Philosoph Karimi: Es braucht einen selbstkritischen Islam

Philosoph Karimi: Es braucht einen selbstkritischen Islam
Ein "erwachsener" Glaube hat keine Angst, hinterfragt zu werden, ist der islamische Philosoph Ahmad Milad Karimi überzeugt. Muslime sollten religiös begründete Gewalt theologisch entlarven und auch gegen Antisemitismus vorgehen.
04.10.2026
epd
epd-Gespräch: Judith Kubitscheck

Münster, Freiburg (epd). Für einen selbstkritischen Islam, der unterschiedliche Perspektiven aushält, hat sich der islamische Philosoph Ahmad Milad Karimi ausgesprochen. „Ein Glaube, der keine Kritik aushält, wird eng und kreist irgendwann nur noch um die eigenen Gewissheiten“, sagte der Professor für Islamische Philosophie und Mystik an der Universität Münster dem Evangelischen Pressedienst (epd).

Menschliche Auslegungen seien stets begrenzt und fehlbar. Doch genau das mache demütig. Ein „erwachsener Glaube“ habe deshalb keine Angst vor Vernunft, Wissenschaft, Zweifel oder anderen Perspektiven. „Er lässt sich befragen und bleibt gerade dadurch lebendig.“

Bei Antisemitismus nicht schweigen

Gemeinsam mit seinem Kollegen Mouhanad Khorchide hat Karimi das Buch „21 Visionen für einen Islam der Zukunft“ veröffentlicht, das im Herder-Verlag (Freiburg) erschienen ist. Darin spricht sich Karimi dafür aus, Antisemitismus und antimuslimischen Rassismus nicht gegeneinander auszuspielen. „Mich stört eine Konkurrenz des Leidens“, sagte er dem epd. Der Schutz jüdischen Lebens relativiere antimuslimischen Rassismus nicht.

Wer antimuslimischen Rassismus benenne, dürfe beim Antisemitismus nicht schweigen. Dabei bleibe die Schoah in ihrer historischen Singularität zu achten. Auch Antisemitismus innerhalb muslimischer Kontexte müsse klar benannt und bekämpft werden. „Entscheidend ist für mich: Die Würde des Menschen ist unteilbar. Ich kann sie nicht nur dort verteidigen, wo meine eigene Gemeinschaft betroffen ist.“

Gewalt beginnt oft mit religiöser Abwertung

Mit Blick auf religiös begründete Gewalt warnte der islamische Philosoph davor, sich allein mit einer Distanzierung von Gewalttaten zufriedenzugeben. Er habe als Kind in Afghanistan erlebt, dass Menschen im Namen Gottes Angst verbreiteten. Deshalb müsse auch theologisch danach gefragt werden, welche Gottes- und Menschenbilder sowie welche Auslegungen Gewalt legitimieren könnten. „Gewalt beginnt oft schon dort, wo Menschen religiös abgewertet und zu Feinden erklärt werden.“

Außerdem betonte Karimi die Bedeutung von Religion für die Gesellschaft. Religion stelle grundlegende Fragen nach Sinn, Hoffnung, Leid, Schuld und Tod. Ein lebendiger Glaube könne Menschen darin stärken, sich selbst nicht absolut zu setzen, Verantwortung für andere zu übernehmen und die Würde jedes Menschen zu achten, sagte er.