Pro und Contra: Ordentlich in die Kirche?

Klamotten in der Kirche

Foto: photocase/tines

Pro und Contra: Ordentlich in die Kirche?
Es ist heiß. Die Menschen machen Urlaub oder Sport, sind entsprechend gekleidet: Radlerhose, Top, Flip-Flops, Sonnenhut. Dürfen wir so in die Kirche gehen? Oder müssen wir uns ordentlich anziehen - um den besonderen Ort zu würdigen? Zwei Meinungen aus der evangelisch.de-Redaktion.
23.08.2012
Ursula Ott (Pro) und Anne Kampf (Contra)

Pro: "Dies ist ein Ort, in dem sie Jahrhunderte vor Dir gebetet haben"

Woody Allen hat die drei großen Fragen des Lebens auf den Punkt gebracht: Wo komme ich her, wo gehe ich hin und was ziehe ich dazu an? Schade, dass sich über die dritte Frage so gar keiner mehr Gedanken macht.

Ein heißer Sommertag im Ulmer Münster. Draußen 35 Grad, gefühlt 40. Drinnen schön kühl, man muss sich hier nicht bis auf die Unterwäsche ausziehen, wirklich nicht. Die Pfarrerin predigt in ihrer Touristenandacht heute von "Heiligen Orten". Und dass Martin Luther gesagt hat, die Menschen, die nach Gott fragen, machen einen Ort heilig, nicht die Steine.

Aber können die Menschen nicht vielleicht ihren Radlerhelm absetzen, wenn sie in der Kirchenbank sitzen? Eine lange Hose über ihre Brachial-Tattos ziehen? Ein Shirt, das den Bauch bedeckt? So fühlt sich dieser Ort so gar nicht heilig an.

Klar gibt es keine Kleidervorschriften in der evangelischen Kirche, und die will auch niemand. Im Gegensatz zu Judentum, Buddhismus und Islam übrigens – dort sind Kleidervorschriften ganz selbstverständlich. Unsere evangelische Kirche der Freiheit hält auch freizügige Kleidung aus.

Ich möchte ja auch gar nicht, dass wie im Kölner Dom ein Aufseher – in Köln heißt er Domschweizer – Touristen mit kurzen Hosen aus dem Gebäude verweist. Ich möchte keine neue Autorität, aber mehr Sensibilität. Denn so ist es immer mit der Freiheit – sie erfordert Verantwortung von dem einzelnen.

Mein Appell geht deshalb nicht an die Institution, sondern an die Kirchenbesucherin und den Besucher: Überleg doch grade mal eben kurz, wo Du Dich befindest. Wenn Du ins Fußballstadion gehst, ziehst Du Dir ein Trikot an und legst einen Schal um. Nie würdest Du mit Krawatte hin gehen. Wenn Du zur Arbeit gehst, ziehst Du lange Hosen an. Nie würdest Du barfuß hingehen.

Und in die Kirche – kannst du Dir vielleicht eine lange Hose anziehen? Und die Mütze absetzen? Dies ist ein Ort, in dem sie Jahrhunderte vor Dir gebetet haben und hoffentlich Jahrhunderte nach Dir. Du gehst hin, weil er etwas ganz Besonderes ist. Kein Bahnhof, keine Wartehalle, nein, eine Kirche. Sonst würdest Du ja auch Deine Mac-Donald-Chipstüte mit rein nehmen. Oder Deine Nägel in der Kirchenbank schneiden.

Machst Du natürlich nicht. Und das ist gut so. Hat einfach was mit Benehmen zu tun. Mit Respekt vor dem Ort. Und, klingt jetzt altmodisch, mit Respekt vor den anderen. Geht auch bei 35 Grad.

Contra: "Ihr alle, die ihr auf Christus getauft seid, habt Christus angezogen"

Ein Sonntagvormittag in Südwestdeutschland, ich bin auf Pilgertour und radle an einer Kirche vorbei. Die Glocken läuten, und ordentlich gekleidete Menschen gehen aufs Kirchenportal zu. Ich halte an – und zögere. Nein, in Turnschuhen, Fahrradhose und Fleecejacke, die Frisur vom Helm verwüstet - so kann ich doch nicht in den Gottesdienst gehen… die Leute gucken auch schon so komisch. Ich fahre lieber weiter.

Schade! Heute ärgere ich mich: Natürlich hätte ich in Radpilgerkluft in die Kirche gehen können! Natürlich darf jeder und jede jederzeit so in die Kirche gehen, wie er oder sie gerade aussieht: in Sportsachen oder Arbeitskleidung, Anzug und Schlips, Shorts und T-Shirt, Sommerkleid oder Strampelanzug. Und wer sich daran stört, sollte mal überlegen, wo wir hier eigentlich sind: In der Kirche! In der großen Gemeinschaft der Christen, aus der niemand ausgeschlossen werden darf, schon gar nicht wegen Äußerlichkeiten wie vermeintlich "falscher" Kleidung.

Der Apostel Paulus hat als einer der ersten erkannt, dass in dieser Gemeinschaft alle gleichwertig sind: "Denn ihr seid alle durch den Glauben Gottes Kinder in Christus Jesus. Denn ihr alle, die ihr auf Christus getauft seid, habt Christus angezogen. Hier ist nicht Jude noch Grieche, hier ist nicht Sklave noch Freier, hier ist nicht Mann noch Frau; denn ihr seid allesamt einer in Christus Jesus." (Galater 3, 26-28). Ich ergänze die Liste: "nicht Bike-Shorts-Träger noch Flip-Flop-Liebhaber, nicht Heavy-Metal-Shirt-Fan noch Achselhaar-Verfechter". In der Kirche dürfen wir einfach sein – denn alle, die Gott suchen, gehören zu seiner Gemeinde! Wo kommen wir hin, wenn wir diese Gemeinde nach äußerlichen Kriterien wieder auseinandersortieren?

Am Ende meiner Pilgertour, eine Tagesreise vor Santiago de Compostela: Abendgebet im Kloster. Die Mönche tragen weiße Kutten. Wir tragen dreckige Wander- oder müffelnde Turnschuhe, Trainingshosen, zerknitterte T-Shirts und feuchte Regenjacken. "Sauber" ist nichts mehr davon. Na und? Wir sind in der Kirche, um zu beten und um Gott zu danken. Hier gehören wir hin - so wie wir sind!