Ingelheim (epd). Nach dem Anschlag eines mutmaßlichen Islamisten auf den Berliner Christopher Street Day (CSD) hat der Co-Geschäftsführer des Jüdisch-Muslimischen Bildungswerks Maimonides in Ingelheim, Mustafa Cimsit, auf die islamische Soziallehre verwiesen. Zwar werde im klassischen Islam Homosexualität als Sünde bewertet, sagte der Religionswissenschaftler und muslimische Seelsorger am Donnerstag dem Evangelischen Pressedienst (epd). Aber die islamische Soziallehre betrachte eine Sünde als Privatsache, die andere nichts angehe. Niemand dürfe einen anderen wegen dessen Übertretung eines Verbots verurteilen.
Wenn jemand zu Hause den im Islam verbotenen Alkohol trinkt, Schweinefleisch isst oder gleichgeschlechtlichen Sex hat, dürfe ein Muslim dies nicht öffentlich machen und kriminalisieren, erläuterte Cimsit. „Ein Muslim kann mit Andersdenkenden in Frieden zusammenleben und muss nicht den Moralapostel spielen“, sagte er. „Immer mehr Muslime in Deutschland unterscheiden klar zwischen der eigenen religiösen Überzeugung und der vollen Anerkennung der Grund- und Bürgerrechte aller Menschen.“ Dies sei kein Widerspruch. „Wenn wir anderen Respekt bezeugen und nicht die eigene Meinung aufdrängen, leben wir in einer super Gesellschaft.“
Orte der Begegnung schaffen
Anschläge wie in Berlin hätten immer mehrere Ursachen, erklärte Cimsit, der auch als Gefängnisseelsorger in Hessen gearbeitet hat. Extremisten rissen historische Strafbestimmungen aus dem Kontext, erklärten homosexuelle Menschen zu Feindbildern und missbrauchten die Religion für ihre Ideologie. „Selbstjustiz, Terror und das wahllose Angreifen von Menschen gelten jedoch nach islamischem Recht und Ethik als eines der schwersten Verbrechen überhaupt.“ Jeder Mensch besitze nach dem Koran eine von Gott verliehene Würde, die einen Schutz vor Gewalt begründe. Die im Koran geforderte Gewissensfreiheit begründe Toleranz.
Die Arbeit gegen Radikalisierung dürfe nicht allein den Sicherheitsbehörden überlassen werden, sagte Cimsit. Experten für Intervention und Deradikalisierung müssten eine persönliche Beziehung zu radikalisierten Personen aufbauen, Vertrauen schaffen und sie für andere Sichtweisen öffnen. Extremisten müsse mit mehr Aufklärungsarbeit begegnet werden. „Die muslimische Gemeinschaft ist gefordert, Orte der Begegnung mit queeren Menschen zu schaffen, um Vorbehalte abzubauen und ein friedliches Miteinander zu stärken“, sagte Cimsit. Das Bildungswerk Maimonides etwa organisiere Begegnungen mit dem Verein QueerNet Rheinland-Pfalz.



