Konfliktforscher warnt nach Wahl vor gesellschaftlichem Kipppunkt

Konfliktforscher warnt nach Wahl vor gesellschaftlichem Kipppunkt
Die anderen Parteien sollten sich nicht zu stark auf den Kulturkampf der AfD einlassen, warnt der Konfliktforscher Zick. Nationale Heilsversprechen und mangelnde politische Präsenz vor Ort hätten den Erfolg der Partei begünstigt.
07.09.2026
epd
epd-Gespräch: Holger Spierig (epd)

Bielefeld (epd). Der Bielefelder Konfliktforscher Andreas Zick sieht im Rückzug der etablierten Parteien aus dem kommunalen Raum eine wesentliche Ursache für den Wahlerfolg der AfD in Sachsen-Anhalt. „Gewonnen hat die AfD, wo es kaum Migration gibt, wenig Vielfalt, wo junge gebildete Menschen abgewandert sind und wo die anderen Parteien wenig sichtbar als 'Kümmerer' und solidarische 'Gegner gegen Berlin' zu sehen waren“, sagte Zick dem Evangelischen Pressedienst (epd) am Montag.

Gerade in Zeiten globaler Krisen werde das, was sich scheinbar im Alltag in Preisen, Löhnen und Unsicherheiten zeige, besonders wichtig, erklärte der Extremismusforscher. „Der lokale, kommunale Raum wird zur Arena der großen Politik.“

Forscher fürchtet um Gemeinwesen

Die anderen Parteien sollten sich nach Ansicht Zicks nicht zu stark auf den Kulturkampf der AfD einlassen. Stattdessen müssten sie demokratische Werte, Normen und Symbole klar vertreten und stärker in politische Bildung investieren, sagte der Direktor des Instituts für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung der Universität Bielefeld. Die „Zerstörung des Gemeinwesens“ habe einen Punkt erreicht, der zum Kipppunkt werden könne, warnte er.

Die AfD habe einen Identitätswahlkampf mit einem „nationalen Heilsversprechen“ geführt, erklärte Zick. Menschen, die sich als Verlierer, Opfer, Abgehängte oder Bedrohte empfänden, werde mit der Botschaft „Ihr zuerst“ eine vermeintlich einfache Lösung angeboten. Als Gegner würden „Berlin“, „das System“ und die „Altparteien“ dargestellt. Damit sei der lokale Wahlkampf zu einer Auseinandersetzung über die Bundespolitik geworden.

Der Populismus, der sich in bürgernahen Bildern beim Essen oder Schulterklopfen zeige, werde wirksamer, „wenn die Ängste diffus sind und Regierungshandeln als fern erlebt wird“, erläuterte der Extremismusforscher. „Leidtragende sind alle, die als Zivilgesellschaft zu Gegnern oder 'Verirrten' wie zu 'Fremden' erklärt werden“, erklärte der Wissenschaftler: „Ihre Bedrohungslage und Unsicherheit sind nun erhöht.“