Schuld lässt sich nicht mit Seife abwaschen

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Schuld lässt sich nicht mit Seife abwaschen
Morgenandacht im Deutschlandfunk zum Welthändehygienetag
Heute ist Thema "Welthändehygienetag". Hat die Bibel dazu etwas zu sagen? Tatsächlich: Jesus sprach einmal über das Händewaschen - und dass er es nicht besonders wichtig findet. Denn damit lässt sich nur äußerer Schmutz abwaschen, keine innere Schuld. Gedanken zum Welthändehygienetag von Pfarrer Thomas Dörken-Kucharz.

Heute ist der 5. Mai, der 5.5.. Und weil zweimal fünf, also zweimal fünf Finger, zehn Finger sind, ist heute der Welthändehygienetag. Es geht darum, die Hände gründlich, mindestens 25 – also fünf mal fünf – Sekunden lang mit Seife zu waschen und so viele Infektionen zu vermeiden, z. B. durch Grippe- oder Noroviren. Gegen diesen Aktionstag der Weltgesundheitsorganisation ist im Prinzip nichts einzuwenden. Die seit Kindertagen zigmal gehörte Ermahnung "Nach dem Klo und vor dem Essen, Händewaschen nicht vergessen" hat schon ihre Richtigkeit, auch wenn die ständigen Handwaschanleitungen in den Toiletten öffentlicher Institutionen, Restaurants und Hotels gelegentlich nerven. Hygiene, die nicht in Waschzwang ausartet, ist sinnvoll und sollte selbstverständlich sein.

Aber die Frage, ob man seine Hände immer vor dem Essen waschen muss, ist viel älter als  die Weltgesundheitsorganisation. Und bei religiös begründeten Reinheitsvorschriften schwingt viel mehr mit als nur die Sorge vor Krankheitserregern.

Der Evangelist Matthäus berichtet von einer Auseinandersetzung über die jüdischen Reinheitsgebote. Der Anlass: Jesu Anhänger waren dabei beobachtet worden, dass sie vor dem Essen ihre Hände nicht gewaschen hatten. Jesus weist die Vorwürfe zurück und wird grundsätzlich:

Er rief das Volk zu sich und sprach zu ihnen: Hört zu und begreift's: Was zum Mund hineingeht, das macht den Menschen nicht unrein; sondern was aus dem Mund herauskommt, das macht den Menschen unrein... Alles, was zum Mund hineingeht, das geht in den Bauch und wird danach in die Grube ausgeleert. Was aber aus dem Mund herauskommt, das kommt aus dem Herzen, und das macht den Menschen unrein. Denn aus dem Herzen kommen böse Gedanken, Mord, Ehebruch, Unzucht, Diebstahl, falsches Zeugnis, Lästerung. Das sind die Dinge, die den Menschen unrein machen. Aber mit ungewaschenen Händen essen macht den Menschen nicht unrein. (Mt 15, 1-20)

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Hätte man zur Zeit Jesu schon Bescheid gewusst über Krankheitserreger und ihre Übertragungswege, hätte Jesus wahrscheinlich nicht so gegensätzlich formuliert. Denn es ist mit dem heutigen Wissen schlicht falsch, dass mit ungewaschenen Händen essen den Menschen nicht unrein macht. Im hygienischen Sinne macht es ihn unrein. Aber Jesus ging es gar nicht um die äußere sondern um die Hygiene der Seele und des Herzens. Eine kalte oder eine  besonders heiße Dusche, also äußere Hygiene, hilft nur sehr begrenzt, wenn man sich aufgrund eines Vergehens schlecht oder schuldig fühlt. Am deutlichsten wird das im Prozess gegen Jesus, als der römische Statthalter Pilatus, vor aller Augen seine Hände in Unschuld wäscht, weil er nicht die Verantwortung für das Todesurteil über Jesus übernehmen will. Doch dieser Versuch, sich so aus der Affäre zu ziehen, ist scheinheilig. Nur er hatte die Macht, ein Todesurteil zu verhängen und hat es folglich auch zu verantworten.

Halten wir fest: Händewaschen ist sinnvoll und notwendig, ganz im Sinne des Welthändehygienetages. Aber äußere Hygiene hilft kaum gegen die Seelenverschmutzung und Unreinheit des Herzens. Schuld lässt sich nicht abwaschen. Christen glauben, dass dagegen nur Religion hilft. Und damit sie selbst daran erinnert werden, haben sie dafür eigene Weltaktionstage. Die heißen nur anders: Karfreitag zum Beispiel, oder Buß- und Bettag.