Augsburg (epd). Der Hilfebedarf junger Menschen wegen Essstörungen nimmt zu. Immer mehr Mädchen und junge Frauen suchten die Beratungsstelle „Schneewittchen“ der Organisation SOS-Kinderdorf in Augsburg auf, sagte die Beraterin Sophia Rehm dem Evangelischen Pressedienst (epd): „Früher hatten Klienten bei uns innerhalb von zwei bis drei Wochen einen Termin, nun dauert es oft vier bis fünf Wochen.“
Die Ursachen für Essstörungen sind laut der Erziehungswissenschaftlerin Rehm vielfältig. Sie reichen von Leistungsdruck bis zur eigenen Veranlagung: „Es gibt gesellschaftliche und kulturelle Einflüsse, es kann aber auch eine genetische Disposition sein“, sagte die Pädagogin. Die Gründe, warum Jugendliche mit dem Essen Probleme bekommen, seien „meist ein Potpourri“. Diäten oder Essstörungen in der Familie erhöhten das Risiko. Am gefährdetsten seien junge Frauen, die Leistungssport treiben oder in Branchen wie Mode oder Film arbeiten.
Vor allem junge Frauen mit Magersucht
Zwar sind unkontrollierte Essanfälle die gesellschaftlich häufigste Form der Essstörung, gefolgt von Bulimie. In der Beratung zeigt sich laut Rehm aber ein umgekehrtes Bild: Es kämen vor allem junge Frauen mit Magersucht, „vermutlich, weil Anorexie am ehesten von außen gesehen wird und Untergewicht auch mit einer bedrohlicheren Situation verbunden ist“.
Beratungsstellen zu Essstörungen dienten als Brücke zur weiteren Behandlung. Laut Rehm kämen manche Jugendliche, während sie auf einen Therapieplatz warten, andere wüssten noch gar nicht, worunter sie leiden. Auch Angehörige erhielten Orientierung. In der Beratung versuche man, den Klienten zu vermitteln, dass Essen überlebenswichtig ist. „Ohne Benzin fährt das Auto einfach nicht“, sagte die Pädagogin.
„Jungs werden oft vergessen“
Gegründet wurde „Schneewittchen“ vor fast 30 Jahren, heute beraten Rehm und ihre Kollegin jährlich rund 370 junge Menschen und arbeiten eng mit Kliniken in Augsburg, München und Prien am Chiemsee zusammen. Das Team betreibt auch Prävention an Schulen, gerade um auch junge Männer zu erreichen. „Jungs werden oft vergessen“, sagte Rehm: „Dabei entsteht bei ihnen gerade in der achten, neunten Klasse ein hoher Drang nach Muskularität und starkem Auftreten, der oft nicht hinterfragt wird.“ So sei etwa der Fitnesstrend, Proteine zu schlucken, „ein massiver Eingriff in die Ernährung“.




