Vor gut einem Jahr hat Oberkirchenrätin Sabine Jung ihr Amt als Vorstandsvorsitzende der Diakonie Baden in Karlsruhe angetreten. Der Wechsel von Hannover nach Karlsruhe brachte für die Theologin nicht nur eine Veränderung von Deutschlands Norden nach Süden.
Im Interview mit dem Evangelischen Pressedienst (epd) spricht Jung unter anderem auch über die Bedeutung dieses Wechsels, der für sie ein Sprung an die Schnittstelle von Kirche und Diakonie ist.
epd: Frau Jung, Sie haben zwei Ämter bei der Evangelischen Landeskirche in Baden inne: Sie sind Leiterin des Referats Diakonie und Seelsorge und Vorstandsvorsitzende des Diakonischen Werks Baden. Wie verhalten sich beide, Kirche und Diakonie, zueinander?
Sabine Jung: Die Doppelfunktion ist eine große Chance. Ich kann in der Kirche für die Anliegen der Diakonie werben und zugleich in der Diakonie deutlich machen, dass das Evangelium unser Markenkern ist. Kirche und Diakonie gehören untrennbar zusammen. Gerade in einer Zeit, in der Kirche an gesellschaftlicher Bedeutung verliert, macht die Diakonie christliche Werte konkret erfahrbar. Mein Credo lautet: Diakonie ist Kirche in Aktion. Sie lebt Nächstenliebe praktisch.
Die Diakonie setzt sich als sozialer Arm der Kirche für den Dienst am Nächsten ein. Als Einrichtung der Sozialwirtschaft muss sie aber auch aufs Geld schauen. Wie beurteilen Sie die wirtschaftliche Lage der Diakonie Baden?
Jung: Die wirtschaftliche Lage ist insgesamt angespannt. Das betrifft einerseits die Kirchensteuermittel. Wir haben ausgerechnet, dass wir zwischen 2021 und 2032 einen realen Verlust von 40 Prozent dieser Mittel haben. Zum anderen brauchen wir in der Sozialpolitik verlässliche politische Rahmenbedingungen und eine auskömmliche Finanzierung sozialer Leistungen.
Zugleich muss stärker wahrgenommen werden, welche wirtschaftliche Bedeutung die Sozialwirtschaft hat. Allein die badische Diakonie beschäftigt 38.000 Mitarbeitende. Zu ihr gehören rund 800 Mitgliedseinrichtungen mit mehr als 75.000 Plätzen, über 2.000 Angeboten und rund 14.000 Ehrenamtlichen. Die Diakonie ist damit ein bedeutender Stabilitätsfaktor für unsere Gesellschaft.
Wo sehen Sie Einsparmöglichkeiten? Planen Sie Einsparungen beim Personal?
Jung: Nein, Kürzungen beim Personal planen wir nicht. Potenziale sehe ich vor allem in der Digitalisierung und in einer stärkeren Zusammenarbeit, etwa durch Shared Services zwischen Mitgliedseinrichtungen, Landesverbänden und Bundesverband. Dadurch können Prozesse effizienter gestaltet und Ressourcen besser genutzt werden. Zugleich können wir Leistungen in Bereichen ausbauen, in denen wir besondere Expertise besitzen. Das eröffnet zusätzliche Einnahmemöglichkeiten. Eines ist jedoch klar: Die Diakonie ist kein Industriebetrieb. An Menschen und ihren Bedürfnissen darf nicht gespart werden.
Wo KI zum Einsatz kommt
Nutzen Sie auch KI? Wenn ja, wo genau?
Jung: Vor allen Dingen im Buchhaltungsbereich, teilweise im Personalbereich. Wir haben etwa ein Klienten-Verwaltungsprogramm aufgesetzt. Allerdings: Der Datenschutz setzt uns beim Einsatz von KI Grenzen. Wir arbeiten mit sensiblen Daten und tragen dafür eine besondere Verantwortung. Mit der Diakonie Kork haben wir einen innovativen Partner, der eigene KI-Anwendungen entwickelt und intensiv erprobt. Aber das Problem ist natürlich auch, dass KI Geld kostet. Die Programme müssen angeschafft und weiterentwickelt, die Mitarbeitenden geschult werden.
Welche Strategien hat die Diakonie, um dem Fachkräftemangel zu begegnen?
Jung: Wir verdeutlichen, was wir als Arbeitgeberin für Mitarbeitenden tun. Wir investieren etwa in gesunde Arbeitsbedingungen, wie Sportmöglichkeiten, oder machen uns stark für die Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Insgesamt kommen zur Diakonie hauptsächlich Menschen, die einer sinnstiftenden Tätigkeit nachgehen wollen.
In der Politik wird gerade viel diskutiert. Man weiß nicht, was tatsächlich im sozialen Bereich passiert. Sehen Sie Stellen, bei denen Sie denken, dass die Diakonie ihr Engagement ausbauen muss?
Jung: Wir müssen unser Engagement überall dort ausbauen, wo Menschen in der Gesellschaft ausgegrenzt werden. Gleichzeitig nehme ich wahr, dass der Ton innerhalb der Gesellschaft rauer geworden ist. Ich sehe es als unsere Pflicht, dass wir noch deutlicher unsere Stimme erheben müssen, sei es für Menschen mit Behinderungen, für benachteiligte Familien oder in Fragen von Flucht und Migration. Wir haben die Aufgabe, immer wieder darauf hinzuweisen, dass Soziales kein Selbstzweck ist, sondern der Kitt, der die Gesellschaft zusammenhält.
Der Sozialstaat stabilisiert die Demokratie
Also ein Sozialstaat ist nicht nur eine Belastung, sondern etwas Sinnvolles?
Jung: Ja, unbedingt. Wir haben in diesem Herbst ja unterschiedliche Sozialreformen, die auf der Agenda stehen. Etwa das Pflegeneuordnungsgesetz oder das GKV-Beitragsstabilisierungsgesetz. Häufig entsteht dabei der Eindruck, dass der Sozialstaat nicht wirtschaftlich genug sei. Da muss man einfach noch mal deutlich machen, dass es ein hohes Gut ist, dass wir diesen Sozialstaat haben, weil er zur Stabilisierung unserer Demokratie beiträgt, und weil er verlässliche Lebensbedingungen für Menschen schaffen möchte.
Lassen Sie uns bei dem Pflegethema bleiben. Das Kabinett hat Ende September einen Entwurf für das Pflegeneuordnungsgesetz auf den Weg gebracht. Der Vorschlag, den Eigenanteil der zu Pflegenden zu deckeln, den ja auch die Diakonie fordert, taucht darin nicht mehr auf. Wie ist Ihre Einschätzung zu dem Gesetz?
Jung: Die Diakonie und die weiteren Wohlfahrtsverbände sind überzeugt, dass eine Begrenzung der Eigenanteile notwendig ist. Wir sind nicht gegen Reformen, aber wir brauchen eine Pflegereform, die die Versorgung stärkt, die die Pflege bezahlbar hält und den Menschen in den Mittelpunkt stellt. Dieses Pflegeneuordnungsgesetz geht aus unserer Sicht in die falsche Richtung, weil genau die Strukturen, die wir brauchen, - die ambulante und die teilstationäre Versorgung - zur Diskussion stehen.
Als Träger zahlreicher Einrichtungen verfügen wir über praktische Expertise, die frühzeitig in politische Entscheidungsprozesse einfließen sollte. Pflegepolitik darf sich nicht allein an kurzfristigen Einsparzielen orientieren. Entscheidend ist, ob Menschen auch künftig die Unterstützung erhalten, die sie brauchen. Daran sollte sich jede Reform messen lassen.




