Hamburg (epd). Der langjährige Caritas-Generalsekretär Georg Cremer kritisiert die aktuelle Debatte um Gerechtigkeit im Zusammenhang mit den Reformen der Bundesregierung, an denen er mitarbeitet. Cremer, der der Rentenkommission angehörte und zurzeit in der Pflegekommission mitarbeitet, sagte dem Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ (Samstag), es mache sich „ein zu konsumistisches Politikverständnis“ breit.
Nach dem Motto „Gerecht ist, was mir nützt“ erwarteten viele Bürgerinnen und Bürger von der Politik, den eigenen Wünschen entgegen zu kommen. Cremer entgegnete dem aber: „Wir sind doch nicht Kunden eines Lieferando-Staats.“
Fragezeichen an Mütterrente
Der Sozialstaatsexperte erläuterte, die Gesellschaft in Deutschland tue sich „wahnsinnig schwer, um Prioritäten zu ringen“. Alles, was einer guten Sache diene, gelte als gerecht und werde für unverzichtbar erklärt. Nach Cremers Einschätzung ist das allerdings kein Argument, die Debatte über Prioritäten zu beenden. Als Beispiel nannte er die Mütterrente, die legitimerweise als Maßnahme für mehr Gerechtigkeit empfunden werde. „Die eigentliche Frage ist jedoch: Was könnte man mit den dafür nötigen fünf Milliarden Euro pro Jahr an anderen Dingen finanzieren, die wirksamer sind?“
Cremer ist promovierter Diplom-Volkswirt und studierter Diplom-Pädagoge. Von 2000 bis 2017 war der heute 74-Jährige Caritas-Generalsekretär. Er hat zudem unter anderem das Buch „Alles schrecklich ungerecht? Mythen, Halbwahrheiten, Fakten zum deutschen Sozialstaat“ geschrieben. Er war Mitglied der Rentenkommission, die im Juni ihre Empfehlungen vorlegte. Jüngst wurde Cremer zum Co-Vorsitzenden der neuen Kommission ernannt, die Strukturreformen in der Pflegeversicherung erarbeiten soll.




