Sozialpsychologin: Wir fühlen das Risiko von Hitze nicht

Sozialpsychologin: Wir fühlen das Risiko von Hitze nicht
In der Debatte um die Klimakrise geht es viel um wirtschaftliche Folgen von Hitze und Dürre, weniger um die bislang 14.000 Toten. Die Sozialpsychologin Pia Lamberty erklärt, warum das so ist.
27.08.2026
epd
epd-Gespräch: Nils Sandrisser

Berlin (epd). Ein Zusammenspiel aus psychischen Prozessen und gesellschaftlichen Dynamiken ist nach Einschätzung der Berliner Sozialpsychologin Pia Lamberty verantwortlich dafür, dass die Hitzetoten in der öffentlichen Debatte um die Folgen der Klimakrise kaum Raum einnehmen. Auch abwertendes Denken über Seniorinnen und Senioren spiele bei manchen eine Rolle, sagte Lamberty dem Evangelischen Pressedienst (epd).

Dass es in der öffentlichen Debatte eher um wirtschaftliche Folgen von Hitze und Dürre wie die Kosten von Niedrigwasser und Produktivitätsverlusten anstatt um die Toten geht, erklärt Lamberty einerseits mit der Art, wie Menschen durch Hitze stürben. Hitze als Todesursache sei meist nicht nachweisbar. „Hinzu kommt: Der Tod durch Hitze ist ein stiller Tod“, sagte sie. „Er produziert keine schlimmen Bilder.“

Abwertende Sicht auf Senioren

Da überwiegend Ältere gestorben seien, könne man sich damit beruhigen, dass diese Menschen ohnehin bald gestorben wären, erklärte Lamberty. Diese Argumentation habe es auch bei Corona gegeben. Daneben gebe es aber auch eine abwertende Sicht auf Seniorinnen und Senioren. „Dieses Vorurteilssystem findet man besonders stark am rechten Rand, aber nicht nur da“, sagte sie.

Zudem verstärke sich das allgemeine Schweigen wechselseitig, erläuterte die Psychologin: „Wenn Menschen sehen, dass niemand über ein bestimmtes Risiko spricht, Medien nicht berichten, Influencer nichts dazu posten, wenn es kein gesellschaftliches Thema ist, dann schätzen sie dessen Relevanz auch niedriger ein.“ Selbst wenn Menschen das Risiko von Hitze kognitiv verständen, fühlten sie es nicht.

Darüber hinaus gebe es derzeit schlicht eine Krisenkonkurrenz. Daher sei die Aufmerksamkeit für eine einzelne Krise reduziert.

Strategie aus drei Säulen zur Bewältigung

Zur Bewältigung von Krisen empfahl Lamberty eine Strategie mit drei Säulen: Verstehen, Bewältigen und Sinn. „Zum Verstehen etwa könnten Medien die abstrakte Zahl der Toten anschaulich machen mit konkreten Geschichten und Schicksalen“, sagte sie. Die Säule des Bewältigens stärke man, indem man Beispiele gelungenen Hitzeschutzes beschreibe. „Welches Altersheim beim Hitzeschutz innovativ ist, oder wie Nachbarschaften sich helfen“, nannte sie als Beispiele. „Und Sinn und Hoffnung vermittelt man, indem man deutlich macht, warum man das braucht und um welche Werte es geht, warum also alte Menschen eben doch wertvoll sind und es nicht egal ist, wenn sie durch Hitze sterben.“

Menschen seien derzeit mit vielen Krisen und Belastungen konfrontiert, viele seien überfordert, sagte Lamberty. Es sei eine Aufgabe für den Journalismus, Menschen Risiken nahezubringen, ohne sie mit dieser Überforderung alleine zu lassen.