Das harmonische Selbstbewusstsein des Kirchentags

Ökumenischer Gottesdienst beim Kirchentag auf Hamburger Fischmarkt

Foto: epd-bild/Friedrich Stark

Vielfalt gab's unter anderem auf dem Fischmarkt, beim ökumenischen Gottesdienst von lutherischen, katholischen, methodistischen und orthodoxen Christen.

Das harmonische Selbstbewusstsein des Kirchentags
Was braucht ein Mensch wirklich zum Leben? Das war die beherrschende Frage in den mehr als 2.500 Veranstaltungen des 34. Deutschen Evangelischen Kirchentages in Hamburg. Sie wurde anhand von Armut und Ausbeutung, Spekulationen mit Lebensmitteln, anhand von Finanzkrise, Steuerflucht und der ungelösten globalen Probleme wie Klimawandel und Fluchtbewegungen diskutiert. Der Gier wurde in den fünf Tagen des am Sonntag beendeten Protestantentreffens eine Ethik des Genug, ein Appell zu Maß und Mitte entgegengesetzt.

Politik trifft Kirche - in einem Wahljahr verspricht dies naturgemäß besondere Spannung. Deshalb lassen es sich Politiker nahezu jeglicher Couleur nicht entgehen, einer Einladung des Kirchentages zu folgen. Dass die von den Spitzenpolitikern dabei demonstrierte Kirchennähe von Kirchenmitgliedern geschätzt wird, mag durchaus ein Kalkül sein. Bundespräsident Joachim Gauck, selbst einmal evangelischer Pfarrer und kirchentagserfahren, empfahl den Politikern, die Themen des Kirchentages aufzunehmen. Die Debatten "sollte die Gesellschaft zur Kenntnis nehmen", sagte Gauck.

Dennoch blieben politische Kontroversen in Hamburg weithin aus. Das gesellschaftskritische Potenzial, das Kirchentage in der Vergangenheit mitunter prägte, ist Harmonie und Konsenssuche gewichen. Kantige Standpunkte, die womöglich anecken und unbequem sind, waren die Ausnahme. Bundeskanzlerin Angela Merkel und SPD-Herausforderer Peer Steinbrück vermieden den direkten Schlagabtausch. Merkel sprach am Freitag über weltweite Gerechtigkeit: "Uns wird es auf Dauer nur gutgehen, wenn es auch anderen Ländern gutgeht." Steinbrück warb für einen fairen Umgang mit Steuersünder Uli Hoeneß. Die Herausforderungen bei Klima und Finanzkrise müssten gemeinsam bewältigt werden, betonten beide einmütig. Wahlkampf sieht anders aus.

Für Streit sorgte aber das kirchliche Arbeitsrecht, das Streiks und Aussperrung ausschließt. Spitzenvertreter der Gewerkschaften ließen keinen Zweifel daran, dass dieser Dissens ausgefochten werden muss, um Klarheit zu schaffen, ob dieser Sonderweg durch das kirchliche Selbstbestimmungsrecht gedeckt ist. Trotz starrer Fronten gibt es Bestrebungen, die Verhärtungen aufzulockern.

Anregungen für den kirchlichen Alltag

Auch beim Thema Frieden und Bundeswehr wurde es laut. Als "Kriegstreiber" und "Mörder" wurde Verteidigungsminister Thomas de Maizière (CDU) von Demonstranten beschimpft, die die Rüstungsgeschäfte mit Saudi-Arabien anprangerten. Als der Protest vor der Halle weitergingen, schritt die Polizei ein. De Maizière forderte mehr Wertschätzung für die Soldaten in Afghanistan. Ihnen dürfe "man auch mal danke sagen". Da wusste er noch nicht, dass am Samstag ein Bundeswehrsoldat in Nord-Afghanistan getötet wurde.

Ein weiteres Signal war die Selbstverständlichkeit, mit der evangelische und katholische Christen sich in Hamburg begegneten. "Eigentlich passt kein Blatt dazwischen", registrierte Kirchentagspräsident Gerhard Robbers. Wie Robbers zeigte sich der Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken (ZdK), Alois Glück, gewiss, dass es 2019 eine dritte Auflage des Ökumenischen Kirchentages geben werde. Weitaus ungewisser erscheint hingegen, welche Chance die Idee für einen europäischen Kirchentag hat, wie sie in Hamburg formuliert wurde.

Jenseits der überfüllten Hallen mit den Promis aus Politik, Gesellschaft und Kirche gibt es auch ein anderes Gesicht des Protestantentreffens. In Kirchen, Gemeinde- und Kulturzentren finden die Teilnehmer bei Workshops und Vorträgen reichlich Gelegenheit, sich zu begegnen, zu informieren, zu Gebet, Andacht und Gottesdienst. Für viele der 120.000 Dauerteilnehmer, die zumeist in ihren Gemeinden verankert sind, ist diese spirituelle Dimension immer eine willkommene Gelegenheit, Anregungen für den kirchlichen Alltag zu bekommen.

Ohne Ehrenamtliche kein Kirchentag

Dieser Mehrwert der "Wolke" Kirchentag, die nur alle zwei Jahre am Boden ist, dürfte noch immer für die große Anziehungskraft maßgeblich sein. "Wenn wir die Begeisterung der Ehrenamtlichen nicht mehr haben, dann haben wir auch keinen Kirchentag mehr", sagt Generalsekretärin Ellen Ueberschär. Gleichwohl muss die Verantwortlichen in Kirche und Kirchentag nachdenklich stimmen, dass Religion bei den Deutschen an Relevanz einbüßt. Für die Wertevermittlung ist dem jüngsten Religionsmonitor der Bertelsmann Stiftung zufolge Familie und Schule wichtiger.

Im Unterschied zum Deutschen Humanistentag allerdings, der zeitgleich und nahezu unter Ausschluss der Öffentlichkeit in Hamburg stattfand, strahlte der Kirchentag über Messehallen und Kirchen selbstbewusst aus in das Stadtleben. Vor dem organisierten Atheismus in seiner deutschen Spielart, dem es an zugkräftigen intellektuellen Köpfen fehlt, brauchen sich die Kirchen nicht zu fürchten.

Was vom Kirchentag bleibt, wie nachhaltig das Christentreffen mit seiner vielstimmigen Botschaft zu sein vermag, dürfte schwerlich zu ermessen sein. Hamburgs Erster Bürgermeister Olaf Scholz (SPD) jedenfalls gab sich zuversichtlich, dass der Geist des Kirchentages noch lange durch die Straßen der Stadt wehen werde. Einer Stadt, von deren Einwohnern nur noch ein Drittel der evangelischen Kirche angehören.