Vorbilder in Lebensfreude

Foto: epd-bild/Matthias Rietschel
Bundespräsident Joachim Gauck dikutiert am Donnerstag, dem 2. Mai, beim evangelischen Kirchentag in Hamburg mit dem gelähmten Schauspielstudenten Samuel Koch über die Zukunft der Gesellschaft.
Vorbilder in Lebensfreude
Bundespräsident Joachim Gauck trifft auf dem evangelischen Kirchentag auf den gelähmten ehemaligen "Wetten das..?"-Kandidaten Samuel Koch. Und findet den 25-Jährigen "in seiner jetzigen Verfassung" unglaublich wichtig für die Gesellschaft.
02.05.2013
epd
Ellen Nebel

Wie gibt man jemandem die Hand, der sie gar nicht bewegen kann? Samuel Koch hat dafür eine einfache Lösung: "Küssen erlaubt", sagt der 25-Jährige, der seit einem Unfall bei der ZDF-Sendung "Wetten dass..?" 2010 gelähmt ist. "Komisch gekuschelt" habe er mit dem behinderten Pfarrer und Paralympics-Sieger Rainer Schmidt zur Begrüßung, sagt Koch auf dem evangelischen Kirchentag in Hamburg. Bundespräsident Joachim Gauck, mit dem beide am Donnerstag über das Thema Teilhabe diskutieren, ist beeindruckt. Behinderte Menschen, sagt er, seien Vorbilder in Lebensfreude und Lebensbejahung: "Genau das braucht unser Land."

Positive Energie und Humor

Weder Schmidt, der ohne Unterarme zur Welt kam und heute erfolgreich Tischtennis spielt, noch Koch mangelt es an positiver Energie, beide haben Humor. "Wo war ich sitzen geblieben?" fragt Koch gerne, wenn er den Faden verloren hat. Und Schmidt sagt: "Lieber Arm ab, als arm dran." Der Bundespräsident erzählt, dass er seine erste Begegnung mit einem behinderten Menschen erst spät durch einen blinden Mitstudenten erlebt habe. "Auch ich habe erst lernen müssen, damit umzugehen", gibt Gauck zu. Schmidt und Koch machen es ihm leicht.

###mehr-artikel###In seiner Kindheit, sagt der 73 Jahre alte Bundespräsident, seien behinderte Menschen noch weggesperrt worden. Heute habe Deutschland schon viel erreicht: "Unsere Gesellschaft ist solidarisch genug, Opfer nicht links liegenzulassen." Dennoch, mahnt der Bundespräsident, dürften die Menschen nicht vergessen, Erwartungen nicht nur an die Allgemeinheit, sondern auch an sich selbst zu richten. "Das ist keine Einbahnstraße. Wenn wir etwas von uns fordern, tun wir uns etwas Gutes", sagt Gauck unter dem Applaus von rund 7.000 Kirchentagsbesuchern.

Koch: "Ich habe mich entschieden, mich nicht zu verstecken"

Samuel Koch verlangt viel von sich. Ein Freund habe ihm nach seinem Unfall geraten, tyrannisch und egoistisch zu werden, um seine Bedürfnisse gegenüber anderen Menschen durchzusetzen, erzählt er. "Ich habe mich entschieden, mich nicht zu verstecken und auf die Menschen zuzugehen, auch wenn das nicht immer einfach ist." Sein Glauben, sagt Koch, sei für ihn nach dem Unfall ein rettender Anker gewesen. "Und er ist es immer noch." Der Bundespräsident, selbst evangelischer Theologe, ist zum zweiten Mal beeindruckt: "Ich möchte Gott danken, dass ich diesen Satz hier höre", sagt er.

Mehr von der Gesellschaft fordern

Gauck fordert in seiner Rolle als Bundespräsident in der Debatte, die von ZDF-Moderator Markus Lanz geleitet wird, naturgemäß mehr von der Gesellschaft als von sich selbst. Mehr Fachkräfte für die Inklusion an Schulen zum Beispiel. Und er ermuntert die Menschen, eine Familie zu gründen: "Das Leben soll locker sein und ohne Risiken, dieses Lebensmodell findet viel Zustimmung." Kinder seien ein Risiko, dass es sich lohne, einzugehen.

"Ich bin mir nicht sicher, ob Samuel vor seinem Unfall als gutaussehender, ambitionierter Schauspielstudent für mich ein interessanter Gesprächspartner gewesen wäre", sagt Gauck gegen Ende der Diskussion: "Aber in seiner jetzigen Verfassung ist er für uns alle unglaublich wichtig."