Weihnachten in Thailand: "Wer war diese Merry Christmas?"

Weihnachten in Bangkok

Foto: picture alliance / dpa/dpa Picture-Alliance / Narong Sa

Weihnachten besteht in Bangkok vor allem aus übertriebender Dekoration in den Shopping-Malls.

Weihnachten in Thailand: "Wer war diese Merry Christmas?"
Weihnachten steht vor der Tür. Alle Jahre wieder stellen sich die Menschen hierzulande die bange Frage: Wird es eine weiße Weihnacht geben? Gehören doch Schnee und Weihnachten zusammen wie Amen und Kirche. Im fernen Bangkok wagen jedoch bei tropischen 33 Grad selbst optimistischste Deutsche auch nicht einen Schimmer Hoffnung auf Schnee. Sie trösten sich mit Stollen, Nikolausfeier und "Stille Nacht."

"Alles, was einem in Deutschland ankündigt, dass Weihnachten naht, wie Dunkelheit, Kälte, Schnee und Tannen, gibt es hier nicht", seufzt Pfarrerin Annegret Helmer bei Kaffee und Kuchen im Garten ihres Pfarrhauses in einer Nebenstraße der Sukhumvit Road. Ihr Mann und Kollege Ulrich Droste-Helmer ergänzt: "Außer in den Shopping Malls gibt es in der Stadt auch keine Weihnachtsdekoration." Zusammen betreut das Ehepaar die deutsche evangelische Gemeinde in Thailand, Laos und Kambodscha.

Trotz Tropen lassen sich jedoch die Deutschen in Bangkok ihre Weihnachtstraditionen nicht nehmen. "Wir hängen am 1. Advent unseren Herrnhuther Weihnachtsstern auf", sagt Frau Helmer und erzählt, dass es natürlich auch einen Adventskranz gibt. "Der ist aber aus Plastik", gibt sie zu. Wer unter der Tropensonne wenigstens ein bisschen deutsche Weihnachtsstimmung aufkommen lassen will, muss eben Kompromisse eingehen oder so erfinderisch wie Carola Helwig sein, die an diesem Nachmittag zum Kaffee bei den Helmers reingeschneit ist.

Mango und Papaya im Stollen - statt Zitronat und Orangeat

Die Hamburgerin bringt seit vielen Jahren in Thailand arbeitenden deutschen Managern und Unternehmern als Fachfrau für "Interkulturelle Kommunikation Südostasien" die Sitten und Gebräuche ihres Gastlands bei. Eine Weile lebte Helwig in Thailand, inzwischen fliegt sie mehrmals im Jahr für ihre Coachingseminare in Bangkok ein.

"Als ich noch hier wohnte, bin ich zu Weihnachten für eine Stunde zum Schlittschuhlaufen im obersten Stock der Shopping Mall Central World gewesen", lacht Helwig und fügt grinsend hinzu: "Da hatte ich wenigsten einen Hauch von Weihnachtsgefühl."

Zu Hause hat sie sich einen Christstollen gebacken. "Als Referenz an meine Wahlheimat habe ich kandidierte Mangos und Papayas statt Zitronat und Orangeat genommen. Dann wurde der Plastikweihnachtsbaum aufgestellt, heißer Adventstee getrunken, ein wenig Pulverschnee aus der Dose versprüht und die Klimaanlage auf das Maximum aufgedreht." Sehnsucht nach einem Weihnachten, wie man es kennt und liebt, macht erfinderisch.

Als Pfarrer haben die Helmers während der Adventszeit und zu Weihnachten alle Hände voll zu tun. "Viel Zeit für eine private Feier bleibt nicht", sagt Droste-Helmer. Zusammen mit Jörg Dunsbach, dem nur wenige Straßen weiter lebenden Pfarrer der deutschen katholischen Gemeinde, bereiten sie die Nikolausfeier für die Kinder vor, die jedes Jahr im Wechsel mal im Garten der deutschen, mal der Schweizer Botschaft stattfindet.

"'Stille Nacht' hat gefehlt, das passiert uns dieses Jahr nicht"

Weihnachten verbringt das Pfarrerduo mehr im Auto als in Kirchen. An Heiligabend wird der Gottesdienst in Samphantawong Kirche in Bangkok zelebriert. Am ersten Weihnachtstag steht die Messe im 120 Kilometer östlich von Bangkok gelegenen Pattaya auf dem Programm. Dann geht es zurück nach Bangkok und am zweiten Weihnachtstag zum Gottesdienst nach Hua Hin, gut 200 Kilometer südlich der thailändischen Hauptstadt gelegen. Stress pur.

Für das Ehepaar Helmer bedeutet Weihnachten in ihrer Gemeinde in Thailand vor allem Stress. Im Advent versuchen sie, ihre Tradition zu pflegen - zum Beispiel mit einem Herrnhuther Stern. Foto: Michael Lenz

Dass auch nach mehr als 20 Berufsjahren als Pfarrer – vor Bangkok waren die Helmers Pfarrer der Gemeinde Essen Margarethenhöhe – Weihnachtsfeiern nicht so ganz den Geschmack der Gemeinde treffen können, mussten die Helmers bei ihrer ersten Weihnacht in Bangkok vor einem Jahr erleben. "Natürlich hatten wir Kerzen in der Kirche und es wurde auch 'Oh du fröhliche' gesungen", erinnert sich schmunzelnd Droste-Helmer. "Aber danach gab's Kritik, weil 'Stille Nacht' gefehlt hat. Das passiert uns dieses Jahr nicht."

Die Weihnachtsgemeinde – auch das wissen die Helmers inzwischen – ist ein unbekanntes Wesen. "Die Gemeinde ist anders als sonst. Viele unserer festen Gemeindemitglieder fahren über Weihnachten entweder nach Deutschland oder in den Urlaub nach Australien", sagt Annegret Helmer und hinzu: "Andererseits sind viele Urlauber in Bangkok, die zum Weihnachtsgottesdienst kommen. Wir hatten schon vor dem 1. Advent Anrufe. Letztes Jahr waren 120 Leute gekommen."

Verblüffende Parallelen zwischen Jesus und Buddha

Zu Weihnachten wollen die Helmers nicht den Konsum anprangern und sich über die Amerikanisierung der Weihnacht aufregen, wie sie sich mit kitschigen Lichterbäumen, Plastikrentieren und endlosem I-am-dreaming-of-a-white-Christmas-Gedudel in den prächtigen Konsumtempeln Bangkoks manifestiert. "Wir wollen Weihnachten und seine Bedeutung in den hiesigen Kontext stellen, was interessanterweise die Thais nicht machen", sagt Droste-Helmer. "In der Redemptoristen-Kapelle in Pattaya findet sich eine Wandmalerei, die die Weihnachtsgeschichte in einer Bildersprache erzählt, wie sie sich auch in den buddhistischen Tempeln Thailands findet. Bilder zu vergleichen, auf Ähnlichkeiten untersuchen, das finde ich spannend."

Weihnachtsmarkt bei der Thai-Deutschen-Kulturstiftung in Bangkok. Foto: Michael Lenz

Es gebe zudem verblüffende Parallelen zwischen den Geburtsgeschichten von Jesus und Buddha, wenn auch "die Botschaft am Ende eine andere ist: Wo die Lehre des Buddha Menschen aus dem Kreislauf von Leiden und Wiedergeburt aus dieser Welt herausführen will, verkünden die Engel in der christlichen Weihnachtsgeschichte: 'Friede auf Erden bei den Menschen, die Gottes Liebe verwandelt'".

Traditionelle deutsche Weihnacht wird im Old German Beer House in Sukhumvit Road Soi (Gasse) 11 gefeiert. Für die Stammgäste richtet Inhaber Frank Boer in der Adventszeit ein Gänseessen aus. Zu Weihnachten selbst stehen selbstredend auch Gänsebraten und Entenbrust auf der Karte, die Weihnachtsklassiker eben, auch wenn diese mächtigen Speisen im tropischen Klima noch schwerer im Magen liegen als sie es schon zu Hause tun. Boer hat Sehnsucht nach einem Weihnachtsfest in der Heimat. "Ich würde gern mal wieder zu Weihnachten in Deutschland sein. Das habe ich seit zehn Jahren nicht mehr gemacht. Zudem soll mein Kind soll mal Weihnachtsmärkte und Schnee erleben. Aber Weihnachten ist ja hier in Thailand Hauptsaison. Da kann ich leider nicht weg."

David ist sechseinhalb Jahre alt. Zusammen mit seinem Vater ist der junge Mann zum Tag der offenen Tür samt kleinem Weihnachtsmarkt der Thai-Deutschen Kulturstiftung im Garten des Goethe-Instituts in Bangkok gekommen. Es ist heiß an diesem 1. Advent. Der wolkenbruchartige Regen vom Vormittag hat nur kurz für Abkühlung gesorgt. Die Luft ist stickig und feucht durch die verdunstenden Wassermassen. Auf die Frage, ob ihm Weihnachten besser in Thailand oder in Deutschland gefällt, zuckt David mit den Achseln. Dann sagt er kurz und bündig: "Ich freue mich auf die Geschenke." Vater Andreas Gödel erklärt, dass David Weihnachten in Deutschland gar nicht kennt. "Wir sind nach Bangkok gezogen, als David zwei Jahre alt war."

Lost in Cultures

David, Boer und alle anderen Deutschen in Bangkok müssen aber in Bangkok nicht auf weihnachtlichen Süßkram wie Dominosteine, Christstollen oder Spekulatius verzichten. Diese Kalorienbomben hat der deutsche Spezialitätenladen "Bei Otto" im Sortiment wie auch der Supermarkt der Shopping-Mall-Kette Central im Angebot. "Wir backen sogar unsere Lebkuchen selbst", erzählt Central-Manager Manfred Waibl, während er im Hof des Pfarr- und Wohnhauses des katholischen Pfarrers Dunsbach aus seinem Auto Kisten mit Äpfeln, Gummibärchen und Lebkuchen für die ökumenische Nikolausfeier auslädt.

Eine Krippe im Thai-Stil mit Elefant und Wasserbüffel statt Ochs' und Esel. Foto: Michael Lenz.

Auch Dunsbach stellt Weihnachten gern in einen thailändischen Kontext. Mit Freude zeigt er seine Krippe, die die Geburt des Herrn als bäuerlich-thailändische Szene darstellt, mit Elefant und Wasserbüffel statt Ochs und Esel. "Die habe ich auf dem Chatuchak Markt entdeckt", erzählt Dunsbach. Er hat auch erfahren, dass vielen buddhistischen Thais, die zwar in den Shopping Centern zum Kauf von Weihnachtsgeschenken animiert und mit 'Xmas Carols' bedröhnt werden, die wahre Bedeutung des christlichen Festes fremd ist.

Lachend gibt Dunsbach eine Anekdote zum Besten: "Einer hat mich mal zur Seite genommen und gefragt: Wer war eigentlich diese Merry Christmas?" Ein schönes Beispiel nicht nur für "Lost in Translation", sondern auch für "Lost in Cultures".