Werte und Normen im Journalismus

Der Journalismus war noch nie so unter Legitimationsdruck wie unter den Bedingungen der Digitalisierung. Gleichzeitig wird aber immer deutlicher, warum er noch nie so gebraucht worden ist wie heute.

Russlands Präsident Wladimir Putin gibt dem ARD-Journalisten Hubert Seipel ein Interview. In solchen Interviews mit Staatsoberhäuptern redet nie die Person, sondern ein Mensch in seiner Funktion. Es ist nur aus einem Grund von Bedeutung. Er macht dort Aussagen zur Politik des von ihm repräsentierten Staates. Der Zuschauer bekommt so die Möglichkeit, sich ein eigenes Bild zu machen, jenseits dessen wie er das am Ende politisch beurteilt. Ein Journalismus in freien Gesellschaften verzichtet dabei keineswegs auf seine Meinung. Der Gegensatz zu Diktaturen besteht schlicht darin, dass es dort mehr als nur eine Meinung gibt, die man zumeist als die der Regierung identifiziert. Die Trennung zwischen Berichterstattung und Kommentar ist eines der Ergebnisse dieser westlichen Vorstellung von Journalismus gewesen. Sobald man unangenehme Fakten unterschlägt oder vermeidet, siegt die Politik über den Journalismus. Das hängt keineswegs von den moralischen Qualitäten des einzelnen Journalisten ab, sondern von der Existenz eines pluralistisch organisierten Mediensystems. Was der eine lieber verschweigen würde, wird der andere schon bringen.

In dem Konflikt mit Russland wegen der Ukraine ist die Berichterstattung in den Verdacht geraten, dass dieser Mechanismus der Selbstkontrolle nicht mehr funktioniert. Die Sichtweise der meisten Journalisten mehr von ihrer politischen Überzeugung als von ihrer journalistischen Professionalität geprägt wird. Sie in der Berichterstattung über die Ukraine bewusst alles ignorieren, was den ideologischen Vorgaben einer Verurteilung Russlands widerspricht. Dieser Vorwurf konnte erst mit der Digitalisierung diese Schubkraft gewinnen. Sie ermöglicht die Nutzung weltweiter Medienangebote, die in ihrer überwiegenden Mehrzahl aber nicht journalistisch sind. Es handelt sich zumeist um Meinungen oder die PR von Interessengruppen. Der Journalismus ist in diesem Mediensystem zur Ausnahme geworden – und gerade deswegen seine Bedeutung im Vergleich zu früher sogar noch gestiegen. Schließlich hängt der demokratische Willensbildungsprozess von ihm ab. Insofern ist es für die Demokratie selbst ein Desaster, wenn der Journalismus zur bloßen Meinung, zur PR von Interessengruppen oder politischen Propaganda wird. In der Diskussion über das Interview mit Putin in der ARD ist ein Journalismus im Verfallsstadium zu beobachten gewesen. Es wird sogar schon zum Problem, mit Putin überhaupt zu reden und danach darüber bei Günther Jauch kontrovers zu diskutieren. Das Thema wird nur noch als politisch-ideologisches Schlachtfeld betrachtet. Es ist dann besonders bemerkenswert, wenn dem Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier auffällt, was dem Journalismus in dieser Debatte über Russland eigentlich fehlt:

„Vielfalt ist einer der Schlüssel für die Akzeptanz von Medien. Die Leser müssen das Gefühl haben, dass sie nicht einer einzelnen Meinung ausgesetzt sind. Reicht die Vielfalt in Deutschland aus? Wenn ich morgens manchmal durch den Pressespiegel meines Hauses blättere, habe ich das Gefühl: Der Meinungskorridor war schon mal breiter. Es gibt eine erstaunliche Homogenität in deutschen Redaktionen, wenn sie Informationen gewichten und einordnen. Der Konformitätsdruck in den Köpfen der Journalisten scheint mir ziemlich hoch. Das Meinungsspektrum draußen im Lande ist oft erheblich breiter. Wie viele Redakteure wollen Steuersenkungen, Auslandseinsätze, Sanktionen? Und wie viele Leser? Journalisten müssen nicht dem Leser nach dem Munde schreiben, genauso wenig, wie wir Politiker nur auf Umfragen starren sollten. Aber Politiker und Journalisten gleichermaßen sollten die Bedürfnisse ihrer Leser und Wähler nicht dauerhaft außer Acht lassen.“

Man muss sich das einmal vorstellen. Ein führender Politiker muss die deutschen Medien daran erinnern, kontroverse Debatten über elementare Zukunftsfragen zu führen anstatt sich nur noch im eigenen ideologisch-politischen Mief zu suhlen. Um dann anschließend diesen Mief gegen den Gestank von denen zu verteidigen, die ebenfalls unter Journalismus die Bestätigung ihrer Meinungen verstehen. Da muss man sich wirklich fragen, ob die Trolle nicht schon längst den Journalismus infiziert haben.

 

+++ So war es kein Wunder, wenn das Interview mit Putin nur noch als Wechselspiel von Propaganda und Gegenpropaganda betrachtet worden ist. Der Anlass war schon mit den ersten Vorveröffentlichungen der ARD über das Interview gefunden worden. Es ging darum, Hubert Seipel als „Russland freundlichen Journalisten“ zu desavouieren. Laut Übersetzung des russischen Präsidialamts hatte er von einem Anschluss der Krim an Russland gesprochen. Zwar hat niemand Michel Foucault gelesen, aber dessen Ansatz in Diskursen Machtstrukturen und Ideologien zu rekonstruieren, ist die heute gängige Methode. Allerdings wurde Foucault mittlerweile pervertiert: Es ist schon längst zur Waffe von Propaganda-Tools geworden, um jede andere Meinung zu diskreditieren. Aus einer Methode zur Analyse von Macht ist ein Herrschaftsinstrument zur Hegemonie über Diskurse geworden. Allein deshalb diskutierte man über Seipels Wortwahl. Mit dem Begriff sollte der Effekt erzeugt werden, alles was in 30 Minuten mit Putin besprochen worden ist, zu ignorieren. Die Verurteilung Putins und Russlands ersetzt so die Meinungsbildung. Der gewünschte Effekt ist eine Politik der Konfrontation mit Russland durchzusetzen. Die Delegitimierung Russlands soll auf diese Weise die Legitimierung der eigenen Politik ermöglichen. Das ist zwar Propaganda, weil sie die Meinungsbildung als kontroverse Debatte um die richtige Politik außer Kraft setzt. Aber das fällt schon niemanden mehr auf, weil der ideologisch-politische Anspruch an die Stelle journalistischer Distanz getreten ist. Mittlerweile hat das russische Präsidialamt seine eigene Übersetzung des Putin Interviews wieder geändert - oder auch nicht. Nur seit wann braucht man englische Übersetzungen aus Russland für deutsche Interviews?

+++ Nun wird sicher niemand erwarten, dass in Russland westliche Vorstellungen über Journalismus umgesetzt werden. Die Frage, ob die Bundeskanzlerin in russischen Medien ebenfalls eine vergleichbare Plattform wie Putin in der ARD finden wird, lässt tief blicken. Seit wann ist Russland für uns ein Maßstab? Wir sind schließlich von unseren Werten überzeugt, gleichgültig ob sich andere daran halten oder nicht. Dazu gehört faire Berichterstattung, der politische Streit, die Fähigkeit zur Selbstkritik, ein plurales Mediensystem. Der westliche Journalismus muss seiner Funktion der demokratischen Meinungsbildung gerecht werden – und nichts und niemand anderem. So muss man sich fragen, ob Martin Klingst auf Zeit online überhaupt verstanden hat, worum es geht.

„Doch nur ein vereinter Westen, der sich auf seine gemeinsamen Werte besinnt und stützt, wird Putin dauerhaft die Stirn bieten können. Denn hinter dem Streit um die Ukraine steckt nicht nur ein Konflikt um Interessen, sondern auch und gerade um Werte und Normen.“

Er will damit das Freihandelsabkommen mit den USA begründen. TTIP kann man für sinnvoll halten oder auch nicht. Aber diese Werte und Normen sind keine Tapete, mit der man die Wohnzimmer im Westen ausschmückt, sondern der demokratische Verfassungsstaat begründet eine Methode im Willensbildungsprozess. Je mehr man aber die kontroverse Debatte durch solches Gerede über Werte und Normen ersetzt, umso mehr verrät der Westen genau die Werte und Normen, die er propagiert. Seine Praxis unterscheidet ihn von anderen, nicht das wohlfeile Gerede.

+++ Mittlerweile hat man in Deutschland die Gelegenheit, das russische Verständnis von Journalismus zu erleben. Es nennt sich RT-Deutsch. Dessen Anspruch ist die Herstellung von Gegenöffentlichkeit. Der Sender will der westlichen Sichtweise die Russlands entgegensetzen. Nun sollte deutlich geworden sein, dass westliche Medien keine westlichen Medien mehr sind, wenn es nur eine westliche Sichtweise gibt. Das ist in Russland offensichtlich anders. Kontroverse Debatten über die Politik Russlands findet man bei diesem Sender nicht. Aber welche journalistischen Methoden wendet RT-Deutsch eigentlich an? Vor einiger Zeit berichtete er über die Verschiebung des G-7 Gipfels im kommenden Jahr. Aus der zeitlichen Nähe zur Bilderberg-Konferenz zog RT-Deutsch folgende Schlussfolgerung.

„Dank der dreitägigen Terminverschiebung können die politischen und wirtschaftlichen Eliten zunächst im informellen Rahmen der Bilderberg-Konferenz zusammen kommen und dort die westlichen Regierungschefs bestens instruieren, bevor es dann übergangslos zum G-7 Gipfel weitergeht.“

Jetzt wäre es Journalismus, wenn man dafür weitere Belege finden könnte. Die Terminüberschneidung kann bekanntlich auch Zufall sein. Da wäre es sinnvoll, etwa die Bundesregierung zu fragen. Eine Regierungssprecherin hat auf eine entsprechende Nachfrage mitgeteilt.

„In Abstimmung mit den G7-Partnern hat sich der Termin 7./8. Juni 2015 als der für alle Beteiligten geeignetste herausgestellt. Der vermutete Zusammenhang zur Bilderberg-Konferenz besteht nicht."

Nun muss man einer Regierung nicht alles glauben, was sie so sagt. Allerdings beginnt dann erst der Journalismus. Nämlich Hinweise darauf zu finden, warum dieser „vermutete Zusammenhang“ trotzdem richtig sein könnte. Ansonsten ist das wertloses Gerede. Daher eine entsprechende Anfrage an die Redaktion von RT-Deutsch.

„Welchen Beleg haben Sie für diese Aussage? Verfügen Sie über Informationen, die diesen Zusammenhang deutlich machen? Wie hat die Bundesregierung auf eine entsprechende Anfrage von ihnen reagiert?“

Im Gegensatz zur Bundesregierung hat RT-Deutsch bis heute nicht darauf reagiert. Journalistische Grundsätze sind ihnen schlicht gleichgültig. Dafür haben sie aber sicher „Werte und Normen“, nur halt aus Russland, die sie ihren deutschen Zuschauern vermitteln wollen. Der Unterschied zwischen Lüge und Wahrheit, zwischen Unterstellung und recherchierter Information, spielt für RT-Deutsch keine Rolle. Es wird Zeit, wieder deutlich zu machen, was der Unterschied zwischen dieser Propaganda-Tröte und Journalismus ist. Ansonsten begeben wir uns auf russisches Niveau.


Altpapierkorb

+++ Zu Jauch gibt es eine Vielzahl an Rezensionen. In der FAZ, bei Spiegel Online, der Welt, dem Stern oder Telepolis. Weitere links findet man bei der Suchmaschine ihres Vertrauens. Ansonsten ein Tipp an den Leser: Die Rezensionen lesen, die der eigenen Sichtweise widersprechen. Das schult den Blick.

+++ In der Sendung von WDR 5, Funkhaus Wallrafplatz, hat sich am Samstag Stefan Niggemeier zum Thema Vertrauensverlust der Medien  geäußert. Das wird bei auch von Petra Sorge im Cicero und im "Blog der Republik" thematisiert. Über einen anderen Vertrauensverlust schreibt Jens Berger beim Spiegelfechter in einem Zwischenruf. Er hat das Vertrauen in einen Teil seiner Leserschaft verloren.

+++ Mit "RT Deutsch" beschäftigt sich "Markt und Medien" im DLF. Außerdem Andreas Kynast in "Berlin direkt" des ZDF. "Netzpolitik" will Russia Today (Deutsch) aus den hier zu lesenden Gründen keine Interviews geben. Dazu passt auch dieser Bericht über Russland in den deutschen Medien.

+++ Ansonsten findet man noch etwas zu Bertelsmann und Gruner und Jahr aus der Perspektive des Managements. Und der Blick auf das Management aus der Sicht des Journalismus. Da ist Mitgestalten grundsätzlich eine gute Idee. Nur ist nicht sicher, ob die Verlage das noch für sinnvoll halten.

+++ In diesem Nachruf auf Hans Detlev Becker kann man lesen, was den Spiegel einmal auszeichnete.

+++ Schließlich ein Thema, was schon im Altpapierkorb vom 3. November erwähnt worden war. Marc Felix Serrao über das Standgericht der Schein-Toleranten. Toleranz ist bekanntlich der Inhalt der Themenwoche in der ARD.

+++ Was jetzt noch fehlt? Der letzte Tag einer Zeitung. Außerdem ein Interview mit dem Häuptling von ISIS. Das hat uns bekanntlich noch gefehlt. Und noch zwei weitere Hinweise. Zum einen, wie der Fußball den Journalismus ruiniert. Und was eigentlich der BND so alles wissen will. Mit Journalismus haben die es bekanntlich auch nicht so.

+++ Für die Mittagswiederholung noch einige Hinweise auf Jauch-Rezensionen. So bei den Nachdenkseiten, der Süddeutschen Zeitung, dem Tagesspiegel, der Berliner Zeitung und RT-Deutsch

Das Altpapier gibt es wieder am Dienstag.