Im Mustopf ist niemand allein

Ein neues Facebook-Tool ging in einem fürchterlichen Zusammenhang viral. Dazu frische Facebook-Metaphern. Außerdem: jede Menge Studien zum Draus-Zitieren (Fernsehen bleibt wichtig, Internet wird wichtiger ...), neue Zahlen von der Ex-GEZ, und was die "Jeanne d’Arc des Rundfunkbeitrags" so sagt. Außerdem: Neues von den Gremien-Gremlins, eine kleine Sensation aus dem Medienwächter-Milieu, und wurde "die Lösung für die Krise der Printmedien" in Marokko gefunden?

Vielleicht wurde in Deutschland von Politik und Medien auf den jüngsten Massenmord den USA, den in Orlando, nicht rundum angemessen reagiert; diese Meinung wird jedenfalls prominent vertreten.

Vielleicht ist aber auch das geringe Interesse, das deutsche Nachrichtenmedien in ihrer Fußball-EM-Seligkeit am zugleich vermeldeten jüngsten islamistischen Attentat in Frankreich aufbrachten, aufschlussreich. Wenn die Bedeutung des größten Nachbar- und wichtigsten Partnerlandes in Europa derart gering ist (außer natürlich als Anlass zum wohlfeilen Abspulen des eigenen Repertoires in den Politikern zur Verfügung stehenden Timeslots), braucht sich niemand zu wundern, dass keine europäische Öffentlichkeit entsteht, sondern vorhandene Ansätze eher noch wieder verschwinden.

Jedenfalls hat, um zu den Medienmedien zu kommen, der islamistische Doppelmörder ein neues Angebot eines kalifornischen Konzerns genutzt und vermutlich in manchen Zielgruppen populär gemacht: die "Live-Sendung von Videos" via Facebook. Darauf macht die FAZ aufmerksam, online unter den vermutlich klickstarken Überschriften "Doppelmord auf Facebook Live/ Eine Plattform für Verbrecher", gedruckt unaufälliger auf dem Glossen-Plätzchen auf der Medienseite.

"Am Tag darauf sagte Facebook den französischen Behörden sofort eine enge Kooperation zu. Wann immer dem Netzwerk 'terroristischer Inhalt' gemeldet werde, entferne man diesen so rasch wie möglich. Eine Sprecherin gestand aber ein, dass live gesendete Videos eine 'besondere Herausforderung' seien",

berichtet Fridtjof Küchemann. Vor dem Hintergrund, dass derselbe Konzern zwar Hass in Textform nach öffentlich weiterhin unbekannten Maßgaben inzwischen häufig löschen lässt, u.a. von vielen Bertelsmann-Mitarbeitern am Stadtrand Berlins und an anderen geheimen Orten, aber natürlich irgendwann nach Erscheinen, scheint der (bei Digitalthemen nicht eben selten) alarmistische FAZ-Tonfall in Fall dieser Live-Morde durchaus angemessen.

[+++] Im Vergleich mit "Eine Plattform für Verbrecher" klingt die Zusammenfassung "Facebook wird zur Gefahr für etablierte Medien", die im Inhaltsverzeichnis der neuen Zeit auf die Seite 24 verweist, wie eine News aus dem Mustopf.

Andererseits steckt in der vielfältigen deutschen Medienlandschaft niemand alleine in seinem Mustopf. 59 Cent (Blendle-Link) mag das Interview mit Nic Newman, Journalismus-Forscher vom Reuters Institute der Universität Oxford wert sein. Newman ist einer der Macher des "Digital News Report", nach eigenen Instituts-Angaben "the world's largest comparative international survey of news consumption habits".

Im Interview sagt er u.a., "dass Facebooks Vormachtstellung gegenüber anderen sozialen Netzwerken bemerkenswert konstant geblieben ist", und auf die Frage, was das für die (noch) etablierten Medien bedeutet:

"Es schadet ihrem Geschäftsmodell, denn viele Medienhäuser setzen noch immer auf werbefinanzierten Onlinejournalismus. Facebooks Strategie zielt aber darauf, die Menschen so lange wie möglich auf der Plattform zu halten, um seinerseits möglichst hohe Werbeerlöse zu erzielen. Die Einnahmen fehlen dann den Verlagen. Facebook und Google vereinen in den USA mittlerweile rund 60 Prozent aller digitalen Werbeerlöse auf sich ..."

Kleiner Scherz am Rande: In einem Infokästchen "So reagieren Medien auf den Sog von Facebook" geht's außer um den Economist und die BBC um "das deutsche Startup Upday" ("versucht, den personalisierten Nachrichtenstrom, den Facebook jedem Nutzer liefert, nachzuahmen und zu übertreffen ..."). Platz für die Info, dass es sich beim so sexy "Startup" genannten Dings um ein Axel Springer-Samsung-Unternehmen handelt, fand Die Zeit dann nicht mehr.

Ergebnisse der Studie selbst, an der deutscherseits das Hans-Bredow-Institut (Pressemitteilung/ 69-Seiten-PDF) beteiligt war, werden auch sonst breit vermeldet und unterschiedlich akzentuiert. Zum Beispiel: "Während das Interesse an Nachrichten gerade in der jüngeren Zielgruppe abnimmt, verschiebt sich der Konsum immer weiter ins Internet" (heise.de, das dann auch noch herausgreift: "In Deutschland gaben 8 Prozent der Befragten an, im vergangenen Jahr etwas für Online-Nachrichten bezahlt zu haben") bzw. "im internationalen Vergleich von 26 Ländern sei Deutschland damit das Land mit dem geringsten Anteil an Bürgern, für die das Web die bedeutendste Nachrichtenquelle darstelle" (EPD/ evangelisch.de).

[+++] Noch 'ne attraktive Metapher für den Datenkraken: Facebook ist "eine Großmacht", die einlädt, sich mit ihr "ins Bett [zu] legen". Im Originalzusammenhang:

" "Was es grundsätzlich unbehaglich macht ist, dass wir uns mit einer Großmacht ins Bett legen, die wir nicht mehr steuern können",

sagte der Onlinefuchs und FAZ-Digitalmedien-Chefredakteur Mathias Müller von Blumencron noch mal wieder bei eine Medienkongress in Berlin (Standard). Falls Sie sich dafür näher interessieren: Der Kongress heißt "Zeitung Digital 2016", und der Zeitungsverlegerverband BDZV stellt online bereits 40 "erste Impressionen" zum Durchklicken bereit.

[+++] Im dynamischen Medienwandel verändert sich alles so rasant, dass selbst führende Manager, wenn sie ehrlich sind, nicht voraussagen können, wie es in einem Jahr aussehen wird - korrekt?

Nicht ganz. Zumindest ein an Einfluss, Geld und auch Personal reiches Biotop gibt es, in dem sich über laange Zeiträume wenig bis nichts verändert, und selbst wenn das Bundesverfassungsgericht es vorschreibt, höchstens so viel, wie unbedingt nötig ist. Regelmäßige Altpapier-Leser wissen: Da geht's um die Rundfunkaufsichts-Gremien und die, die sie beschicken, die Rundfunkpolitik, am Ende die dafür zuständigen Staatssekretariate der Bundesländer. Der am Freitag hier erwähnte epd medien-Artikel "Staatsferne light" darüber, dass sich im ZDF-Fernsehrat trotz BVG-Urteil auch zukünftig ziemlich genau die "Monokultur!" versammeln wird, die bislang dort die Strippen zog, steht inzwischen frei online.

Die womöglich von einigen erwartete, jedenfalls insgesamt spannendste mögliche Entscheidung, ob der monatliche Rundfunkbeitrag erst mal für den Gegenwart einer Schrippe pro Monat gesenkt werden wird, wird vermutlich verschoben werden.

Doch kursiert punktgenau jede Menge Rundfunkbeitrags-Stoff in den Medien. Die Ex-GEZ, die inzwischen ja mit vollem Namen "ARD ZDF Deutschlandradio Beitragsservice" heißt, ihre frische Zahlen veröffentlicht. Siehe hier nebenan in der EPD- oder in der auf die vielen Beitragskritiker zugeschnittenen, aber auch mit Volker-Lilienthal-Zitaten versehenen DPA-Version (welt.de).

Es gibt manche Kuriosa zu entdecken (TAZ: "Nur rund jeder zwölfte Bayer steckt in einem Mahnverfahren, dafür aber rund jeder siebte Bremer"), die bei näherer Betrachtung ("Das entspricht auch in etwa der Verteilung der Gesamtschulden im Bundesgebiet") so kurios auch wieder nicht sind. Zumindest aber hofft, wie der EPD berichtet, der SWR-Justiziar und "federführende Beitragsrechtler in der ARD", Hermann Eicher (den die FAZ-Medienseite heute "Jeanne d'Arc des Rundfunkbeitrags" nennt), dass die AfD in die Rundfunkräte einzieht:

"Eicher sagte, die öffentlich-rechtlichen Sender müssten offensiver als bisher für den Rundfunkbeitrag werben ... Auch gegenüber den neuen Abgeordneten der AfD, die den Rundfunkbeitrag abschaffen will, habe er keine Berührungsängste. 'Sie werden hoffentlich in die Rundfunkräte einziehen, damit wir uns direkt mit ihnen auseinandersetzen können'..."

Falls er das wirklich hofft, hofft Eicher da natürlich erst mal vergebens. Die großen Parteien halten kleinere, die AfD erst recht, möglichst raus aus den Gremien. Und auch sonst bleibt so weit wie möglich alles beim Alten, wie die Medienkorrespondenz etwa im Blick auf die ebenfalls von den 16 Bundesländern beschickte Finanzbedarfsermittlungskommission KEF meldet, die nominell ja allein darüber zu entscheiden, wieviele Milliarden die Öffentlich-Rechtlichen in Zukunft bekommen werden.

Eine interessante Gremien-News aus dem Hessischen hat die Frankfurter Rundschau. Der Rundfunkrat des Hessischen Rundfunks wird, während bei den meisten Medien ja Stellen abgebaut werden, wie der des WDR vergrößert, um zwei auf 32 Mitglieder. Künftig werden, so wie künftig im ZDF und etwa bereits beim SWR, Muslime vertreten sein. Ob deren Vertreter die Ditib stellen soll, also der auch deshalb, weil er direkt vom türkischen Staat bestimmt wird, umstrittene Verband, sei noch unklar. Wobei dieser türkische Staat ja mehr denn je von R.T. Erdogan bestimmt wird, dem sich kaum mehr vorwerfen lässt, die deutsche Medienlandschaft nicht genau zu verfolgen ... Wer das entscheiden wird: natürlich Hessens Regierungsparteien.

Also, nichts wirklich Bemerkenswertes in diesem Biotop?

[+++] Nicht ganz. Auf eine gelinde Sensation, "eine Überraschung", die "der ein oder andere womöglich in einer ersten Reaktion sogar als Scherz eingestuft haben mag", in einem aus denselben Beiträgen finanzierten Sub-Biotop macht der inzwischen frei online verfügbare Medienkorrespondenz-Leitartikel aufmerksam. Im Mai (Altpapier) war bekannt geworden, dass der beinharte RTL-Lobbyist Tobias Schmid neuer Chef der nordrhein-westfälischen Landesanstalt für Medien werden soll. Das sei so, als

"wenn etwa der Cheflobbyist der Deutschen Telekom oder Vodafone ausgerechnet für das Amt des Präsidenten der Bundesnetzagentur nominiert werden würde",

findet MK-Redakteur Volker Nünning, fragt sich, was Schmid selbst daran reizt:

"Empfindet er seine Möglichkeiten bei RTL als ausgereizt? Das Geld kann es jedenfalls nicht sein. Die von der Medienanstalt gewährte Bezahlung (Beamten-Besoldungsgruppe B 10; derzeit rund 11.700 Euro pro Monat) liegt, wie zu erfahren war, deutlich unter Schmids aktueller Entlohnung",

und wünscht sich, dass dieser spektakuläre, anfechtbare Wechsel in der breiten Öffentlichkeit diskutiert wird.

Dazu müsste freilich der Öffentlichkeit erläutert werden, wozu genau diese Medienwächter-Posten, außer eigentlich zum Versorgen verdienter Weggefährten der Entscheidungsträger, aktuell noch gut sind. Und das wäre nicht leicht. Vielleicht kann ein beinharter Lobbyist so was sogar.


Altpapierkorb

+++ Tagesaktuell wird vieles aus vielen Studien zitiert, die unter anderem dazu verfasst wurden, zitiert zu werden. An der gestern hier (knapp überm Strich) erwähnten Talkshow-Falschaussagen-Studie der Kölner Journalistenschule (faktenzoom.de), der bzw. deren Aufbereitungen zufolge Frauke Petry  "Falschaussagen-Spitzenreiterin" sei, kommt Kritik nicht nur von eher rechts (achgut.com und natürlich von Petrys Seite selbst), sondern auch, harsch ("'Nicht bewiesen' ist aber etwas ganz anderes als erwiesener Maßen 'falsch'. Das sollte jemand den jungen Leuten noch beibringen, bevor sie auf Leser losgelassen werden"), von Norbert Häring in seinem Blog. +++

+++ Wer "die Lösung für die Krise der Printmedien gefunden" haben könnte: Marokkos Kommunikationsminister Mustapha Khalfi. Zumindest seien in Marokko "die Gratisleser ... eine ernsthafte Bedrohung für die Presse", hat zumindest Reiner Wandler, Auslandskorrespondent der TAZ im nahen Spanien, vom Minister gelesen - allerdings in der "Nordafrikaausgabe der Huffington Post".  Nun wolle "der gemäßigte Islamist ... das Zeitungslesen in der Öffentlichkeit verbieten, sofern das Druckerzeugnis nicht ordentlich am Kiosk oder bei Handverkäufern erstanden wurde." +++

+++ Auch zur Meinung, die deutschen Fernsehveranstalten gäben zuviel Geld für Fußball aus (Altpapier), ist eine Gegenmeinung möglich. "Während die Premier League für jedes einzelne Spiel durchschnittlich 13,6 Millionen Euro einnimmt, kassiert die DFL lediglich 1,1 Millionen Euro", errechnet bilanz.de (Wirtschafts-Beilage zu Springers Welt) anhand frischer Zahlen aus England. +++

+++ "Am selben Tag, an dem ARD und ZDF die Zensur der vergleichsweise harmlosen Stadion-Rangeleien bemängelten, wurden die Sender nicht müde, ihren Zuschauern brutalste Szenen aus der Altstadt von Marseille zu zeigen. In typischen Internet-Bildern trampelten schlechte Action-Film-Figuren auf am Boden liegende Rivalen ein. Spätestens bei der zweiten Ausstrahlung wünschte man sich etwas Sittenaufsicht" (Freddie Röckenhaus auf der SZ-Meinungsseite unter einer Überschrift, bei der es sich um ein Adolf-Grimme-Zitat handelt). +++

+++ "Gestern: Deutsche Medien fordern weniger Zensur von UEFA (Hooligans, Randale). Heute: Deutsche Medien fordern mehr Zensur von UEFA (der heilige St.Löw steht schlecht da) Und dann jammern sie das sie keiner mehr ernst nimmt…" (Kommentar unter einem meedia.de-Artikel, der drüber beweist, dass meedia.de gewiss nicht nur, aber doch auch Wurmfortsatz der Verwertungsketten der Bild-Zeitung ist ...) +++

+++ Im FAZ-Feuilleton analysiert Patrick Bahners den inzwischen veröffentlichten Wortlaut der Entscheidung Hamburger Richter vom 17. Mai in Sachen Erdogan vs. Böhmermann (siehe Altpapier vom 18.), u.a. im Blick auf ein Bundesverfassungsgerichts-Urteil von 1987 "über Karikaturen von Rainer Hachfeld ..., die Franz Josef Strauß in Gestalt eines Schweins beim Geschlechtsverkehr mit Richtern zeigen". Fazit: "Die Beteuerung der Hamburger Richter, es gehe nicht um eine 'Geschmacksfrage', ändert nichts daran, dass sie ein Geschmacksurteil gefällt haben. Für einen etwaigen Strafprozess verheißt es nichts Gutes". +++

+++ Topthema auf der FAZ-Medienseite: mal wieder ein Besuch ("Tresorbesuch") bei der Ex-GEZ in Köln-Bocklemünd ("'Wir haben Bock', haben die vom eigenen Image Genervten groß auf Verschenk-Notizblöcke geschrieben und dann klein: 'Ihnen mehr zu erklären' ..."). Darin hat Oliver Jungen den o.g. Jeanne d'Arc-Vergleich untergebracht.  +++ Außerdem zwei Fernseh-Besprechungen von Ursula Scheer: "freundlich und schwiegersohncharmant" sie die heutige ARD-Comedysendung mit dem Radio-"Känguru-Mann Marc-Uwe Kling". +++ Den gleichzeitig laufenden Arte-Film "Die Einsamkeit des Killers vor dem Schuss", der "vor knapp zwei Jahren unter Ausschluss der Öffentlichkeit in den Kinos lief und nun, wie es sich für eine filmgeförderte ZDF- und Arte-Koproduktion gehört, zur Zweitverwertung ins Fernsehen wandert", könne man sich auch sparen. +++

+++ Die SZ-Medienseite findet den deutschen Kino-Genrefilm "Wir waren Könige", den das ZDF spät am Freitag zeigt, ebenfalls nicht so toll ("Die Verwicklungen und Missverständnisse, die die Handlung vorantreiben, wirken zum Teil gewollt. Geschliffene Dialoge in gestochenem Hochdeutsch erwischen den Zuschauer auf dem falschen Fuß...") und beschäftigt sich mal wieder mit Netflix- und Amazon-Serien ("Wer ist eigentlich dieser Schweighöfer?"). Gestern hatte die SZ sich mal gestattet, eine dieser Serien nicht gut zu finden ... +++ Außerdem ebd.: New York Times-Mitarbeiter sollen "Meinungen ... den Kollegen von der Meinungsseite überlassen". +++

+++ Schöne Überschrift: "Claus Kleber, das gute Gewissen im Tal der Götter" (dwdl.de). +++ Dagegen lässt die Überschrift "Reim plädiert bei Abschied für journalistische Tugenden" erst mal stutzen, wer denn verabschiedet wurde. Die journalistischen Tugenden? (Wobei Überschriften, die Interessierte zum Klicken verleiten, natürlich ihren Job tun ...) +++

+++ Verabschiedet wurde aber: Dagmar Reim beim RBB. Ulrike Simon würdigt sie bei Madsacks und berichtet, was Nachfolgerin Patricia Schlesinger zu tun bekommt. +++

Neues Altpapier gibt's wieder am Freitag.