Militärseelsorge: Mit der "Gorch Fock" in die weite Welt

"Gorch Fock" in Hamburg

Foto: dpa/Angelika Warmuth

Das Segelschulschiff "Gorch Fock" läuft am 07.05.2013 in Hamburg ein. Das 89 Meter lange Schiff der Marine macht Station in der Hansestadt und führte am 09.05.2013 die traditionelle Einlaufparade des Hafengeburtstages an.

Militärseelsorge: Mit der "Gorch Fock" in die weite Welt
Die "Gorch Fock" ist wieder vorneweg: Das legendäre Segelschulschiff der Deutschen Marine wird am Sonntag (12. Mai 2013) nach zweijähriger Ruhephase erstmals die Auslaufparade des angeblich größten Hafenfestes der Welt in Hamburg anführen. Der öffentliche Ruf des Schulschiffes hat durch den tödlichen Unfall einer Seekadettin erhebliche Kratzer abbekommen. Ein Fall für Militärseelsorger wie Ralf Zielinski.
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Die Enge unter Deck der "Gorch Fock" ist schon für flüchtige Pressebesucher erdrückend: So schlafen zwanzig Seeleute in einem Raum von Wohnzimmergröße - in Hängematten, die an festen Stahltrossen doppelstöckig übereinander hängen. Wer bei meterhohen Wellen und einem im Sturm hin und her wogenden Schiff seekrank wird - und das kommt selbst unter der Stammbesatzung häufiger vor - muss sehen, wie er oder sie "klarkommt", sagt ein Offizier.

173 Tage wird der jetzige Törn über 25.000 Kilometer von Kiel über Gran Canaria, die Azoren und Lissabon nach London und wieder Kiel gedauert haben, wenn die "Gorch Fock" in einer Woche in ihren Heimathafen einläuft. Zeitweilig leben bis zu 250 Menschen, darunter zwei Dutzend Frauen, meist Offiziersanwärterinnen, auf dem gerade mal 81 Meter und 26 Zentimeter kurzen Segler, dessen eleganter weißer Rumpf aus Stahl geschweißt wurde.

Zudem ist das Leben an Bord selbst in Friedenszeiten gefährlich. Im September 2008 stürzte eine 18-jährige Offiziersanwärterin bei stürmischem Wetter nördlich von der Nordseeinsel Norderney über Bord und ertrank. Zwei Jahre später kam es zum siebten Todesfall auf der 1958 in Dienst gestellten "Gorch Fock". Während eines Hafenaufenthalts in Salvador da Bahia (Brasilien) stürzte eine 25-jährige Kadettin im November 2010 vom Großmast aus 27 Meter Höhe in die tödliche Tiefe - für  erfahrene Besatzungsmitglieder und gerade der Schulbank entwachsene Kadetten ein Schock gleich zu Beginn ihrer militärischen Laufbahn.

"Geh doch mal an Oberbord"

Passiert ein Unfall fern der Heimat läuft ein militärischer Fahrplan zur psychologischen Krisenintervention ab: Das Schifffahrtmedizinische Institut der Marine bei Kiel wird benachrichtigt. Dort wird ein Team aus Ärzten, Psychologen und sogenannten Peers - erfahrenen Seeleuten - zusammengestellt und zum Unfallort geflogen, um erste Krisenhilfe zu leisten. Zum Einsatz kommen auch Militärseelsorger. Allein die evangelische Kirche ist an knapp 100 Standorten zwischen Aachen und Afghanistan mit Pfarrern präsent.

Krisenfälle nehmen zu, seit die Deutsche Marine von der Bundesregierung zu einer "Marine im Einsatz" umgebaut wird. Von der Öffentlichkeit kaum wahrgenommen, wandelt sich die an den Küsten von Nord- und Ostsee beheimatete "wiedervereinigte" Flotte zu einer Marine, die im weltweiten Dauereinsatz operiert - von der Anti-Piraten-Operation "Atalanta" vor der Küste Ostafrikas bis hin zur UN-Mission UNIFIL im östlichen Mittelmeer: Seit dem Krieg 2006 zwischen der libanesischen Hisbollah-Miliz und Israel wird versucht, Waffenschmuggel in der Levante zu unterbinden, die libanesische Marine auszubilden und die Seegrenzen nach Syrien zu kontrollieren.

Zwar wird die Bundeswehr personell verkleinert, aber qualitativ wird sie aufgerüstet. Und gegenüber Heer und Luftwaffe gewinnt die Marine durch den Reformprozess sogar intern an Gewicht. "Die Deutsche Marine", so der zuständige Staatssekretär im Verteidigungsministerium Thomas Kossendey, "wird in Zukunft absehbar stärker gefordert sein als bisher."Doch nicht zuerst Krisenhilfe, sondern vor allem Alltagshilfe ist auf der "Gorch Fock" gefragt. Der evangelische Marinedekan Ralf Zielinski weiß, wovon er spricht: "Die Enge an Bord, die See an sich - sie schwankt und wankt." Heikel ist die Kommunikation nach Hause, der Liebe Gruß an die Eltern oder das kranke Kind daheim. "Wenn man ständig für die Familie nicht zu erreichen ist, ist das schwierig zu ertragen." Problematisch seien meist die "einfachen zwischenmenschlichen Beziehungen" - Etwa der schnarchende Nachbar, der einem den Schlaf raubt. Abhilfe schafft oft ein einfacher Rat: "Geh doch mal an Oberbord und such' die Weite, den Horizont", erzählt Zielinski, der bis vor wenigen Tagen über zwei Jahre lang die Gorch-Fock-Kadetten in der Marineschule Mürwik bei Flensburg und an Bord betreute. Abwechselnd mit einem katholischen Amtsbruder.

"Ich gehe auf die Leute zu." Der Besuch der Kombüse, der Schreibstube, das alltägliche Gespräch, Kontakt und menschliches Vertrauen schaffen, gehören zur Seelsorge. In der "Beziehungsarbeit" wird nicht nach Religion oder Kirchenzugehörigkeit gefragt. Etwa ein Drittel der Besatzung ist evangelisch, ein Drittel katholisch, ein Drittel gehört keiner Kirche an, und unter den Offiziersanwärtern befindet sich mancher Moslem.

"Für alle ein einschneidendes Erlebnis"

Konfessionsübergreifend und gut besucht - weit besser als an zivilen "Standorten" - sind die Gottesdienste der Marineseelsorger. "Was in der Zivilgesellschaft manchmal trennend ist, wirkt in der Marine anders", hat Pfarrer Zielinski auf Hoher See erfahren, "hier sitzt man im Wortsinne in einem Boot." Und das schweiße zusammen, die Kameradschaft wird durch die Härte des Einsatzes gefestigt.

Kurz vor dem allerersten Besuch des Hamburger Hafengeburtstages hatte der neue Kommandant der Gorch Fock (Kapitän zur See Helge Risch) nach zweijähriger Ausbildungspause den ersten Lehrgang junger Nachwuchsoffiziere in London verabschiedet. Dort wurden die Kadetten von einem deutschen Flottenverband übernommen. Vergessen ist der tödliche Unfall der Seekadettin aber nicht. Er habe damals wie heute bewegt, sagt Pfarrer Zielinski, und "war für alle ein einschneidendes Erlebnis". Alles Weitere bleibt Geheimnis des Seelsorgers.

Tod, Pranger und ein Übungsmast
Das erste weibliche Unfallopfer an Bord des "Stolzes der Deutschen Marine" war 2008 die erst 18-jährige Offizieranwärterin Jenny Böken. Sie ging auf See nahe der Nordseeinsel Norderney über Bord und ertrank. Nach ihr ist heute eine Stiftung benannt, die sich um Soldaten und ihre Familien kümmert. Zwei Jahre später stürzte eine 25-jährige Offizieranwärterin während eines Hafenaufenthalts der "Gorch Fock" in Salvador da Bahia (Brasilien) vom Großmast aus 27 Metern Höhe und starb.
Als Konsequenz wurden bis zu Beginn dieses Jahres keine Kadetten mehr an Bord der "Gorch Fock" ausgebildet, das Schiff wurde aus der "Schusslinie" der Medien genommen und generalüberholt. Der Wehrbeauftragte des Deutschen Bundestages Hellmut Königshaus (FDP) prangerte in seinem Jahresbericht "Führungsdefizite" und "Sicherheitslücken" an. Doch ein schuldhaftes Handeln, das zum Tod der Kadettin führte, konnte die Staatsanwaltschaft nicht feststellen. Der abgelöste Kommandant Norbert Schatz wurde von der Marine disziplinarisch ebenfalls nicht belangt.
Die marine änderte das Ausbildungskonzept für ihre "Gorch Fock", errichtete in der Marineschule Mürwik einen Übungsmast, an dem das Aufentern gefahrlos geübt werden kann. Außerdem schreibt das neue Ausbildungskonzept nun die Präsenz eines Militärseelsorgers an Bord des Segelschulschiffes verbindlich vor. (Hermannus Pfeiffer)