Aachen (epd). Der Aachener Soziologe Thomas Kron sieht nach den Anschlägen vom 11. September 2001 in den USA eine deutliche Veränderung bei Anschlägen islamistischer Terroristen. Vor dem Hintergrund der massiven militärischen Reaktion der USA auf die Attacken von Al-Kaida hätten die terroristischen Gruppen ihre Vorgehensweise angepasst, sagte der Geschäftsführende Direktor des Instituts für Soziologie der RWTH Aachen dem Evangelischen Pressedienst (epd) anlässlich des 25. Jahrestags der Angriffe. Man könne in diesem Zusammenhang von einer „Entprofessionalisierung“ oder „Individualisierung des Terrorismus“ sprechen.
Diese „Individualisierung des Terrorismus“ sei von Gruppen wie Al-Kaida oder dem Islamischen Staat „ganz gezielt“ als Strategie verfolgt worden, erklärte Kron, der sich in seiner Forschung unter anderem mit Gewalt und Terror befasst hat. Mit Messengerdiensten, im Internet oder durch Zeitschriften habe man die Anhänger der Terroristen zu Angriffen ermuntert und ihnen deutlich gemacht: „Zieht allein los und greift an!“ Das erfordere keine große logistische Planung und Umsetzung. Da könne dann auch ein Küchenmesser oder ein Pkw als Waffe dienen oder Kochtöpfe zum Nagelbombenbau genutzt werden.
Individualisierung des Terrorismus schwer zu bekämpfen
Die Bekämpfung und der Schutz vor dieser Art von Angriffen ist nach Angaben von Kron besonders schwer, weil die Täter kein festes Mitglied in der Terrororganisation sein müssten. Durch die Verwendung von Alltagsgegenständen seien die Taten zudem ohne großen Aufwand umzusetzen. Es gebe im Vorfeld kaum Spuren für die anstehenden Taten, durch das Internet könne die Radikalisierung junger Muslime extrem schnell erfolgen.
In gewisser Weise nutzten die Terroristen dabei Strategien und Vorgehensweisen, wie man sie von Amokläufern kennt. Auch deren Taten ereigneten sich ja oft überraschend und seien im Vorfeld gar nicht oder kaum vorauszusehen. Diese „Strategieanpassung des Terrorismus“ mache den Kampf dagegen so schwierig und aufwendig, erläuterte Kron. Die Prävention werde erschwert, der Zeitraum zwischen Planung und Umsetzung der Tat könne sehr kurz sein. Mit dieser Art der Individualisierung müsse man „als westliche Gesellschaft leider ein Stück weit leben“, sagte der Soziologe.
Geringe Auswirkungen der Anschläge auf geostrategische Lage
Die Angriffe vom 11. September seien zwar „ein dramatischer Einschnitt“ gewesen, betonte Kron. Die konkreten Auswirkungen auf die Weltpolitik seien allerdings vergleichsweise übersichtlich. „Die geostrategische Lage hat sich aus anderen Gründen vielleicht geändert, aber nicht wegen des islamistischen Terrorismus“, erklärte der Soziologe. Problematisch sei gewesen, dass sich unter dem damaligen US-Präsidenten Barack Obama der Drohnenkrieg gegen die zivile Bevölkerung in Afghanistan ausgeweitet habe. Das sei moralisch und völkerrechtlich „sehr bedenklich“ gewesen.



