Gerhard Robbers: "Es ist sehr gut gelaufen"

Kirchentagspräsident Gerhard Robbers beim Abschlussgottesdienst

Foto: epd-bild/Friedrich Stark

Kirchentagspräsident Gerhard Robbers beim Abschlussgottesdienst im Hamburger Stadtpark.

Gerhard Robbers: "Es ist sehr gut gelaufen"
Der Kirchentagspräsident ist nach den fünf Tagen in Hamburg froh und dankbar
Kirchentagspräsident Gerhard Robbers hat eine positive Bilanz des Hamburger Christentreffens gezogen. Die zentrale politische Aussage, die vom Kirchentag ausgehe, sei das Signal für soziale Gerechtigkeit. Im Gespräch mit dem Evangelischen Pressedienst äußert sich der Jura-Professor zu Mindestlohn und menschenwürdigem Leben, zu spirituellen Impulsen und den nächsten Kirchentagen bis 2019.
Deutschland spricht 2019

Herr Präsident, was wird bleiben vom 34. Evangelischen Kirchentag in Hamburg?

Robbers: Es wird eine wachsende Spiritualität der Menschen bleiben und die Sicht auf den Zusammenhang zwischen Glaube und Offenheit für die Welt.

Was war die zentrale politische Aussage dieses Kirchentags?

Robbers: Wenn man aus dem Gesamtgeschehen eine einzige Botschaft kristallisieren müsste: Menschen, die arbeiten, müssen von ihrem Lohn auch leben können. Und die, die nicht arbeiten können, müssen einen Anspruch darauf haben, ebenfalls ein menschenwürdiges Leben führen zu können.

Heißt das: Forderung nach Mindestlohn?

Robbers: Die Frage des Mindestlohns ist auf diesem Kirchentag kontrovers diskutiert worden. Mein Eindruck ist, dass in den Veranstaltungen ein großer Konsens geherrscht hat über die Forderung nach einem Mindestlohn. Unterschiedliche Auffassungen haben aber über die Frage des Wie bestanden - ob es eine gesetzliche Regelung geben soll oder ein Aushandeln zwischen Tarifpartnern, ob branchenspezifisch oder allgemein. Darüber ist offen diskutiert worden.

An dieser Stelle ist der Kirchentag auch nicht weiter als die Berliner Politik?

Robbers: Auf dem Kirchentag kann und darf nicht entschieden werden, was in Parlamenten zu entscheiden ist. Auf dem Kirchentag kann und muss aber die offene, respektvolle und fruchtbare Auseinandersetzung über diese Fragen möglich sein.

"Dass diese Fokussierung so deutlich gelungen ist, freut mich sehr."

Gibt es auch ein spirituelles Signal, das vom Hamburger Kirchentag ausgeht?

Robbers: Die Gottesdienste waren überfüllt. Die fast 120.000 Dauerteilnehmer und über 30.000 Tagesgäste haben Spiritualität erfahren. Sie haben in überwältigender Zahl Angebote genutzt für einzelne Glaubensgespräche, für sehr persönliche Glaubensauseinandersetzungen, in denen sich ein wachsendes Bedürfnis an spiritueller Erfüllung zeigt.

Sie haben diesen Kirchentag jahrelang vorbereitet. Vieles ist nach Plan gelaufen. Was hat Sie überrascht?

Robbers: Mich hat überrascht, dass so viel so gut gelaufen ist. Wenn so viele Menschen zusammenkommen, kann es nicht ausbleiben, dass an der einen oder anderen Stelle etwas schiefgeht, dass ein Saal überfüllt ist oder eine Veranstaltung zu spät anfängt. Solche Dinge sind im kleinen Rahmen geblieben. Als evangelischer Christ darf ich sagen: Ich bin Gott dankbar dafür, dass es auf diesem Kirchentag im Großen und Ganzen sehr gut gelaufen ist.

Gab es inhaltliche Punkte, die Sie nicht erwartet haben?

Robbers: Ich habe nicht erwartet, dass sich aus dem Kirchentag die Frage der sozialen Gerechtigkeit so deutlich herauskristallisiert. Es hätte auch in eine ganz andere Richtung gehen können. Dass diese Fokussierung so deutlich gelungen ist, freut mich sehr.

Welche Persönlichkeiten haben Sie beim Kirchentag am stärksten beeindruckt?

Robbers: Die vielen jugendlichen Helferinnen und Helfer haben mich zutiefst beeindruckt. Sie haben hier über Stunden und Tage an Türen gestanden, waren immer freundlich, haben wenig Schlaf bekommen. Sie haben in einer faszinierenden Kompetenz ihre Aufgaben erledigt - immer auch in der Verwurzelung im Glauben oder in der Suche danach.

"Ich bin den Künstlerinnen und Künstlern, die diese Oper gemacht haben, zutiefst dankbar für dieses Werk."

Es gab immer starke Persönlichkeiten, die Kirchentage geprägt haben, zum Bespiel Heinz Zahrnt, Dorothee Sölle oder Margot Käßmann. Sind beim Hamburger Kirchentag neue Gesichter aufgetaucht, von denen Sie glauben: Von denen werden wir noch mehr hören?

Robbers: Auf diesem Kirchentag waren viele Persönlichkeiten, von denen man auch in Zukunft hören wird. Es ist gut, dass sie der Kirche Gesichter geben. Das ist wichtig und aussagekräftig. Und dabei kommt es auf jeden Einzelnen an. Aber man soll auch dort hingucken, wo Menschen nicht im Licht der Öffentlichkeit stehen, sondern ihre Arbeit im Stillen oder im Abseits tun. Dies sind Menschen, die auf ihre Weise unverzichtbar sind für ein gelingendes Zusammenleben.

Zum ersten Mal hat es zum Kirchentag eine Oper gegeben: "Das Ende der Unschuld" über den Theologen und Widerstandskämpfer Dietrich Bonhoeffer (1906-1945). Ist dieses Experiment einer Auftragskomposition so gut geglückt, dass es ein solches Werk zu jedem Kirchentag geben sollte?

Robbers: Ich bin den Künstlerinnen und Künstlern, die diese Oper gemacht haben, zutiefst dankbar für dieses Werk. Es hat meine Hoffnungen und Erwartungen noch bei weitem übertroffen. Es war ein Wagnis, aber es hat bestätigt, dass es gut ist, dass der Kirchentag auch immer wieder neue Wege geht. Man sollte aber nicht zu jedem Kirchentag unbedingt eine Oper machen.

Welchen Bezug hat die Bonhoeffer-Oper mit ihrem historischen Stoff zur Gegenwart?

Robbers: Dieses Werk ist nicht nur für den Rahmen des Kirchentages gedacht. Es nähert sich dem schrecklichen Geschehen der NS-Zeit an, deren Aufarbeitung nach dem Zweiten Weltkrieg auch eine Wurzel des Kirchentags ist. Das Thema hat auch für die Zukunft enorme Bedeutung angesichts des neuen Rechtsextremismus. Es geht darum, an die Vergangenheit zu erinnern, damit sich so Schreckliches in der Zukunft nicht wiederholen kann.

"Viele Veranstaltungen waren ganz kleine Formate mit wenigen Menschen. Und gerade dort geschieht immer etwas Neues und Gutes."

"Soviel du brauchst" - die Losung des Kirchentags ist ein Bekenntnis für eine "Ethik des Genug". Was bedeutet das für den Kirchentag selbst? Sind weiterhin Programme mit 2.500 Veranstaltungen nötig?

Robbers: Die Losung setzt auch im Kirchentag selbst Nachdenklichkeit frei, die wir immer wieder neu brauchen. Dass es jetzt wieder 2.500 einzelne Veranstaltungen geworden sind, zeigt aber auch, wie viel Bedürfnis es nach konkreten Begegnungen gibt, wenn über 120.000 Dauerteilnehmende an einem Ort für fünf Tage zusammenkommen. Gerade diese Vielfalt ist ein Ausdruck des Bedürfnisses der Teilnehmenden. Eine stärkere Vorauswahl könnte zu einer Gängelung führen, die Kreativität einschränkt, von der der Kirchentag lebt. Viele dieser Veranstaltungen waren ganz kleine Formate mit wenigen Menschen. Und gerade dort geschieht immer etwas Neues und Gutes. Es kommt nicht allein auf die Größe an.

Für 2015 lädt der Kirchentag nach Stuttgart ein. 2017 soll es in Zusammenarbeit mit der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) eine Veranstaltung im Rahmen des 500. Reformationsjubiläums geben. Welchen Ausblick können Sie dazu schon geben?

Robbers: Wir wollen 2017 in enger Zusammenarbeit mit der EKD, aber in unserer guten und bewährten Tradition des Kirchentags gemeinsam große Veranstaltungen zustande bringen, die der Bedeutung dieses Jahres Rechnung tragen. Das ist eine große Herausforderung für alle Beteiligten. Es wird 2017 einen großen evangelischen Kirchentag geben, es wird weitere Veranstaltungen geben. Und wir hoffen, dass es eine intensive Zusammenarbeit auf ökumenischer  Basis geben wird. Diese Dinge sind in der konkreten Planung, manches steht noch nicht fest. Vieles will bedacht sein.

Als Orte für den Kirchentag 2017 sind Wittenberg und Berlin im Gespräch. Können Sie das bestätigen?

Robbers: Ja, diese Orte sind im Gespräch.

Gibt es 2019 dann wieder einen ökumenischen Kirchentag?

Robbers: Das Zentralkomitee der deutschen Katholiken und der Deutsche Evangelische Kirchentag streben gemeinsam einen ökumenischen Kirchentag 2019 an.

Gerhard Robbers ist der Präsident des 34. Deutschen Evangelischen Kirchentages. Der 1950 in Bonn geborene Robbers ist Professor für Öffentliches Recht, Kirchenrecht und Staatsphilosophie. In Freiburg/Breisgau promovierte er mit einer Arbeit zum Thema Gerechtigkeit als Rechtsprinzip. Er war als wissenschaftlicher Referent am Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe und habilitierte sich mit einer Arbeit über Sicherheit als Menschenrecht. Seit 1989 lehrt und forscht er in Trier.