Köln, Berlin (epd). Das UN-Kinderhilfswerk Unicef, das Institut der deutschen Wirtschaft (IW) und die Linkspartei setzen sich für mehr Investitionen in Bildung, Gesundheit und Teilhabe von Kindern ein. „In Kinder zu investieren, und zwar gezielt in die besonders benachteiligten Kinder, ist nicht nur eine Frage der Gerechtigkeit, sondern auch ökonomisch einfach vernünftig“, erklärte der Vorsitzende von Unicef Deutschland, Georg Graf Waldersee, am Donnerstag in Köln. Linken-Politikerin Heidi Reichinnek ergänzte: „Jede Ausgabe im Bildungsbereich kommt in Zukunft um ein Vielfaches wieder zurück, und umgekehrt ergibt jeder vermeintlich gesparte Euro mehrere Euro an Folgekosten.“
Das IW hat im Auftrag von Unicef ein Gutachten und einen Report zu den ökonomischen Effekten der sogenannten Deprivation von Kindern und Jugendlichen erstellt: Diese bezeichnet einen Mangel, Verlust oder Entzug von etwas Erwünschtem. So wirkten sich etwa Bildungsstand und Einkommen der Eltern sowie die Familienkonstellation auf materielle Ausstattung, soziale Beziehungen und Aktivitäten der Kinder und Jugendlichen aus. Das spiegele sich im Bildungsabschluss und dem damit verbundenen Einkommen, Gesundheit und langfristiger Lebenszufriedenheit wider. Für die Untersuchung haben Axel Plünnecke und Wido Geis-Thöne den Angaben zufolge annahmebasiert typische Lebensverläufe von Kindern in Deutschland analysiert.
Höhere Bildung führt zu höheren Staatseinnahmen
Nach den Berechnungen übersteigen die Steuern und Abgaben eines Menschen im Laufe seines Lebens die von ihm bezogenen staatlichen Leistungen im Durchschnitt um 301.900 Euro. Je nach Bildungsweg gebe es jedoch große Unterschiede. So falle die geschätzte Fiskalbilanz mit 943.000 Euro bei Akademikerinnen und Akademikern deutlich höher aus.
Wenn ein junger Mensch wiederum keinen berufsqualifizierenden Abschluss erwerbe, koste das den Staat langfristig 421.300 Euro, heißt es in der Studie. „Erkranken sie insbesondere auch aufgrund sozialer Deprivation an einer Depression, sind es 345.500 Euro.“ Materiell benachteiligte Kinder trügen langfristig 216.500 Euro weniger zu den öffentlichen Haushalten bei als nicht benachteiligte.
„Damit rechnen sich auch vergleichsweise teure Maßnahmen zur Vermeidung von Bildungsarmut sehr stark, sofern sie tatsächlich effektiv wirken“, schreiben die Forscher. „In diesem Fall sollten die entsprechenden Strukturen auch bei starkem Spardruck aus ökonomischer Sicht noch weiter ausgebaut oder zumindest beibehalten werden, da sie längerfristig helfen, die öffentlichen Haushalte zu konsolidieren.“ Da vor allem Bund und Sozialversicherung von den Mehreinnahmen profitierten, während Kommunen die Leistungen in wesentlichen Teilen finanzieren, sollte ein Ausgleich geschaffen werden.
Transferleistungen allein nicht sinnvoll
Um die Lage nachhaltig zu verbessern, reichten staatliche Transferleistungen allein nicht aus, unterstreichen die IW-Forscher. Notwendig seien auch kompensatorische Angebote unabhängig von der Ursache der Deprivation, wie etwa ein Frühstücksangebot in den Schulen. Unicef empfiehlt der Politik, Investitionen in Bildung, Gesundheit sowie Prävention nicht pauschal zu kürzen. Auch müsse das soziokulturelle Existenzminimum bedarfsgerecht neu berechnet werden.
Die Linken-Fraktionsvorsitzende Reichinnek unterstrich die Bedeutung von Investitionen in Bildung, soziale und kulturelle Teilhabe, Freizeitangebote, gezielte Förderung sowie von grundlegenden materiellen Dingen wie Kleidung und gesundem Essen. „Wir brauchen endlich eine Offensive für eine bedarfsgerechte Ausstattung in der Kinder- und Jugendhilfe, ein Kooperationsgebot von Bund und Ländern im Bildungsbereich und Investitionen in Lehrkräfte und Gebäude - für die Kinder, aber genauso auch für die gesamte Volkswirtschaft“, sagte sie laut einer Mitteilung der Linken-Bundestagsfraktion.




