Berlin (epd). Junge Menschen sind nach Ansicht der unabhängigen Missbrauchsbeauftragten Kerstin Claus in nie dagewesenem Maße von sexuellen Übergriffen bedroht. Die rasante Entwicklung im digitalen Bereich habe daran „einen entscheidenden Anteil“, sagte sie am Dienstag in Berlin. „Die Risiken im digitalen Raum explodieren.“ Großen Handlungsbedarf sieht Claus auch beim Thema Schule.
Claus stellte ihren ersten Bericht nach der gesetzlichen Verankerung ihres Amtes im vergangenen Jahr vor. Die Publikation liefert zu verschiedenen Themen wie Prävention, Intervention, Hilfe und Forschung eine Bestandsaufnahme und stellt dar, was aus Sicht der Missbrauchsbeauftragten in dem jeweiligen Feld noch zu tun ist. Ein Sonderkapitel widmet sich der digitalen sexualisierten Gewalt.
Forderung nach Schutzkonzepten an allen Schulen
Claus sieht beim Schutz vor digitaler Gewalt unter anderem Lücken in der Gesetzgebung. Derzeit sei das sogenannte Cybergrooming in der Regel nur dann strafbar, wenn es um Kinder unter 14 Jahren gehe. Der Begriff beschreibt das gezielte Ansprechen von Minderjährigen im Internet zur Anbahnung sexueller Kontakte. Jugendliche seien hier zu schlecht geschützt, sagte sie. Zudem verlangte sie eine bundesgesetzliche Regelung, damit Missbrauchsdarstellungen im Internet „proaktiv gesucht und proaktiv gelöscht“ werden.
Auf Landesebene sieht Claus noch viel zu tun beim Schutz von Schulkindern. In fünf Bundesländern - Hamburg, Sachsen-Anhalt, Sachsen, Bayern und Bremen - gibt es bisher keine Verpflichtung für Schulen, Schutzkonzepte gegen sexualisierte Gewalt zu verfassen. Sie könne nicht nachvollziehen, warum dies nicht überall vorgeschrieben sei. Sie forderte die Länder auf, sich darum zu kümmern. Die Erstellung der Konzepte müsse zudem fachlich begleitet und die Umsetzung überwacht werden.
Lehrkräfte können Anlaufstelle sein
Zusammen mit der Beauftragten stellte auch die unabhängige Kommission des Bundes zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs ihren ersten Bericht auf Grundlage des neuen Gesetzes vor. Die Vorsitzende Julia Gebrande sagte, gerade Schulen könne der „Blick in die Vergangenheit“ dabei helfen, gute Schutzkonzepte zu erstellen. Wenn frühere Taten aufgearbeitet würden, werde klar, wo es Lücken gebe.
Angela Marquardt vom Betroffenenrat, der Claus' Amt zugeordnet ist, forderte eine verbindliche Beschäftigung künftiger Lehrkräfte mit dem Thema sexualisierte Gewalt. Generell müsse es für „alle Professionen“, die mit Kindern und Jugendlichen zu tun haben, entsprechende verpflichtende Lehreinheiten in der Ausbildung geben. Marquardt betonte, dass Schulen nicht nur Tatort von Übergriffen sein könnten, sondern von sexualisierter Gewalt betroffenen Kindern auch einen sicheren Ort und eine Anlaufstelle bieten könnten. Dies klappe aber nur, wenn es Lehrkräfte gebe, die mit dem Thema vertraut seien.




