Monothematismus und Kuscheltier-Journalismus

Heute präsentieren wir unter anderem einen bekannten Medienkritiker aus der Türkei: Den türkischen Ministerpräsidenten Ahmet Davutoglu. Im Hauptberuf ist er allerdings Politiker. Wer hätte das gedacht?

In der Medienkritik gibt es das geflügelte Wort von der Sau, die man durch das Dorf treibt. Es beschreibt die Aufmerksamkeits- und Erregungslogik der Medien. Früher war das die Spezialität des Boulevardjournalismus. Das hat sich mit der Digitalisierung geändert. Die Echtzeit-Berichterstattung ermöglicht es, jede kritische Distanz aufzugeben bevor das Nachdenken über einen Sachverhalt überhaupt begonnen hat. Damit beschäftigt sich Wolfgang Michal unter dem Oberbegriff "Monothematismus".

"Entweder schlägt ein neues Thema ein wie eine Bombe und verdrängt das alte oder das Publikum verliert das Interesse und beklagt den thematischen Overkill: Was man auch einschaltet, wo man auch hinschaut: Flüchtlingskrise. Davor, nicht minder dominierend, die Euro-Krise, davor NSA total, davor Ostukraine, davor Germanwings, davor Charlie Hebdo. Auch die serielle Monothematik stößt irgendwann an die Grenzen der menschlichen Aufnahmefähigkeit. Zwar können die Nachrichten-Medien durch die erzeugte Emotionalisierungswelle immer wieder hohe Klickraten, hohe Quoten und hohe Kioskverkäufe erzielen, aber die Auswirkungen ihrer riskanten "Los Wochos"-Strategie bedenken sie nicht."

Nun gibt es immer gute Gründe für diesen Monothematismus. In der Ukraine und Griechenland spitzten sich politische Konflikte zu, die zu gravierenden Konsequenzen für die internationale Politik hätten führen können. Es drohte in der Ukraine ein offener militärischer Konflikt zwischen Russland und dem Westen. In Griechenland der Austritt eines Landes aus dem Euro. Beides konnte verhindert werden, obwohl man keine "Lösung" für die Ursachen dieser Krise gefunden hat.

In der Ukraine gibt es immer noch den Bürgerkrieg und die Intervention Russlands. In Griechenland eine desaströse Wirtschaftskrise. Insofern war das Medieninteresse begründet – und die Kritik an den Medien. Denn der Anspruch an die Politik, die Ursachen solcher Konflikte zu beseitigen, ist der Kinderglauben des boulevardisierten Journalismus. Darin ist er sich übrigens auch einig mit den Medienkritikern im Publikum. Die haben auch für alles und jedes eine immer gleiche ideologische Erklärung, die allerdings je nach politischen Standort entsprechend unterschiedlich ausfällt.

+++ Dafür macht Michal den journalistischen Typus des Aktivisten verantwortlich. Er ähnelt peinlicherweise den Kritikern des Mainstream-Journalismus in den sozialen Netzwerken.

"Dieser Journalismus ist genau das, was die Medienmacher früher vehement ablehnten: aktivistisch. Er will das Volk in Bewegung bringen. Und in der Flüchtlingskrise dieses Sommers scheint die Mobilisierung der Bevölkerung auch gelungen zu sein."

Man muss in diesen Tagen nur das Fernsehen, das Radio oder Smartphone anschalten. Überall findet man eine Botschaft: Deutschland hilft den Flüchtlingen. An den Bahnhöfen stehen Menschen, die sie nach ihrer Ankunft mit Applaus begrüßen. In diesem Tweet wird die Emotionalisierung deutlich. Er steht für das Strukturprinzip dieser Berichterstattung. Man könnte auch unzählige andere Quellen nennen.

"Meine 5-jährige Tochter hat am Hbf einem syrischen Mädchen ein Kuscheltier geschenkt. Deren ungläubiger Blick wird mich lang nicht loslassen."

Sicherlich ist dieses Erlebnis berührend. Nur wird niemand die Flüchtlingskrise mit dem Verschenken von Kuscheltieren lösen können. Erwachsene unterscheiden sich von Kindern durch ihre Reflexionsfähigkeit. Es wird keine Lösung dieses Problems geben, wo sich die Ursachen dieses Problems in Luft auflösen werden. Die Politik kann lediglich mit den Folgen umgehen. Aber der aktivistische Kuscheltier-Journalismus will davon nichts wissen. Er will mit der Willkommenskultur ein Zeichen setzen. Nur wer ist damit gemeint? In Wirklichkeit ist dieser Aktivismus das Ergebnis eines massiven innenpolitischen Konflikts.

Zur deutschen Willkommenskultur gehören nämlich zynischerweise auch die Brandanschläge auf Asylbewerberheime. Das Zeichen ist an die Brandstifter gerichtet. Darin drückt sich die Polarisierung in der Debatte aus, die aber kein einziges Problem löst. Oder ist jemand ernsthaft der Meinung, die deutsche Politik hätte nur eine Alternative: Nämlich entweder niemanden hereinzulassen, wie es die Brandstifter wollen, oder jedem in Deutschland eine Zuflucht zu gewähren, der es auf dieser Welt braucht?

+++ Eine Berichterstattung, die sich dieser Logik verpflichtet sieht, wird zum Problem, dessen Lösung sie fordert. Sie wird zudem anfällig für Interessengruppen aller Art. Da verspricht ein Arbeitgeberfunktionär Arbeitsplätze für jeden Flüchtling. Allerdings nur unter der Voraussetzung die entsprechenden Bedingungen zu schaffen. In solchen Fußnoten wurden schon immer alle wirklichen Probleme versteckt. Sie dienen auch lediglich dem Zweck, auf die Umsetzung solcher Zusagen nicht festgelegt zu werden. Aber man kann jetzt auf den Willkommenskultur-Diskurs seine PR aufsetzen. In Wirklichkeit wird auf jedem politischen Feld die überall geforderte Flexibilität auf die bekannten Prämissen treffen.

Ob in der Schul- und Hochschulpolitik, dem Wohnungsbau und der Städteplanung, den Umgang mit den Sozialversicherungen und der Arbeitsmarktpolitik. Niemand hat seine Meinung zur "Lösung dieser Probleme" geändert, weil plötzlich 800.000 Flüchtlinge integriert werden müssen. Das gilt höchstens für die Bundeskanzlerin, die seit der fast verlorenen Bundestagswahl von 2005 Überzeugungen eher als hinderlich empfand. Aber die Medien verhindern jede ernsthafte Debatte, wenn sie sich weiterhin so verhalten, wie es Michal beschreibt.

"Das heißt, die Menschen werden – ob sie es wollen oder nicht – durch den Emotionskindergarten der Medien gejagt und können nicht mehr selbst entscheiden, womit sie sich befassen wollen. Das ist der Sinn von Monothematik! Das ist ihre autoritäre Schattenseite."

Sie werden nicht nur daran gehindert, womit sie sich befassen können, sondern auch wie sich damit befassen wollen.

+++ Nun ist die Welt zusammengewachsen. Auch in der Türkei bekommt man diese deutsche Debatte natürlich mit. Das gilt nicht nur für die Flüchtlinge in den Lagern, sondern auch für den türkischen Ministerpräsidenten. Ahmet Davutoglu hat heute in der FAZ einen Gastbeitrag unter dem Titel "Der Verlust der Unschuld" veröffentlicht, der an Klarheit nichts zu wünschen übrig lässt. Er beteiligt sich zudem an der Debatte um das tote Kind am Strand in Bodrum, allerdings nicht als Medienkritiker.

"Und das unschuldige Kind Alyan zusammen mit der humanitären Katastrophe, zu deren Symbol sein unerträglicher Tod geworden ist, wird nicht nur vergessen werden, sondern möglicherweise auch die Geister zurückrufen, die wir längst begraben glaubten. Dies könnte pessimistisch, ja sogar extrem klingen. Ich fordere die Staatsmänner Europas dazu auf, mich eines Besseren zu belehren."

Manche könnten jetzt auf die Idee kommen, in der Bombardierung der Kurden nicht die Lösung des Problems zu sehen. Aber darüber gibt es bekanntlich Meinungsunterschiede zwischen den diplomatisch relevanten Akteuren. Die Medien, so ist zu vermuten, können das berichten, aber auch nicht ändern.

"Der bequeme Reflex, mit einer rein defensiven Herangehensweise die ganze Last auf die Türkei zu laden, indem man massive Sicherheitsvorkehrungen trifft und Mauern baut, um eine christliche Festung Europa zu errichten, könnte jenen reizvoll erscheinen, die nichts von der europäischen Geschichte verstanden haben, aber dies wird nicht funktionieren. Eine solche Herangehensweise ist nicht mit europäischen Werten vereinbar. Aber, noch wichtiger ist, dass wir es uns als Beitrittskandidaten zur EU nicht vorstellen können, dass eine derartige Selbstgerechtigkeit von der Mehrheit der Europäer unterstützt werden würde."

Europäische Werte sind eine interessante Formulierung. Manche wollen gerne wissen, was der türkische Staatspräsident in seinem Palast in Ankara darunter versteht. Davutoglu reagiert damit vor allem auf die deutsche Debatte über Willkommenskultur mit der Kritik an Ungarn. Allerdings im nationalen Interesse der Türkei. Das ist auch völlig legitim. Die Türkei will eine andere Lastenverteilung durchsetzen, die es bisher nicht gegeben hat.

Aber wenn die deutschen Medien so weitermachen wie bisher, wird aus diesem legitimen Interesse ein moralischer Anspruch. Dabei hat die Türkei die völkerrechtliche Verpflichtung, die illegale Ausreise von ihrem Staatsgebiet nach Griechenland zu unterbinden. Man erkennt daran, wie innenpolitische Debatten außenpolitische Auswirkungen haben können. Davutoglu versucht das im Interesse seines Landes zu nutzen. Das ist ihm nicht vorzuwerfen. Der Umgang mit Ereignissen und Bildern wird immer von politischen Interessen bestimmt. Lediglich in Deutschland scheint man das vergessen zu haben.

+++ Dafür erleben wir heute ein großes Ereignis. In der ARD wird es eine neue Sendung zum Geschlechterverhältnis geben. Allerdings bei Hart aber fair in alter Besetzung. Um die Emotionalisierung in dieser Debatte muss niemand fürchten. Sie ist sicher gestellt. Wahrscheinlich werden die meisten Flüchtlinge diese Sendung mangels Sprachkenntnisse nicht sehen können, "seien es Afrikaner oder Asiaten, Muslime oder Christen, Araber oder Kurden, Pakistaner oder Afghanen", so Davutoglu in seinem Gastbeitrag, Das ist eigentlich Schade. Die Welt mag kommunikativ zusammengewachsen sein, aber solche Sendungen sind wohl nur in Deutschland möglich. Wie sagte das Dieter Schnaas in der Wirtschaftswoche?

"Eine Politik, die Flüchtlinge abweist und die Augen verschließt vor der Not der Menschen, ist verantwortungslos und zynisch. Eine Politik, die vor lauter "Wir-schaffen-das-Optimismus" der Frage nach den soziokulturellen Kosten ihrer Asyl- und Migrationspolitik ausweicht, wäre es auch."

Die Flüchtlinge bekämen nämlich bei Frank Plasberg einen Eindruck davon, wie groß die Integrationsleistungen sein werden, die auf sie zukommen.


Altpapierkorb

+++ Der Mediendiskurs beschränkt sich ja nicht mehr auf die klassischen Medien. Vor allem Facebook ist zur Plattform für die vielfältigen Stimmen des Volkes geworden. Dort diskutiert etwa Til Schweiger mit seinen Kritikern, wie wir wissen. Die Bild hat eine Stimme des Volkes besucht. Man könnte daraus etwas über die Funktion des Prangers erfahren. Der funktioniert nämlich online wie offline. Ob dann eigentlich eine Debatte sinnvoll ist, wen man an diesen Pranger stellen darf und wen nicht? Oder wäre es nicht doch besser auf dieses archaische Instrument der Rechtspflege generell zu verzichten? Das schließt nicht aus, dass jeder für seine öffentlichen Äußerungen verantwortlich - und die mögliche Strafverfolgung. Aber Berichterstattung ist etwas anderes als das Aufstellen solcher Pranger.

+++ Die Debatte um das Bild des toten Jungen von Bodrum ist kaum noch überschaubar. Kein Wunder: Es betrifft das journalistische Selbstverständnis nicht nur in Deutschland. Exemplarisch ist der Disput zwischen dem Spiegel und Spiegel online, den Meedia zusammenfasst. Es gibt keinen Grund, warum es in Redaktionen keine Meinungsunterschiede dazu geben soll. Aber in der Debatte wird von den Befürworter der Veröffentlichung eines vergessen: Sie unterstellen damit die Eindeutigkeit einer Botschaft. Nur was ist das anderes als die Instrumentalisierung, die man immer beklagt? Wie differenziert diese Botschaften sein können, wurde schon am Beispiel des türkischen Ministerpräsidenten deutlich. Es gibt aber einen Unterschied zwischen historischen Bild-Dokumenten und der politischen Instrumentalisierung dieser Bilder. Ob letzteres nun von einem Politiker oder anderen Aktivisten versucht wird.

Historische Dokumente machen nämlich eine Botschaft deutlich, die wir schon kennen. Die Bilder aus dem Vietnamkrieg etwa das Scheitern der USA. Nur sind die USA nicht wegen dieser Bilder gescheitert, sondern aus politischen Gründen. Das kommt heute in diesen historischen Dokumenten zum Ausdruck. Nur weiß man das erst seit 1975 – als der Vietnamkrieg beendet worden ist. Das wusste man nicht zu dem Zeitpunkt als diese Bilder veröffentlicht worden waren. Sie bewirkten unter anderem in den USA die Wahl Richard Nixons zum US-Präsidenten. Dessen Botschaft war aber keineswegs so pazifistisch gewesen, wie die der Kriegsgegner in den USA. Das nur als Hinweis für heutige Aktivisten. Insofern sollten sie sich genau überlegen, wie die heutigen Bilder ankommender Flüchtlinge noch wirken können.

+++ Was aus den Nachrichten werden wird, ist in der Welt zu lesen.

+++ Gestern Abend gab es wieder einen neuen Tatort. Das ist in den sozialen Netzwerken von nicht zu unterschätzender Bedeutung gewesen. Ob das auch einem alten Showformat passieren wird, wenn es wiederkommt? Wetten wir mit Jörg Pilawa!

+++ In der Türkei ist Twitter schon länger ein Ärgernis. Heute aber ausnahmsweise nicht für die Regierung in Ankara. Immerhin kann man sich aber auf diesem Netzwerk auch darüber informieren, welche Journalistin in der Türkei wieder einmal festgenommen worden ist.

+++ Was jetzt auch nicht mehr fehlt? Das Zwölf-Punkte-Programm der BBC. Via Konrad Weber. Außerdem noch ein Zaun zwischen Jordanien und Israel. Er wird die Mediendebatte beleben. Nur die radikalen Israelkritiker werden das wie üblich verurteilen. Für alle anderen könnte es jetzt interessant werden.

+++ Zur Debatte um das Bild des toten Jungen noch das Medienmagazin von BR 5. Dank an Vera Bunse.

Das Altpapier gibt es wieder am Dienstag.