Berlin (epd). Vertreter der jüdischen Gemeinschaft haben mit Entsetzen auf den Wahlsieg der AfD in Sachsen-Anhalt reagiert. Eine als gesichert rechtsextremistisch eingestufte Partei sei in einem deutschen Bundesland nur knapp von der Alleinregierung entfernt, sagte der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Josef Schuster, am Sonntagabend als Reaktion auf die ersten Hochrechnungen dem Evangelischen Pressedienst (epd). Er sei „persönlich entsetzt“.
Die ehemalige Zentralratspräsidentin Charlotte Knobloch erklärte: „Dass Rechtsextreme in Deutschland in dieser Art wieder Wahlen gewinnen, das hätte ich mir in meinen schlimmsten Albträumen nicht vorstellen können.“ Das Wahlergebnis sei ein Zeichen, „dass die Statik der Demokratie in unserem Land nicht mehr funktioniert - und ich sage ganz offen: Das macht mir Angst“, sagte die 93 Jahre alte Holocaust-Überlebende am Sonntagabend in München.
Auschwitz-Komitee: „Dieses Wahlergebnis macht uns Angst“
Von Angst sprach auch die Präsidentin des Internationalen Auschwitz Komitees, Eva Umlauf. In München erklärte die 83 Jahre alte Auschwitz-Überlebende, dass noch einmal in einem deutschen Landesparlament eine rechtsextreme Partei als stärkste Fraktion Platz nehmen wird, „hätten wir als Überlebende des Holocaust nie für möglich gehalten“. „Dieses Wahlergebnis macht uns Angst“, sagte Umlauf und zog Parallelen zum Aufstieg der NSDAP in den frühen 1930er Jahren in Deutschland.
Bei der Landtagswahl am Sonntag gewann die AfD in Sachsen-Anhalt den ersten Hochrechnungen zufolge deutlich mehr als 40 Prozent der Stimmen und wurde damit mit Abstand stärkste Kraft. Die Mehrheit der Sitze im Landtag wird die Partei aber vermutlich verfehlen, deren sachsen-anhaltischer Landesverband vom Verfassungsschutz des Bundeslandes als gesichert rechtsextrem eingestuft wird. Die künftige Regierungsbildung blieb am Wahlabend zunächst offen. Alle anderen im künftigen Landtag vertretenen Parteien haben eine Zusammenarbeit mit der AfD abgelehnt.
Landesbischof: Zusammenkommen „wird schwierig“
Der Bischof der mitteldeutschen Landeskirche, Friedrich Kramer, erkennt im Ausgang der Wahl in Sachsen-Anhalt eine Spaltung des Landes. Das Ergebnis zeige sehr klar, „dass ein Riss tief durch die Gesellschaft geht“, sagte der evangelische Theologe im ARD-„Brennpunkt“. Für alle, die Regierungsverantwortung übernehmen, werde es schwer, eine Regierung zu bilden, „die alle Menschen mitnimmt“, sagte Kramer. Es gehe jetzt darum zu schauen, wie man wieder zusammenkommen könne, sagte er, räumte dabei aber ein: „Das wird schwierig.“ Es gehe „vielleicht auch leichter“, wenn die Erregung ein bisschen herunterkomme.
Der katholische Bischof von Magdeburg, Gerhard Feige, warnte bei einer Bistumswallfahrt auf dem Gelände des Klosters Huysburg bei Halberstadt am Wahltag vor der Zunahme von Vorurteilen, Abgrenzungen und Eigeninteressen. „Gegenwärtig heißt das wohl in besonderer Weise, dem nationalistischen und fremdenfeindlichen Ungeist zu widerstehen“, sagte er. Einige Kirchengemeinden in Sachsen-Anhalt hatten angekündigt, am Sonntag oder in den kommenden Tagen ihre Türen für Gebet und Einkehr zu öffnen.



