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Armenien
In Armenien eskaliert der Streit zwischen Kirche und Regierung
Im Umgang mit der Armenisch-Apostolischen Kirche zeigt sich Ministerpräsident Nikol Paschinjan als populistischer Machtpolitiker: erst den Gegner mit Gerüchten um fehlende moralische Integrität delegitimieren und ihm dann Reformen aufdrängen. Im Mai vergangenen Jahres etwa warf der Premier dem Katholikos Karekin II. öffentlich vor, gar nicht zölibatär zu leben, sondern Vater eines Sohnes zu sein. Damit sei er als Kirchenoberhaupt nicht mehr tragbar. Selbst wenn diese Gerüchte stimmten, wäre es Aufgabe der Kirche dem nachzugehen, nicht des Staates.
Der Katholikos ist innerhalb der armenischen Bevölkerung, die zu 93 Prozent seiner Kirche angehört, umstritten. Ende November stellten sich zehn von insgesamt 350 Priestern und Bischöfen hinter Regierungschef Paschinjan und forderten den Rücktritt des Kirchenoberhaupts. Neben den alten Vorwürfen um ein uneheliches Kind warfen sie ihm vor, die Veröffentlichung eines Videos zu verhindern, das einen ihm loyalen Erzbischof in einer kompromittierenden Situation zeigen soll. Sie kritisierten außerdem erneut, dass bei der Wahl von Karekin zum Katholikos 1999 unrechtmäßig Druck auf Wahlleute ausgeübt worden sei. Schließlich verurteilten sie, dass sich Kleriker zugunsten der Opposition in die Politik einmischen. Dies würde die Kirche spalten. Mitte Dezember brachten die zehn persönlich unter großer Polizeipräsenz Karekin die Aufforderung zum Rücktritt vorbei. Für Paschinjan war das ein Zwischensieg.
Seit langem liegt der Premier mit dem Katholikos im Clinch, von dem er immer wieder Gegenwind für seine Politik bekommt – sei es aufgrund seiner Abkehr von Russland, mit dem sich die Armenisch-Apostolische Kirche kulturell verbunden fühlt, sei es, weil Paschinjan sich offen für Friedensverhandlungen mit Aserbeidschan und der Türkei ausspricht und dafür sogar Gebietsabtretungen in Kauf nehmen würde. Nicht nur die politische Opposition, sondern auch Karekin und verschiedene Priester und Bischöfe hatten den Premier dafür immer wieder scharf kritisiert.

