Dirigent Hurshell sieht Wissenslücken bei jüdischen Themen

Dirigent Hurshell sieht Wissenslücken bei jüdischen Themen
Jüdisches Leben ist bedroht. Antisemitismus nimmt zu. Ein Grund dafür ist nach Ansicht des Leiters der Neuen Jüdischen Kammerphilharmonie, Michael Hurshell, mangelndes Wissen.
08.10.2026
epd
epd-Gespräch: Katharina Rögner

Dresden (epd). Der Dirigent und stellvertretende Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde Dresden, Michael Hurshell, dringt auf mehr politische Bildung in Deutschland. „Zu jüdischen Themen gibt es nach wie vor riesige Wissenslücken in großen Teilen der Gesellschaft“, sagte er dem Evangelischen Pressedienst (epd). „Wenn in Deutschland junge Menschen auf der Straße 'From the River to the Sea' brüllen, habe ich nicht den Eindruck, dass sehr viele von ihnen die Historie kennen“, betonte er. Der umstrittene Slogan „From the River to the Sea, Palestine will be free“ („Vom Fluss bis zum Meer wird Palästina frei sein“) wird von großen Teilen der jüdischen Gemeinschaft als Aufruf zur Vernichtung Israels gewertet.

Hurshell sagte: „Bildung ist die einzige Möglichkeit, wenn wir etwas verändern wollen.“ Er selbst sammle gute Erfahrungen bei Gesprächskonzerten mit der von ihm geleiteten Neuen Jüdischen Kammerphilharmonie Dresden. Das Orchester führt vergessene Werke einst verbotener und verfolgter jüdischer Komponistinnen und Komponisten auf.

„Es sind oft intensive Gespräche mit Schülerinnen und Schülern“, sagte der Dirigent: „Sie machen Mut und geben Zuversicht, dass es möglich ist, etwas zu erreichen“, auch wenn sie „nur ein kleiner Baustein“ seien.

Als ein weiteres Beispiel nannte er Klassenfahrten in das ehemalige Vernichtungslager Auschwitz, die „bei jungen Menschen eine immense Wirkung“ hätten. Aber solche Fahrten seien natürlich auch ein großer logistischer Aufwand für Schulen und könnten nicht per se verordnet werden. Es bleibe die Aufgabe von Politik und Gesellschaft, die politische Bildung zu verbessern. Die rund 2.700 Mitglieder der jüdischen Gemeinden in Sachsen könnten das nicht allein leisten.

Verunsicherung in der jüdischen Community

Viele Jüdinnen und Juden seien aufgrund aktueller politischer Entwicklungen verunsichert. „Es gibt Menschen, die uns wehtun wollen“, sagte Hurshell. Das könne nicht ignoriert werden.

Mit Blick auf das kürzlich beschlossene Stolperstein-Verbot im sächsischen Heidenau sagte Hurshell: Stolpersteine zur Erinnerung an NS-Opfer seien „angemessen und wirksam“. Das Gedenken finde dort statt, wo Menschen aus der Gesellschaft gerissen wurden. Dafür gebe es „keinen gleichwertigen Ersatz“.

„Keine politische Partei hat das Recht, diese Art des Gedenkens als unwürdig zu bezeichnen“, sagte der Musiker. Er appellierte an den Heidenauer Stadtrat, „die Entscheidung zu überdenken“.