenziert. In aller Deutlichkeit gibt der Koran vor, dass Muslime weder Andersgläubige und Nichtgläubige ignorieren sollen noch sie verachten oder gar mit Gewalt und unter Zwang zum Islam bekehren sollen. "Streitet mit den Leuten der Schrift [d.h. Juden und Christen] nur in schöner Weise!" (Koran 29,46), heißt es im Koran. An keiner Stelle des Korans findet sich ein Pauschalurteil über die Juden und Christen. Sehr wohl aber ist eine dezidierte Kritik an einem bestimmten Verständnis jüdischer oder christlicher Prägung zu lesen. Die Kritik bezieht sich aber immer auf einen bestimmen religiösen Gegenstand. Zum Beispiel wird das jüdische Verständnis der Erwählung des einen Volkes mit dem Argument zurückgewiesen, dass es gegen die universale Zuwendung Gottes verstößt. Weiter wird im Koran der Gedanke der Christologie und die damit verbundene Trinität abgelehnt, weil er die absolute Einheit Gottes verletzt.

Der Koran empfiehlt also eine argumentative und ästhetische Streitkultur für das Gute, Wahre und Schöne. Weiter ist zu lesen: "Gott ist unser Herr und euer Herr. Uns unsere Werke und euch eure Werke! Kein Streitgrund zwischen uns und euch. Gott wird uns versammeln. Und zu Ihm führt die Heimkehr" (Koran 42,15). Der Islam predigt aber auch keinen Relativismus. Nicht an Gott zu glauben wird nicht für gleichwertig geachtet; jedoch nicht Menschen richten über Menschen in dieser Angelegenheit, sondern eben allein Gott.

Behauptung 10: Scharia bedeutet Frauen steinigen und Hände abhacken

Die Scharia ist kein Buch, in dem dieses oder jenes steht, keine Gesetzessammlung oder ein bestimmter Teil des Korans, sondern die Bezeichnung für Gottes Urteil. Sie ist auch kein Handbuch zur Legitimation von Gewalt. Der Begriff Scharia bezeichnet einen Weg, den Weg zur unerschöpflichen Quelle. Eine eindeutige Klärung des Begriffs gibt es nicht in der islamischen Tradition. Vielmehr wird das Phänomen Scharia perspektivisch gedeutet: Es ist eben Gottes Urteil, das das menschliche Verhalten und Handeln beurteilt, ein Urteil also, das sich naturgemäß vom menschlichen Urteil unterscheiden muss. Der Mensch verfügt demnach nicht über die Scharia, er kann nur versuchen, sie zu verstehen und nachzuvollziehen.

Aus der Perspektive des Menschen ist die Scharia eine Norm, die das ethische und moralische Handeln des Menschen begründet. Sie ist aber für den Menschen nicht gänzlich erfassbar. Die Scharia ist absolut, aber der Mensch kann die göttlichen Instanz nur annähernd ergründen, verstehen und beurteilen. Aus diesem Bewusstsein heraus ist im Islam eine eigene Disziplin der Rechtsgelehrsamkeit hervorgegangen, die sich eben fiqh (Verständnis) nennt. Die Rechtswissenschaft vertritt also nicht die Scharia, sondern ein (relatives) Verständnis derselben. Es ist aber sehr wohl eine Wissenschaft, sie ist methodisch bestimmt, historisch begründet und vor allem an Kriterien gebunden, die unter anderem vom Koran als erste sowie von der Sunna als prophetische Quelle ausgehen.

Dieser Artikel erschien ursprünglich beim Schweizer Radio und Fernsehen, srf.ch/kultur.