Wissenschaftlerin: Aggressive Migrationsdebatte fördert Rassismus

Wissenschaftlerin: Aggressive Migrationsdebatte fördert Rassismus
Rassistische Drohungen nehmen zu und führten jüngst zu einer Absage exklusiver Schwimmzeiten für die Schwarze Community in einem Berliner Freibad. Aggressive Debatten über Migration hätten dazu beigetragen, sagt Rassismusforscherin Lisa Janotta.
20.08.2026
epd
epd-Gespräch: Martina Schwager

Osnabrück (epd). Die Osnabrücker Rassismusforscherin Lisa Janotta sieht die Rassismus-Debatte rund um exklusive Schwimmzeiten für die Schwarze Community im temporären Freibad vor der Berliner Volksbühne als Ausdruck einer emotional aufgeladenen Stimmung in der Gesellschaft. Der Ukrainekrieg, der Klimawandel und wirtschaftliche Umbrüche verunsicherten derzeit viele Menschen, sagte Janotta dem Evangelischen Pressedienst (epd). Zugleich werde die Diskussion um Migration in Deutschland sehr aggressiv geführt. Angesichts dessen sei es vorhersehbar gewesen, „dass Fragen von Zugehörigkeit, Anspruch und Legitimation zu einem massiven Konflikt führen würden“.

Die Rassismus-Debatte hatte sich entzündet, weil das Bad vor der Volksbühne für einige Stunden exklusiv Kindern und Jugendlichen der Schwarzen Community zur Verfügung stehen sollte. In Politik und Medien entspann sich daraufhin eine Debatte um eine angebliche Diskriminierung von Weißen. Nach zahlreichen rassistischen Drohungen in Social-Media-Kanälen wurde die Veranstaltung schließlich aus Sicherheitsgründen abgesagt.

Rassismus als Selbstvergewisserung der eigenen Gruppe

Janotta betonte, Rassismus habe häufig die Funktion, sich der eigenen Zugehörigkeit zu einer dominanten und geachteten Gruppe zu vergewissern und Ursachen für Probleme bei anderen zu suchen. In einer Zeit der Mehrfachkrisen könne diese Projektion umso entlastender wirken, betonte die Professorin für Sozialpädagogik mit Schwerpunkt Rassismusforschung an der Universität Osnabrück.

In Deutschland richte sich Rassismus derzeit besonders stark gegen Schwarze - Deutsche ebenso wie Ausländer - sowie Musliminnen und Muslime. Gerade muslimische Frauen seien den Statistiken zufolge stark betroffen. Die Betroffenen erlebten die Spaltung der Gesellschaft derzeit als sehr bedrohlich. Diese werde vermutlich noch einige Jahre anhalten, prognostizierte die Expertin: „Es wird viel gesellschaftliche Aufarbeitung nötig sein, und wir werden Konflikte auszustehen haben, bevor wir hoffentlich wieder auf Augenhöhe miteinander kommunizieren können.“

Eigentlich sei aber nicht die Hautfarbe das entscheidende Kriterium für Rassismus, sondern die soziale Ordnung, betonte Janotta. Deshalb greife auch die Frage nach der Diskriminierung von Weißen zu kurz. „Es gibt nicht die 'weiße Haut', die einen automatisch vor Rassismus schützt.“ Auch Menschen aus Polen, Tschechien, Serbien oder der Ukraine könnten Rassismuserfahrungen machen.

„Weiße Länder“ oft postkolonial geprägt

Rassismus habe auch nichts mit Mehrheitsverhältnissen zu tun, sagte die Wissenschaftlerin. „Global gesehen sind Weiße nicht die Mehrheit.“ Trotzdem dominiere in westlich-weißen Ländern tendenziell ein postkoloniales System.