Synodenpräses wird Spitzenkandidatin

Pressekonfernez zum Abschluss der EKD-Synode

Foto: dpa/Axel Heimken

Katrin Göring-Eckardt bei der Abschluss-Pressekonferenz der EKD-Synode in Timmendorfer Strand am 7. November 2012.

Synodenpräses wird Spitzenkandidatin
Katrin Göring-Eckardt hat es geschafft: Sie zieht an der Seite von Jürgen Trittin für die Grünen in den Bundestagswahlkampf. Kurz nach Bekanntgabe des Urwahl-Ergebnissses erklärte sie, ihre Ämter in der evangelischen Kirche ruhen zu lassen.

Die Grünen haben überraschend Bundestags-Vizepräsidentin Katrin Göring-Eckardt und Fraktionschef Jürgen Trittin zu ihrem Bundestagswahl-Spitzenduo gewählt. Das ist das klare Ergebnis der Urwahl, wie Bundesgeschäftsführerin Steffi Lemke am Samstag in Berlin bekanntgab. Einen schweren Dämpfer erteilte die Basis Parteichefin Claudia Roth. Die SPD wertete das Resultat als gute Basis für das Ziel einer rot-grünen Regierungsübernahme.

Der Parteilinke Trittin erreichte 71,9 Prozent der abgegebenen gültigen 35 065 Stimmen, die Realo-Vertreterin Göring-Eckardt 47,3 Prozent. Die Parteivorsitzende Roth, die im Frühjahr als erste ihren Hut für eine Kandidatur in den Ring geworfen hatte, erhielt nur 26,2 Prozent, Renate Künast 38,6 Prozent. Göring-Eckardt waren im Vorfeld vorwiegend Außenseiterchancen eingeräumt worden. Rund 62 Prozent der knapp 60.000 Mitglieder hatten sich beteiligt. Sie konnten bis zu zwei Stimmen abgeben.

Nach ihrer Wahl zur Spitzenkandidatin lässt Katrin Göring-Eckardt ihre Ämter in der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) ruhen. Wie die EKD am Samstag mitteilte, will Göring-Eckardt bis zum Ende des Wahlkampfs weder ihr Amt als Synodenpräses an der Spitze des Kirchenparlaments ausüben noch die damit verbundene Mitgliedschaft im Rat der EKD wahrnehmen. Göring-Eckardt war 2009 an die Spitze der Synode der EKD gewählt worden. Die Amtszeit endet 2015.

Beckstein und Eberl vertreten Göring-Eckardt bei der EKD

Katrin Göring-Eckardt hatte dem Präsidium der EKD-Synode bereits am 21. September mitgeteilt, dass sie für den Fall einer Spitzenkandidatur für ihre Partei ihre EKD-Ämter ruhen lassen würde. In der Leitung des Synodenpräsidiums wird sie von Günther Beckstein und Klaus Eberl, den beiden Vizepräsides der Synode der EKD, vertreten. Mehrere Politiker von Union und FDP hatten die Vereinbarkeit von Kirchenamt und Spitzenkandidatur zuvor infrage gestellt, darunter auch Bayerns früherer Ministerpräsident Günther Beckstein (CSU).

Auf die Leitung der in der Regel Anfang November stattffindenen EKD-Jahrestagungen dürfte Göring-Eckardts zeitweiliger Amtsverzicht keine Auswirkungen haben. Die Tagung des laufenden Jahres ging am Mittwoch in Timmendorfer Strand zu Ende. Die Bundestagswahl im nächsten Jahr findet spätestens Ende Oktober statt, so dass Göring-Eckardt bei der Synodentagung 2013 in Düsseldorf das Kirchenparlament bereits wieder leiten könnte. Göring-Eckardt ließ offen, wie es nach der Bundestagswahl weitergeht.

Ob nach der Wahl ein dauerhafter Verzicht auf das Präsesamt geboten erscheinen könnte, ließ Göring-Eckardt am Samstag bei einer Pressekonferenz in Berlin offen. Die Wahl müsse abgewartet werden, das "Fell des Bären" dürfe nicht schon vorher verteilt werden. Einen Verzicht auf ihr Amt als Vizepräsidentin des Bundestages, wie es die stellvertretende FDP-Fraktionsvorsitzende Birgit Homburger forderte, lehnte Göring-Eckardt ab. Im Präsidium des Bundestages seien Abgeordnete aller Parteien vertreten, die bei den Sitzungen des Parlaments neutral zu sein haben. "Das traue ich mir nun wirklich zu", sagte sie.

Schneider: "Die Freude teilen viele Protestanten"

Der EKD-Ratsvorsitzende Nikolaus Schneider begrüßte die Kür Göring-Eckardts zur Spitzenkandidatin ihrer Partei und gratulierte ihr. "Ich freue mich, dass eine engagierte evangelische Christin wie Katrin Göring-Eckardt, die in den vergangenen Jahren in überragender Weise für die EKD gewirkt hat, in so ein wichtiges, verantwortungsvolles politisches Spitzenamt gewählt wurde", erklärte Schneider in Hannover. "Ich denke, diese Freude teilen viele Protestantinnen und Protestanten in unserem Land, unabhängig von ihrer parteipolitischen Präferenz."

Natürlich werde Göring-Eckardt der EKD in ihren Kirchen-Ämtern vorerst fehlen, fügte der Ratsvorsitzende hinzu. "Andererseits ist es eben so, dass unsere Kirche von Menschen geleitet wird, die in der Lage sind, in Staat und Gesellschaft wichtige Ämter auszufüllen - das entspricht der Weltverantwortung des Evangeliums."

Der Vizepräses der EKD-Synode, Klaus Eberl, sagte anlässlich der Nominierung und der Entscheidung Göring-Eckardts in Düsseldorf: "Katrin Göring-Eckardt wird uns in den kommenden Monaten fehlen, das bedauere ich. Es ist andererseits aber gut, wenn sich evangelische Christinnen und Christen in der Politik engagieren – das gilt natürlich auch für Spitzenpositionen, selbst wenn dann Ehrenämter in der Kirche zeitweise ruhen müssen."

Auch Günther Beckstein (CSU) gratulierte Katrin Göring-Eckardt zu ihrer Wahl als Spitzenkandidatin. Er freue sich, dass die Grünen sich für eine "so bürgerliche und kirchliche Kandidatin" entschieden haben, sagte Beckstein dem epd. Göring-Eckardt sei eine "sehr gescheite und fromme Frau". Neben Göring-Eckardt, die auch Bundestagsvizepräsidentin ist, habe man mit Angela Merkel (CDU) eine evangelische Pfarrerstochter als Bundeskanzlerin und mit Joachim Gauck einen ehemaligen evangelischen Pastor als Bundespräsidenten. Das sei "bemerkenswert", sagte Beckstein.

Teilweise zu konservativ für die Parteilinken

Die bekennende Christin Katrin Göring-Eckardt engagierte sich vor dem Ende der DDR in der kirchlichen Opposition. Die Thüringerin war im September 1989 Gründungsmitglied der Bürgerbewegung "Demokratie Jetzt" und von "Bündnis 90". Nach der Wiedervereinigung arbeitete die Theologin, die ihr Studium 1989 ohne Abschluss beendet hatte, von 1995 bis 1998 als Landessprecherin von Bündnis 90/Die Grünen in Thüringen. Den Posten der Landesvorsitzenden übernahm sie noch einmal von 2002 bis 2007.

1998 wurde Göring-Eckardt in den Bundestag gewählt. In der Grünen-Fraktion war sie Parlamentarische Geschäftsführerin. Sie wurde 2002 zusammen mit der früheren Grünen-Sprecherin Krista Sager zur Vorsitzenden gewählt (bis 2005). Göring-Eckardt galt als politische Ziehtochter von Joschka Fischer. Eines ihrer zentralen Themen war eine neue Familienpolitik. Sie forderte unter anderem eine Kindergrundsicherung. Sie setzte sich auch dafür ein, dass die Grünen "Reformmotor" werden sollten und unterstützte die umstrittene Reform-"Agenda 2010" von Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD). Mit ihren teilweise konservativen Standpunkten stieß sie vor allem bei der Parteilinken auf Vorbehalte.

Die 46-jährige Politikerin mit der christlichen Wertorientierung ist seit 2005 Bundestags-Vizepräsidentin. Göring-Eckardt ist mit einem Pfarrer verheiratet und hat zwei Söhne.