All die leckeren Pizzen

Heute geht es um ein imposant dystopisches Journalismus-Bild, aber auch um kritikwürdige Berichterstattung, die fast überall bemerkenswert schnell verschwunden ist. Und um ein Beispiel dafür, wie ein journalistisch falscher Bericht durch weiteren Journalismus identifiziert wurde. Außerdem: ein Plädoyer gegen Fortsetzungen, das tägliche Postingnirvana, neue Journalismuszukunfts-Thesen, die Medien-Infrastruktur.

Mit einem fröhlichen

"Immer hanebüchenere Wendungen, immer mehr verlorene 45 Minuten. Trotzdem bleiben die Zuschauer dran"

hinein in die Manege des Medienzirkus. Das Zitat entstammt einem Artikel im Tagesspiegel, in dem Markus Ehrenberg (der, wie alle im Medienressort des Tagesspiegels, häufig Fernsehkritiken schreibt) seinen Überdruss an immer neuen Ablegern epochal-legendärer Fernsehserien-Ereignisse wie  "The Walking Dead" und "24" Luft macht. Natürlich nicht zu viel Luft. Ehrenberg weiß als Medienjournalist, dass Fernsehkritiker, wenn sie zu viel Überdruss am Fernsehen äußern, auch ihrem eigenen Geschäft schaden. Aber bemerkenswert ist das unter der Überschrift "Weiter gedreht wird immer" erschienenen kleine Plädoyer dafür, Auserzähltes wirklich nicht mehr weiter zu erzählen.

[+++] In den nichtfiktionalen, also faktenorientierten Abteilungen der Medien wird ebenfalls immer weitergedreht, was naturgemäß dazuführt, dass relative Sensationen sich wiederholen. Zum Beispiel in Todesfällen relativ prominenter, junger Mitmenschen.  

Der Grund, aus dem bildblog.de am Dienstag noch mal auf sein Interview mit dem Vorstandsvorsitzenden der Stiftung Deutsche Depressionshilfe zum Thema Berichterstattung über Suizide verwies, war die anfänglich wie beinahe jedes Mal irgendwo kritikwürdige Berichterstattung über den Tod des aus Berliner Nahverkehrswerbe-Kampagnen sowie aus RTLs "Superstar"-Suchshows bekannten Rappers Kazim Akboga.

Auf das Problem in der Online-Berichterstattung wies im Echtzeit-Medium Twitter wohl als erster Boris Rosenkranz hin. Daraufhin hat die Berliner Zeitung, um die es dabei ging, ihren Bericht schnell korrigiert und in die empfohlene Form gebracht, also mit Link zur Telefonseelsorge und deren Telefonnummer unten drunter. Der Berliner Zeitung geht es bekanntlich gerade selbst nicht gut; sie wird mit einer verwandten Boulevardzeitung fusioniert.

Blitzschnelle Weiter-Meldungen in weiteren Medien hatte es gemäß der Tradition, dass alle deutschen Nachrichtenmedien berichten wollen, was alle deutschen Nachrichtenmedien berichten, gegeben. Sie wurden ebenfalls auf Twitter angesprochen und ebenfalls behoben. Das ist sozusagen die positive Kehrseite der genannten Tradition: Wenn es einmal nicht mehr drinsteht, steht's bald nirgendwo mehr – außer in den Echtzeitmediums-Äußerungen der ersten Kritiker, die das Problem per Tweet benannten (oder Links auf die problematischen Artikel setzten, deren ursprüngliche Anreißer auch dann nicht verändert erscheinen, wenn die Artikel verändert wurden).

Nachtrag um 11.00 Uhr: Bei meedia.de wurde nichts verändert ...

Die Bild-Zeitung, die gestern offenkundig früh nachzog, hat ebenfalls zurückgezogen bzw. versucht mit der Schlagzeile vom "traurigen Tod des lustigen Internet-Stars" hinter ihre Bezahlschranke zu locken.

[+++] Eine der tagesaktuellen Medienressorts-Topmeldungen (neben denen, dass der Playboy doch wieder nackte Frauen abzubilden verspricht, und was Norbert Blüm eigentlich macht; siehe später im Altpapierkorb) hat mit einer aktuellen Bild-Zeitungs-Entschuldigung zu tun:

"Die BILD-Redaktion entschuldigt sich ausdrücklich für die nicht wahrheitsgemäße Berichterstattung und die erhobenen Anschuldigungen gegen die Betroffenen",

heißt es gewunden, aber vergleichsweise deutlich auf bild.de. Einen "Sex-Mob" arabischstämmiger Männer zu Silvester in der Frankfurter Freßgass (für Nicht-Frankfurter: Die Straße heißt mehr oder weniger wirklich so), von dem die Bild-Zeitung berichtet hatte, hat es offenkundig nicht gegeben. Darüber berichtet z.B. die SZ auf ihrer Medienseite.

Aktuell ausgelöst wurden der Bericht und die Entschuldigung vor allem von einem umfangreichen, akribisch auf so gut wie alle, die bei dieser Berichterstattung mit eingestiegen waren, verlinkenden Bericht wiederum auf bildblog.de.

"Und tatsächlich könnten Medien eine wichtige Rolle spielen beim Versuch, rumgereichte Falschmeldungen in den Griff zu bekommen",

heißt es dort einleitend. Tatsächlich haben Medien außer beim Rumreichen auch beim Korrigieren dieser Falschmeldung sogar eine wichtige Rolle gespielt, steht dann sehr viel weiter unten. Die FAZ hatte in ihrem Rhein-Main-Ressort bereits zwei Tage später unter der starken Überschrift "Der Sex-Mob, den keiner gesehen hat" Zweifel am Bild-Zeitungs-Bericht geäußert. Eigentlich belegt die Sache also, dass klassischer Journalismus ohne Weiteres als das taugt, was zurzeit unter den Trendbezeichnungen "Anti-Fake-News-Einheit" und "Fact-Checking" duchs Dorf getrieben wird (AP gestern). Noch besser würde sie natürlich taugen, wenn Medien generell erheblich skeptischer wären beim Übernehmen von Schlagzeilen anderer Medien und besonders der Bild-Zeitung. Die FAZ vermeldet die Entwicklung heute knapp auf ihrer Medienseite und ausführlicher, aber nicht triumphal, im Lokalen.

Was auch noch erwähnt werden muss: Der Grund, aus dem im bildblog.de-Artikel ziemlich viel Abstand zwischen dem Hinweis, welche Rollen Medien spielen könnten, und dem, welche sie in dem Fall auch gespielt haben, besteht, ist der, dass dort noch dreizehn Fotos der Kellnerin, die als Zeugin mutmaßlich falsche Vorwürfe erhob, gezeigt werden sollten, darunter zwölfmal derselbe Original-bild.de-Screenshot. 

Das dürfte jener "Irina A.", falls sie sich selber googelt und bei längeren Artikeln nach unten scrollt oder wischt, zweifellos eine Lehre sein. Sonst hilft so etwas niemandem – oder höchstens Zeitgenossen, die künftig in der Freßgass oder sonst wo in Frankfurt nach ihr suchen und vielleicht weitere Lehren erteilen wollen. So sehr solche Artikel Teil einer Lösung (der Frage, wie Journalismus besser/ weniger schlecht gemacht werden könnte) sind, Teil eines Problems sind sie auch.

[+++] "Und 3. ist das alles irgendwie sowieso egal, weil der 28-jährige 'Content'-Einspeiser jetzt Feierabend hat und sich eine Pizza-mit-alles oder einen Yufka-Döner extrascharf reinpfeift. Na gut, dann ist die NPD halt nicht verboten, kann ich ja auch nicht ändern, sagt der coole Onlineredakteur, dann ändern wir halt den Content. Das bei Weitem Schwierigste am Content-Ändern ist das Reinkommen ins Content-Protokoll. Ob dann da am Ende steht, dass der Krieg 'ausgebrochen' ist oder der Friede, ist daher zunächst nur mal eine Frage der Formatierung. Abschließend wird noch auf die Seite mit dem zugehörigen Gefühl verlinkt, und schon haben wir's wieder."

Diese imposant dystopische Bild steht am Ende des neuen langen Riemens, den Richter Fischer für zeit.de verfasst hat. Den Zusammenhang erkennen sie als Medienbeobachter natürlich.

Es ist nicht das einzige nachdenkenswerte Bild, das Fischer im Köcher hat:

"Ja, manchmal ist es gar nicht so einfach, zu erkennen, ob man auf der guten und richtigen Seite steht oder mitten drin in der johlenden Masse, die dem Störenfried 'das Mikro wegnehmen' will und sich an seiner Demütigung ergötzt",

schreibt er etwa zum (überwiegend als bunte Meldung rezipierten) Alice-Schwarzer-Jörg-Kachelmann-Rencontre in Köln.

Überdies erbringt der kolumnierende Bundesrichter neue Nachweise für schlechtes bis falsches Vermelden von Neuigkeiten zu Gesetzgebungs-Themen in Qualitätsmedien, darunter öffentlich-rechtlichen. All das käme allerdings besser zur Entfaltung, wenn Thomas Fischer nicht zuallererst sich selbst erwähnen würde und mit all seiner Wortgewalt gegen ein aktuelles Spiegel-Porträt, das ihn bezichtigt, "herumpöbelnde" Texte zu verfassen, zurück-polemisiert.

Dazu werden so brennende Fragen wie die, wann genau Fischer selbst denn zuletzt Bukowski gelesen hat, und ob es bereits "Fäkalsprache" ist, Fäkalsprache zu zitieren, aufgeworfen. Es würde spritzen, wenn Displays spritzen könnte, und die Content-Einspeiser von zeit.de können Fischer wieder mit Recht als eines der besten oder sogar das beste Pferd in ihrem Zirkus betrachten. Eine Pizza mit allem, die für jeden was Scharfes drauf hat, liefert Fischer jedesmal selbst.

[+++] Jetzt noch Lust auf knackige Journalismuszukunfts-Thesen? Christian Jakubetz hat immer welche im Angebot, tagesaktuell sind's in seinem privaten Blog fünf fürs Jahr 2020. Was wir hier ca. in der Mitte des unbebilderten Texts gerne zitieren:

"... Reines Textposting? Kann man schon mal machen, hat aber ordentliche Chancen auf einen gepflegten Untergang im täglichen Postingnirvana."

Weiter unten im Nirwana geht's weiter mit Fischers dem starken Bild.


Altpapierkorb

+++ All die leckeren Pizzen, die wir immerzu essen oder zumindest angeboten bekommen, versperren den Blick auf die Lieferhelden, die sie überall hinbringen. Dabei wissen Internetmilliardäre, dass auf den Lieferwegen die relativ verlässlichsten Einnahmequellen sprudeln. Das heißt: Die Infrastruktur der Medien verdient mehr Beachtung. In diesem Februar wird eine neue Gerichtsentscheidung zur Frage erwartet, ob Fernsehkabelnetz-Firmen wie Vodafone (das Kabel Deutschland ja geschluckt hat) von ARD und ZDF, also aus den Rundfunkbeiträgen bezahlt werden müssen. Darauf macht die Medienkorrespondenz aufmerksam, indem sie auf eine ziemlich unbekannt gebliebene, in diesem Kontext interessante Bußgeld-Aufhebung durch ein Düsseldorfer Gericht im letzten November hinweist. +++

+++ Ein wichtiges deutsches Infrastruktur-Unternehmen ist die ursprünglich im Mobilfunk beheimatete Firma Freenet, die aber auch Antennenfernseh- und -radio-Dienstleistungen anbietet. Zu teuer, laut Bundesnetzagentur (radiowoche.de, meedia.de). Nun bietet sie für UKW keine Radio-Dienste mehr an (radiowoche.de). +++

+++ In der Schweiz soll analoges UKW-Radio in den frühen 2020er Jahren abgeschaltet werden (NZZ). +++

+++ Sind internetfähige Puppen wie "Cayla" "gesetzlich verbotene Sendeanlagen"? Dann müsste sich ebenfalls die Bundesnetzagentur drum kümmern (Universität des Saarlandes/ idw-online.de). +++

+++ Die Info, dass Norbert Blüm, 81, gerne das derzeit allenfalls von Jan Böhmermann betriebene Geschäft der Fernseh-Late-Night-Show beleben würde, entnahm die SZ-Medienseite der bereits genannten Bild-Zeitung. Siehe auch BLZ. +++

+++ Die ebenfalls genannte Top-Meldung von den nackten Frauen, die der Playboy wieder zeigen anzukündigte, steht u.a. in der FAZ. +++

+++ Auf deren Medienseite Adrian Lobe auch über eine "Änderung, die Twitter kürzlich vorgenommen hat" berichtet: Bisher "waren Antworten in chronologischer Reihenfolge erschienen. Also lag ein Anreiz darin, Computerskripte zu schreiben, die binnen Sekunden auf Trump antworten. Diese Meinungsroboter sorgten etwa dafür, dass der Hashtag 'TrumpWon' nach dem ersten Präsidentschaftsduell zum Trending Topic in den Vereinigten Staaten wurde. Samuel Woolley, Direktor des Forschungsprojekts Computational Propaganda Project, schätzt, dass achtzig Prozent des Trump-Traffics automatisiert sind. Durch die Änderung werden Direktantworten nicht mehr chronologisch angezeigt, sondern nach anderen Faktoren gewichtet. Etwa, ob es sich um einen verifizierten Account handelt. Auf Twitters 'Hilfe-Center' heißt es dazu: 'Antworten werden nach dem Unterhaltungsverlauf gruppiert, da wir versuchen, dir den besten Inhalt und das, was dich wahrscheinlich am meisten interessiert, zuerst anzuzeigen. Eine Antwort erhält zum Beispiel dann höhere Priorität, wenn sie vom Autor des ursprünglichen Tweets oder von einem Nutzer stammt, dem du folgst.' Durch diesen Kniff kann Twitter automatisierten Claqueuren den Resonanzboden entziehen." +++

+++ "Phishing-Angriffe im staatlichen Auftrag scheinen ... verstärkt auch Journalisten zu treffen, die für westliche Medien arbeiten. Auf Konferenzen im arabischsprachigen Raum, berichtete ein IT-Sicherheitsforscher unlängst, hebe regelmäßig der halbe Saal die Hand, wenn gefragt werde, wer solche Warnungen erhalten habe. Ob die Zahl betroffener westlicher Journalisten tatsächlich signifikant steigt, lässt sich jedoch nicht zweifelsfrei sagen. Eine SZ-Nachfrage dazu beantwortet Google nicht" (Süddeutsche). +++

+++ Funktionieren Youtuber mit Star-Qualitäten als Sammelalbum-Objekte, also gedruckt? (TAZ) +++

+++ Ihren wegen des Berliner Terroranschlags verschobenen "Tatort", dessen Ende bereits bekannt ist, will die ARD zu Ostern zeigen (Standard). +++

Neues Altpapier gibt's wieder am Donnerstag.