Berlin (epd). Sie sollen raus aus der Tabuzone: Die Wechseljahre erhalten politische Aufmerksamkeit. Das Bundesgesundheitsministerium kündigte am Dienstag Maßnahmen an, die die medizinische Versorgung von Frauen in der Menopause verbessern sollen. „Frauengesundheit darf kein gesellschaftliches Randthema sein“, erklärte die parlamentarische Staatssekretärin Christiane Schenderlein (CDU). Es betreffe die Hälfte der Bevölkerung. Zuvor hatte die Antidiskriminierungsstelle des Bundes Handlungsempfehlungen für Verbesserung von Frauen in dieser Lebensphase veröffentlicht.
Die Wechseljahre machen Frauen in der Regel im Alter zwischen 40 und 60 Jahren durch. Ob, welche und wie intensive Beschwerden sie dabei haben, ist individuell unterschiedlich. Häufig geht es um Schlaflosigkeit, Müdigkeit, Hitzewallungen und schwere Blutungen. Lange war das Thema tabuisiert. Die Zeit, in der gegolten habe, Schmerzen, Schlaflosigkeit und Hitzewallungen einfach zu ertragen, müsse aber vorbei sein, sagte die Antidiskriminierungsbeauftragte Ataman. Nach ihren Worten sind potenziell elf Millionen Frauen betroffen, das Bundesgesundheitsministerium schätzt konservativer und geht von momentan neun Millionen Betroffenen aus.
Mangelndes Wissen über Wechseljahre
Ataman stellte am Dienstag gemeinsam mit Expertinnen Handlungsempfehlungen vor. Zwei zentrale Kritikpunkte hat das rund 30-seitige Papier: Es gebe zu wenig Wissen und damit mangelnde medizinische Versorgung sowie zu wenig Verständnis und Unterstützung von Frauen in den Wechseljahren in der Arbeitswelt. Auch die Bundesregierung sieht Handlungsbedarf. „Frauen in dieser Lebensphase brauchen die bestmögliche Unterstützung und Versorgung“, sagte Schenderlein. Man wolle Lücken schließen und das Thema enttabuisieren.
Konkret geht es dabei etwa um die ärztliche Ausbildung. Die Ärztin Mandy Mangler, Vorsitzende der Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe Berlin, sagte, Wechseljahre würden im Medizinstudium nur rudimentär behandelt: „Man kann Frauenärztin werden, ohne intensiv mit dem Thema zu tun gehabt zu haben.“ Ein weiteres Problem: Für eine ärztliche Beratung zum Thema Wechseljahre gibt es keine Abrechnungsziffer. Berät eine Gynäkologin, bekommt sie dafür kein Geld - oder sie macht daraus ein Privatangebot, das sich jedoch nicht jede Betroffene leisten kann.
Diese Probleme werden auch in den Ergebnissen des „Dialogprozesses Wechseljahre“ des Gesundheitsministeriums benannt. Darin kündigt das zuständige Haus an, das Thema Wechseljahre und geschlechtersensible Medizin im Zuge der Reform der ärztlichen Ausbildung zu verankern. Zudem sollen die dafür zuständigen Gremien im selbstverwalteten Gesundheitssystem darüber beraten, wie Beratung von Frauen in den Leistungskatalog der Krankenkassen aufgenommen werden kann.
Autorin: Ruheräume wie in der DDR wären Erleichterung
Teil einer „Nationalen Wechseljahres-Strategie“, wie Ataman sie fordert, soll zudem sein, dass Arbeitgeber dazu gebracht werden, Frauen in dieser Phase zu unterstützen. Dies sei oft mit einfachen Maßnahmen möglich, sagte sie, etwa durch flexible Arbeitszeiten, geeignete Raumtemperaturen, Zugang zu Toiletten und betriebsärztliche Beratung.
Die Autorin Miriam Stein, die für ein Buch über Wechseljahre recherchiert hat, sagte, in bestimmten Berufen sei auch Arbeitskleidung ein Problem, etwa für Polizistinnen, Pflegefachkräfte oder Verkäuferinnen. Sei die Kleidung atmungsaktiv, mache das bereits einen großen Unterschied.
Für Jobs, in denen Homeoffice oder flexible Arbeitszeiten nicht möglich sind, habe es in der DDR bereits eine Maßnahme gegeben: den sogenannten Frauenruheraum, sagte Stein. „Es gibt durchwachsene Erfahrungen damit, aber alle Frauen erinnern sich, dass es den gab“, sagte sie. In solche Ruheräume könnten Frauen sich im Arbeitsalltag zeitweilig zurückziehen. „Für Lehrerinnen und Erzieherinnen wäre das eine enorme Erleichterung.“




