Sozialpionier in Uniform: Vor 100 Jahren starb William Booth

William Booth auf seiner letzten Evangelisationsreise 1912 in Aylesbury

Foto: epd-bild / akg-images

William Booth hat nicht nur die Heilsarmee gegründet, er ist auch Methodisten-Prediger. Bei seiner letzten Reise 1912 predigte er vom offenen Wagen zu weiblichen Gefangenen im Gefängnis von Aylesbury.

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Sozialpionier in Uniform: Vor 100 Jahren starb William Booth
Zu seiner Beerdigung kamen viele, sogar die britische Königin. Vielleicht saß sie neben einer Ex-Prostituierten, denn William Booth hat als Gründer der Heilsarmee einige verlorene Seelen gerettet. Auch heute noch gibt es Helfer nach seinen Ideen.

In Fußgängerzonen sind sie ebenso zu finden wie in städtischen Problemvierteln: Soldaten, Offiziere und Kommandeure der Heilsarmee. Unter dem Motto "Seife, Suppe, Seelenheil" helfen die Mitglieder der Freikirche Armen und bieten Frierenden Obdach.

Als Ende Juli das olympische Feuer in London ankam, passierte der Fackellauf auf der Queen Victoria Street das internationale Hauptquartier der Heilsarmee. Auch während der Spiele waren die "Soldaten Gottes" zur Stelle: Auf der Einkaufsmeile Oxford Street und im Bahnhof St. Pancras verteilten sie Wasserflaschen an durstige Besucher. Gegründet wurde die Freikirche im 19. Jahrhundert von William Booth. Vor 100 Jahren, am 20. August 1912, starb Booth nach einem aufopferungsvollen Leben für arme und ausgegrenzte Menschen.

Booth wurde 1829 im englischen Nottingham geboren. Er war methodistischer Christ, predigte in den Straßen der Stadt und besuchte Hunderte von Menschen in Krankenhäusern. Von 1850 bis 1861 war er methodistischer Pfarrer, bevor er ins Londoner Ostend übersiedelte und die "East London Christian Revival Society" gründete, aus der später die Heilsarmee hervorging.

Kirche kümmerte sich nur um die Mittelklasse

Booth empfand die anglikanische Kirche von England, die Kirche seiner Eltern, aber später auch die methodistische Kirche als Organisationen der Mittelklasse. Als er einmal eine Gruppe armer Jugendlicher mit in seine Kirche nahm, rügte der Pfarrer ihn. Booth hätte doch wenigstens den Hintereingang benutzen und seine Begleiter in die letzte Kirchenbank setzen können, damit sie niemand sieht, wenn er schon meint, Jugendliche aus der Arbeiterklasse mitbringen zu müssen. Aber genau das war der Antrieb Booths, er wollte den Menschen aus den Slums im Londoner East End helfen, die unter den schweren Arbeitsbedingungen und niedrigen Löhnen litten.

Er gründete eine Zeltmissionsbewegung, regelmäßig fanden Gottesdienste in einem Zelt im Londoner Stadtteil Whitechapel statt. Zugleich predigte er an den unterschiedlichsten Orten. Schon bald breitete sich die Bewegung in ganz England aus, und Booth begann, sie nach militärischem Vorbild zu organisieren - mit Soldaten, Offizieren und einem General an der Spitze.

Der Botschaft Gottes folgen und den Armen helfen

Seit 2011 steht mit der Kanadierin und Generalin Linda Bond bereits die dritte Frau an der Spitze der Heilsarmee. Die Heilsarmisten tragen bis heute Uniformen. Aus dieser militärischen Organisation mit örtlichen Korps, Divisionen und territorialen Hauptquartieren entstand auch der Name "Heilsarmee".

William Booth im Portrait. Er hat sich besonders für die eingesetzt, um die sich kein anderer kümmern wollte. Foto: Wikimedia Commons

In nur kurzer Zeit hatte die Bewegung fast 200 Gruppierungen in Großbritannien, den Vereinigten Staaten, Frankreich und Indien. Getrieben von der Idee, dass die Armut Menschen davon abhält, der Botschaft Gottes zu folgen, wenn sie nicht wussten, wo ihr nächstes Essen herkommt, begann die Heilsarmee 1887 mit intensiven Sozialprogrammen für Schwache und Kranke.

Booths Ehefrau Catherine war beliebt bei der wohlhabenden Bevölkerung und überzeugte viele Menschen, für die Heilsarmee zu spenden. Auf ihr Wirken geht auch zurück, dass die Gleichberechtigung der Frauen in der Heilarmee bereits früh durchgesetzt wurde. Nach mehr als 25 Jahren Arbeit für die Heilsarmee starb sie 1890 an Krebs, kurz darauf starb auch die Tochter Emma bei einem Unfall. Dennoch setzte William Booth seine Arbeit fort. Er reiste durch das ganze Land, besuchte abermals die USA, aber auch Skandinavien, Deutschland, die Schweiz und Dänemark.

"Leidenschaft für die Seelen"

Er zählte zu den angesehenen Männern des Landes und wurde sogar zur Krönung von Edward VII. eingeladen. Als der König ihn fragte, was er denn in seiner Freizeit tue, soll Booth geantwortet haben: "Manche Menschen haben eine Leidenschaft für Kunst, Ruhm oder Gold. Ich habe eine Leidenschaft für die Seelen." Im Mai 1912 hielt er seine letzte Rede vor 7.000 Soldaten der Heilsarmee in der Londoner Royal Albert Hall. Als er im August des gleichen Jahres starb, hatte er schätzungsweise fünf Millionen Meilen zurückgelegt und 60.000 Predigten gehalten.

Zu seiner Beisetzung kamen mehr als 40.000 Menschen, darunter Königin Mary, aber auch Ex-Prostituierte, die Booth zum Glauben bekehrt hatte. Heute gibt es die Heilsarmee in 124 Ländern. Sie ist Träger von Schulen, Sozialstationen, Krankenhäusern und Gesundheitszentren und hat rund 1,7 Millionen Mitglieder. Diese verpflichten sich unter anderem dazu, nach christlichen Maßstäben zu leben, auf Alkohol, Tabak, Drogen, Pornografie und übermäßige Medikamenteneinnahme zu verzichten und sich aktiv an der Verbreitung des Evangeliums zu beteiligen.

In Großbritannien zählt die Organisation nach eigenen Angaben 50.000 Mitglieder und 4.000 Mitarbeiter. Noch immer ist die Freikirche in der Arbeit mit armen und obdachlosen Menschen aktiv, aber auch in der Katastrophenhilfe und der Familienzusammenführung. In den vergangenen Jahren gab es allerdings vor allem in den USA und Großbritannien auch Aufrufe zum Spendenboykott gegen die Heilsarmee, nachdem diese sich gegen die Gleichstellung von Homosexuellen stark machte.