Fachstelle Linksextremismus: "Wir müssen Pionierarbeit leisten"

Fachstelle Linksextremismus: "Wir müssen Pionierarbeit leisten"
Im Januar hatte das hessische Innenministerium verkündet, Mittel für eine Fachstelle zur Bekämpfung von Linksextremismus bereitzustellen. Rolf Schleyer vom Netzwerk für politische Bildung, Kultur und Kommunikation zieht eine erste Bilanz.
15.09.2026
epd
epd-Gespräch: Josephine von der Haar

Wiesbaden, Gießen (epd). Mit der Beratungsstelle zu Linksextremismus muss das Netzwerk für politische Bildung, Kultur und Kommunikation (NBKK e.V.) nach eigener Darstellung Pionierarbeit leisten. „Deutschlandweit gibt es bislang wenig Erfahrung in diesem Bereich. Ein Fokus liegt deshalb auch auf der wissenschaftlichen Analyse, die wir wiederum in die Beratung zurückspielen“ sagte Rolf Schleyer vom NBKK mit Sitz im mittelhessischen Gießen dem Evangelischen Pressedienst (epd). Der Verein bekam im Januar die Zusage über eine Förderung des hessischen Innenministeriums zum Aufbau einer Fachstelle Linksextremismus für zunächst vier Jahre.

Obwohl die Beratungs- und Präventionsarbeit noch am Anfang stehe, habe man bereits mehrere Anfragen erhalten, insgesamt jedoch unter zehn. Die Anfragen kämen von Polizei, Pädagogik und Universitäten. „Es ging dabei einerseits um fachliche Fragen, andererseits darum, dass sich pädagogisch betreute Personen eventuell strafbar machen könnten“, sagte der Politikwissenschaftler. Über den bisherigen Zulauf sei er überrascht, es sei jedoch noch zu früh, um über den tatsächlichen Bedarf zu urteilen.

Bisher hat der Verein zu Antisemitismus und Verschwörungstheorien gearbeitet

Gegründet hat sich der Verein nach den Al-Kaida-Anschlägen vom 11. September 2001 in den USA. „Wir hatten damals das Gefühl, hier verschiebt sich etwas Grundsätzliches im gesellschaftlichen Gefüge, das über den Terroranschlag hinausgeht“, sagte Schleyer. Dieses Gefühl habe sich nach dem Überfall der Hamas am 7. Oktober 2023 wiederholt. Es sei für ihn schockierend gewesen, wie wenig Empathie es für die Opfer des Terroranschlags unter Linken gegeben habe. Er beobachte seitdem innerhalb der Linken eine größere Offenheit für antisemitische Narrative und Gewalt sowie ein zunehmend manichäisches Weltbild, das klar in Gut und Böse einteile.

Bisher habe der Verein insbesondere zu den Themen Antisemitismus, Verschwörungsideologien und Rechtsextremismus gearbeitet und dazu Workshops für Multiplikatoren angeboten. Der Fokus auf Linksextremismus sei neu, ebenso wie die Beratungstätigkeit. Dennoch sieht Schleyer die größte Bedrohung für die Demokratie weiterhin am rechten Rand.

Polarisierung wird durch Soziale Medien vorangetrieben

Einen Grund für einen Zulauf zu linksextremen Gruppierungen vermutet Schleyer in einer generell zunehmenden gesellschaftlichen Verunsicherung. Durch Soziale Medien werde außerdem die Polarisierung und Emotionalisierung vorangetrieben, was Schwarz-Weiß-Denken begünstige. Zudem führe wachsender Druck von rechtsextremer Seite möglicherweise zu einem verstärkten Gewaltpotenzial auf linksextremer Seite. Vandalismus und Gewalt seien jedoch immer zu verurteilen.