Kriegsende in den Kirchen: "Die Schuld wurde ausgeblendet"

Hamburg, Michaeliskirche / Foto 1945

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Trümmerlandschaft um die Hamburger Michaeliskirche nach den alliierten Luftangriffen.

Nach dem Zweiten Weltkrieg kam in den Kirchen nur wenig von den Kriegsverbrechen und Konzentrationslager zur Sprache. Auch die Stuttgarter Schulderkärung vom 19. Oktober 1945 erläuterte die Verstrickung der evangelischen Kirche in den NS-Staat nicht. Der Historiker Stephan Linck hat sich eingehend mit der Geschichte der nordelbischen Landeskirchen befasst.

Am 8. Mai 1945 kapitulierte die Wehrmacht. Wie haben die Kirchen auf das Kriegsende in Deutschland reagiert?

Stephan Linck: Wilhelm Halfmann, der spätere holsteinische Bischof und eine Leitfigur der Bekennenden Kirche, hat am 6. Mai 1945 in Flensburg gepredigt. Zu diesem Zeitpunkt war nicht so ganz klar, wer eigentlich das Sagen hatte. Die geschäftsführende Reichsregierung unter Großadmiral Dönitz war ja noch bis zum 23. Mai im Amt. "Du hast uns in den Staub geworfen und gedemütigt und unser Volk der Rache seiner Feinde ausgeliefert" – das sagt Halfmann Anfang Mai. Der Lübecker Propst Johannes Pautke gebraucht das Wort "Vernichtung" – bezogen auf die Situation des deutschen Volkes. Am darauffolgenden Sonntag kommt Halfmann dann auf die Verantwortung der Deutschen zu sprechen: "Die wir die Wahrheit wussten, haben geschwiegen" und seien, so seine Wortwahl, "mit verstrickt" in diese Schuld.

Das ist ja eine recht deutliche Aussage.

Linck: Er bringt das Thema selbst auf die Tagesordnung, ja – zumindest in einer sehr allgemeinen und vorsichtigen Form. Es wird eine Schuld bekannt, aber nicht konkret benannt. Doch auch das geht schon zu weit: Halfmann kriegt sehr schnell starken Gegenwind. Was er sagt, gefällt den Leuten, die sehr zahlreich in die Kirchen strömen, gar nicht.

Es bleibt also bei diesem ersten vorsichtigen Versuch?

Wilhelm Halfmann
Linck: Ja. Wenig später schickt Halfmann ein Rundschreiben an die schleswig-holsteinischen Pfarrer. Da sagt er ganz klar: Nur die eigenen Sünden der christlichen Gemeinde seien zu bekennen. "Wenn es sich um Volkssünden handelt", so Halfmann, "dann Vorsicht, dass wir nicht in der Schande wühlen". Das heißt, sein vorsichtiger Versuch verkehrt sich innerhalb eines Monats ins Gegenteil. Das wird dann gewissermaßen die Grundlinie in der Landeskirche. Ein Hamburger Kaufmann regt im Juni 45 an, den Tag des Kriegsbeginns am 1. September als allgemeinen Bußtag zu begehen. Die Reaktion des dortigen Bischofs ist ebenfalls sehr deutlich: Die Hauptschuldigen am Weltkrieg seien die Sieger von 1918 und 1945. "Niemals aber das deutsche Volk."

Am 18./19. Oktober '45 wurde das Stuttgarter Schuldbekenntnis verfasst. Wie war die Reaktion darauf?

Linck: Es gab einen Proteststurm, der sich gewaschen hat. Auch dort ist ja keine konkrete Schuld benannt, kein Wort zur Judenverfolgung. Dennoch war das Bekenntnis zu dieser Zeit ein irrsinniges Wagnis und hat eine gewaltige Kritikwelle hervorgerufen. Allen voran die Kirchenleitungen aus Norddeutschland – weil sie von ihrer Basis massiv unter Druck gesetzt worden sind. Es gibt Aktenordner voller Protestschreiben. Tenor: Wie kann man eigene Schuld bekennen, wenn man von den Verbrechen der Alliierten schweigt?

"Unsere Kirchen werden nicht so voll bleiben, wenn wir über Judenverfolgung und Konzentrationslager reden. Also lässt man es bleiben"

Die Kritik kommt also "von unten"?

Linck: So ist es. Die Mehrheit der deutschen Bevölkerung empfand sich in den letzten Kriegsjahren selbst als Opfer – viele waren ausgebombt, fast alle litten Hunger, es gab Massen von Flüchtlingen. Man sah sich nicht in der Verantwortung für das, was passierte – das waren "der Hitler, die Nazis", zu denen man sich nicht mehr zählte. Schuld wurde ausgeblendet. Dass man selbst meist zu denen gehörte, die "Sieg Heil" geschrien, den Sieg über Polen und den Einmarsch in die Sowjetunion bejubelt haben, all das wurde komplett verdrängt.

Und die Kirchen haben diese Stimmung einfach aufgegriffen?

Linck: Die Kirche besteht ja selbst aus Menschen, die sich um ihre Schuld herumdrücken. Im Mai 45 gab es selbstverständlich keine Deutschen Christen mehr – niemand wollte dabei gewesen sein. Andererseits waren die Gottesdienste völlig überlaufen. Das erzeugte ein Hochgefühl bei Pastoren und anderen Funktionären. Seit 1918 hatte die Identität als bestimmende Volkskirche schließlich schwer gelitten. Man erkennt nun ziemlich schnell, dass die "Stunde der Kirche" geschlagen hat – ein Wort von Hans Asmussen. Der gesamte deutsche Staat mit sämtlichen Institutionen liegt am Boden zerstört, bzw. ist von den Alliierten, den Besatzern, übernommen. Die Einzigen, die von Übernahmen und Auflösungen nicht betroffen sind, das sind die Kirchen. Die einzigen wahren Anwälte des deutschen Volkes, das sind die Kirchen. Genauso schnell erkennt man aber auch: unsere Kirchen werden nicht so voll bleiben, wenn wir über Judenverfolgung und Konzentrationslager reden. Also lässt man es bleiben.

Wie ist das Verhältnis zu den Besatzungsmächten?    

Linck: 1946, während der Entnazifizierung, gibt es eine Kanzelabkündigung in Schleswig-Holstein gegen das Denunziantenwesen. Dort wird sehr unverblümt verurteilt, dass Leute bei der Besatzungsmacht angeschwärzt werden. Es ist klar, auf welcher Seite die Kirche steht.

"Mitglieder der Deutschen Christen mussten vor versammelter Gemeinde widerrufen. Die meisten haben das nicht getan"

Teilweise haben die Kirchen ja auch belasteten Personen Ämter gegeben.

Linck: Ja, extrem war das in der Eutinischen Landeskirche. Dort könnte man fast sagen, eine "Nazifizierung" hat erst nach 1945 stattgefunden. Aber auch anderswo gab es einschlägige Fälle: Der in Nürnberg verurteilte Kriegsverbrecher Ernst Szymanowski-Biberstein kam kurzzeitig in der Propstei Neumünster unter. Hans Beyer, ein Mitarbeiter Reinhard Heydrichs im Sicherheitsdienst der SS, wurde 1947 Leiter der Pressestelle der Evangelischen Kirche in Schleswig-Holstein.  

Konnte es nicht auch anders laufen?

Linck: Als Gegenbeispiel kann die Lübecker Landeskirche gelten. Dort hat man eine Entnazifizierung durchgeführt, die wirklich ernst gemeint war. Mitglieder der Deutschen Christen mussten vor versammelter Gemeinde widerrufen und erhielten eine Chance auf Bewährung. Die meisten haben das nicht getan – und wurden in Ruhestand geschickt. Mit 25 Prozent hat die Lübecker Kirche so die höchste Entnazifizierungsquote Deutschlands innerhalb der Geistlichkeit.

Wie gingen andere Landeskirchen mit der Vergangenheit um – war der Norden typisch für ganz Deutschland?

Linck: Es gibt schon verschiedene Tendenzen. Eine starke Richtung hat sich aus den Bruderräten der Bekennenden Kirche entwickelt und politisch links verortet. Bekanntester Exponent dieser Richtung ist Martin Niemöller, der nach dem Krieg Kirchenpräsident in Hessen-Nassau wurde. Aber auch die Strömung rund um Gustav Heinemann im rheinisch-westfälischen Raum gehört hierher. Im Norden aber bleibt die nationalprotestantische Tradition prägend. Verbunden mit der spannenden Frage: wie übersetzt man einen überkommenen Obrigkeitsbegriff in eine parlamentarische Demokratie? Was man erlebt, ist eine Orientierung an der jeweiligen Regierung und an der CDU als Partei.

Wie steht es mit dem Antisemitismus – hat Wilhelm Halfmann sich je von seiner Schrift "Die Kirche und der Jude" distanziert?

Linck: Er lief vor dem Thema davon, bis ihn seine Vergangenheit 1959 einholte. Dann hat er eine offizielle Distanzierung verfasst. In privaten Briefen vertrat er allerdings weiterhin antisemitische Positionen. Die hatte er wohl verinnerlicht und war nicht imstande, darüber zu reflektieren.

Wie lange dauert es, bis eine echte Aufarbeitung in den Kirchen beginnt?

Linck: Für Beteiligte ist es sehr schwierig, sich mit der eigenen Tat zu beschäftigen, wenn sie ein bestimmtes Ausmaß übersteigt. Da muss erst ein Generationenwechsel passieren. Die Interpretation der Geschichte war erstmal klar: Es ist ein Zusammenbruch Deutschlands. Von Befreiung spricht kaum jemand. Offiziell tut das erst Richard von Weizsäcker in seiner berühmten Rede 1985. Ein Einschnitt in der Erinnerungskultur unseres Landes. "Das Volk Israel musste 40 Jahre durch die Wüste gehen", hat mir ein Pastor einmal zu diesem Thema gesagt. Das bewahrheitet sich hier. 

Dieses Interview wurde bereits am 5. Mai 2015 zum 70. Jahrestag des Kriegsendes auf evangelisch.de veröffentlicht.