Wegen der Homo-Ehe: Frankreichs Protestanten lassen sich scheiden

Zwei Frauen, eine mit Regenbogenflagge, küssen sich vor einem Geschäft für Brautmoden in Lyon, Frankreich.

Foto: Jeff Pachoud/AFP/Getty Images

Zur Homo-Hochzeit kocht jeder sein eigenes Süppchen: Weil evangelikale und liberale Protestanten sich in der Bewertung von Segnungsgottesdiensten für gleichgeschlechtliche Paare nicht einig sind, wollen sie das Reformationsjubiläum nicht gemeinsam feiern.

"Auf dass die Liebe des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes auf Euch ruhe", sagt der Gemeinde-Pastor zu den beiden jungen Frauen, die im Chorraum der protestantischen Kirche Bon Secours in Paris vor ihm niederknien. Er hat den Bräuten die Hände aufgelegt. Nun tauschen die beiden Frauen Ringe aus und der Pastor spricht die Worte: "Vereint durch die Bünde der Ehe, tragt fürderhin als Bürgschaft Eures Bundes den Ring der Euch an ihn erinnert."

Die Segnung gleichgeschlechtlicher Paare hat nicht nur in Deutschland, sondern auch in Frankreich zu einer heftigen Debatte zwischen evangelikalen und liberalen Protestanten geführt. Wie unversöhnlich die beiden Lager sich gegenüberstehen, zeigt sich an den geplanten Feiern zum Reformationsjubiläum 2017. Das geplante "Protestants en fête" in Lyon wurde durch den Evangelischen Kirchenbund Frankreichs abgesagt. Das Jubiläum wird nun nicht mehr in Lyon, sondern in Straßburg gefeiert.

Wie am 16. Februar bekannt wurde, ist diese Ortsverlegung eine Reaktion auf die unversöhnlichen Haltungen der protestantischen Kirchen zur Homo-Segnung. Die Baptisten-Kirche von Lyon unter der Leitung von Pastor John Wilson weigert sich, am Jubiläumstag das Abendmahl gemeinsam mit den Gemeinschaften der Protestantisch-Unierten Kirche Frankreichs zu feiern, weil letztere im Mai 2015 auf der Synode von Sète ihr Ja-Wort zur Segnung homosexueller Paare in evangelischen Kirchen gegeben hatte.

Es gibt über die Weigerung der Baptisten kein offizielles Dokument. Doch am 27. Februar erklärte Erwan Cloarec, ebenfalls Pastor der Baptisten-Gemeinde von Lyon, in einem Interview: "Es war zuerst davon die Rede, die fünfhundert Jahre Reformation zusammen zu feiern, in Form eines gemeinsamen Gottesdienstes. In der Tat hat die Entscheidung der Protestantisch-Unierten Kirche Frankreichs, Paare gleichen Geschlechts zu segnen, eine Wunde gerissen zwischen den evangelikalen Kirchen und der Protestantisch-Unierten Kirche Frankreichs, auf nationaler Ebene, und auf der Ebene der Abendmahls-Gemeinschaft. Diese Entscheidung hat einen gemeinsamen Gottesdienst in Frage gestellt und erschwert."

Die französischen Methodisten schließen sich den Baptisten an: "Die Kirchengemeinschaft ist in Frage gestellt", erklärte Jean-Philippe Waechter, Ex-Repräsentant der Methodisten im Evangelikalen Nationalrat Frankreichs, am 16. Februar: "Wir sind nicht mehr in der Reformation von Calvin und Luther. Es gibt ein wirkliches Leiden im Land. Segnung an sich, ja. Aber angewandt auf Paare, deren Verhalten von der Bibel angefochten wird: nein!" Die Union der Evangelikal-Methodistischen Kirchen Frankreichs stellt in einem Kommuniqué klar: "Wir betrachten die Ehe als eine heilige Allianz, die darin besteht, dass eine Frau und ein Mann in Liebe und Selbsthingabe leben, in gegenseitiger Hilfe und Treue. Wir glauben, dass der Segen Gottes auf einem solchen Paar ruht, selbst wenn es kinderlos bleibt."

Feier an neutralem Ort: Straßburg

Der Evangelikale Nationalrat Frankreichs nennt die Entscheidung von Sète "bestürzend": Sie vermische "die Sorge, homosexuelle Paare in der Kirche aufzunehmen, mit der Segnung einer von der Bibel unzweideutig verurteilten Praxis". Das bedeute "eine billige Gnade zu fördern". Der Nationalrat hatte darauf verwiesen, dass die Entscheidung von Sète nicht von allen Protestanten mitgetragen werde, und dass die Evangelikalen in Frankreich siebzig Prozent der Protestanten ausmachten.

Die Ablehnung der Homo-Segnung ergibt sich unter anderem aus personellen und ökonomischen Verbindungen der Evangelikalen mit Partnerkirchen in Afrika: Zu den methodistischen Gemeinden Frankreichs gehören zahlreiche Einwanderer aus Afrika und Haiti. Am 3. Februar hatte der Bischof der Methodistischen Kirche Angolas, Gaspar João Domingos, die Homo-Ehe verurteilt.

Der Evangelische Kirchenbund Frankreichs hat nach dem Scheitern der Lyoner Festakt-Planung in ganz Frankreich nach einem Ersatz-Ort angefragt und aus Straßburg schnell eine Zusage erhalten. Der Präsident der Union der Protestantischen Kirchen Elsass-Lothringens, Christian Albecker, hat nach der Zusage Straßburgs entschieden, in puncto Homo-Segnung keine Position zu beziehen, ohne Angabe einer Frist. Die Verlegung des Jubiläums hat symbolische Bedeutung: Während Lyon historisch für die Einheit der Kirche steht – einst angestrebt vom dort ansässigen Kirchenvater Sankt Irenäus sowie von Abt Paul Couturier, der die Woche für die Einheit der Christen ins Leben gerufen hatte – steht Straßburg für Neutralität, denn die elsässisch-lothringische Kirche ist nicht Mitglied der Protestantisch-Unierten Kirche Frankreichs.

"Es ist nicht die Kirche, die segnet, sondern Gott"

Die evangelische Landschaft ist heute in Frankreich zerklüfteter denn je: In Paris bildet der 1972 gegründete christliche Verein David et Jonathan, in dem sich Schwule, Lesben, Transsexuelle und Bisexuelle treffen, mit der lutherischen Gemeinde Bon Secours eine gemeinsame Gebetsgruppe. Innerhalb der Protestantisch-Unierten Kirche Frankreichs haben sich wiederum die konservativen "Attestants" abgespalten, die die Bibel wörtlich lesen und gegen die Homo-Ehe sind.

Der Pariser Kircheninspektor Jean-Frédéric Patrzynski, Bischof der Protestantisch-Unierten Kirche Frankreichs, steht nach wie vor zur Entscheidung von Sète und erklärt: "Wir können nicht jemandem, der um Segen bittet, den Segen verweigern. Können wir Gottes Platz einnehmen? Das würde die Weigerung nämlich bedeuten! Es ist nicht die Kirche, die segnet, sondern Gott. Die Kirche gibt diesen Segen nur weiter." Als Vize-Präsident der Protestantisch-Unierten Kirche Frankreichs steht er nun vor der Herausforderung, die polarisierende Homo-Segnung weiterhin zu vertreten, ohne den Dialog mit den Evangelikalen ganz abzubrechen: "Es geht nicht darum, die Evangelikalen für unsere Seite zu gewinnen", sagt er. "Wichtig ist, dass wir uns treffen und verstehen können, im gegenseitigen Respekt. Und dass unsere Schwestern und Brüder in den evangelikalen Gemeinden verstehen, dass unsere Art, die Bibel zu lesen, anders ist als ihre, aber nicht weniger wahr."