Protestanten und die "Bescheißerey zu Trier"

epd-bild/Hanno Gutmann

Pilger bei der Heilig-Rock-Wallfahrt in Trier. Obwohl Protestanten keine Reliquien verehren, nehmen einige an der Wallfahrt teil und sehen sie als ökumenisches Ereignis.

Protestanten und die "Bescheißerey zu Trier"
Die ersten der erwarteten 500.000 Pilger sind zur Heilig-Rock-Wallfahrt in Trier eingetroffen, darunter ökumenische Gruppen. Obwohl Protestanten Reliquienverehrung ablehnen, erzeugt ausgerechnet eine Wallfahrt ökumenische Aufbruchstimmung.

Es dreht sich um ein rötlichbraunes, schlichtes Tuch. Das Gewand, das Christus auf dem Weg zur Kreuzigung getragen haben soll, ist seit Freitag in einem Schrein aus Glas und Zedernholz im Trierer Dom ausgestellt. Helena, die Mutter des römischen Kaisers Konstantins, soll das Tuch neben weiteren, gleich kistenweise gesammelten Reliquien, im vierten nachchristlichen Jahrhundert von einer Pilgerfahrt ins Heilige Land nach Trier gebracht haben. Die Gläubigen nähern sich dem Tuch auch heute mit unterschiedlichen Erwartungen: manche setzen auf Ablass, andere wollen Christus verehren und nicht wenige Protestanten erhoffen sich neue ökumenische Impulse.

Das Bistum Trier hatte mit einer Einladung zum katholischen Großereignis schon früh die Hand ausgestreckt: "Wir können eine Heilig-Rock-Wallfahrt nicht mehr ausrufen, ohne dazu unsere Schwestern und Brüder aus den christlichen Konfessionen einzuladen", beteuerte der Trierer Bischof Stephan Ackermann erneut im feierlichen Eröffnungsgottesdienst. Die Jubiläumswallfahrt, 500 Jahre nach der ersten öffentlichen Ausstellung der Reliquie im Jahr 1512, habe ein "ökumenisches Gesicht".

Schneider: "Wir beten allein Jesus Christus an"

"Wir können heute Dinge tun, die vor 50 oder 100 Jahren noch unmöglich gewesen wären", bestätigt die Düsseldorfer Oberkirchenrätin und Ökumenereferentin Barbara Rudolph. Allerdings würden Protestanten nicht zu einer Reliquie wallfahrten oder eine Reliquie zu einem "Heilsgegenstand" erklären. Nikolaus Schneider, Präses der Evangelischen Kirche im Rheinland, ergänzt, dass Protestanten weder Textilien, noch Knochen oder Schädel anbeten: "Wir beten allein Jesus Christus an und wir beten allein Gott an".

Bei der katholischen Wallfahrtstradition erkennt Schneider, der auch Ratsvorsitzender der Evangelischen Kirche in Deutschland ist, zwar "deutlich fremde Formen des Glaubens und der Frömmigkeit", doch zu den authentischen Erfahrungen könne er auch als evangelischer Christ einen Zugang haben. Schneider beteiligt sich am 5. Mai an der Wallfahrt, wenn am Tag der Ökumene Protestanten, Vertreter der Orthodoxie und der Freikirchen in einer Prozession vom Trierer Dom aus durch die Innenstadt zum Palastgarten gehen, um dort gemeinsam mit Katholiken einen Tauferinnerungsgottesdienst zu feiern.

Vom "Ökumenischen Lernen" durch die Wallfahrt und "einer Station auf dem langen und immer wieder von Rückschlägen gekennzeichneten Weg aufeinander zu" sprechen die Superintendenten der benachbarten Kirchenkreise. Der evangelische Kirchenkreis Trier hält theologische Auseinandersetzung über die evangelische Beteiligung sogar für "eine der spannendsten ökumenischen Debatten der jüngsten Zeit".

Bistum Trier besteht nicht mehr darauf, dass der Rock echt sei

Für nicht wenige Protestanten bedeutet indes die Teilnahme ihrer Repräsentanten an der Heilig-Rock-Wallfahrt einen befremdlichen Schritt. Hatte doch Martin Luther scharf und entschieden gegen Wallfahrten allgemein und die "Bescheißerey zu Trier mit Christus Rock" im Besonderen gewettert. Auch heute äußeren Protestanten Zweifel, ob ein "unechtes Untergewand" Bedeutung für die Ökumene haben könne oder ob nicht gemeinsame Gottesdienste und das gemeinsame Abendmahl geeignetere Zeichen seien als die Wallfahrt zu einer Reliquie.

Sicherlich hilfreich für die Protestanten ist, dass das Bistum Trier schon seit 1959 nicht mehr auf der historischen Echtheit des Heiligen Rockes besteht. Kein Christ müsse daran glauben, versichert Wallfahrtsleiter Georg Bätzing. Er spricht von einem Symbol, das auf Christus verweise: "Wir verehren kein Tuch hier, wir verehren Christus." Zudem verzichtete das Bistum aus Rücksicht auf die ökumenischen Partner darauf, für die Wallfahrt 2012 in Rom einen besonderen Ablass zu erbitten. Der Wunsch vieler teilnehmender Protestanten lautet: So wie sie in diesem Jahr ein ihnen konfessionsfremdes Ereignis feiern, könnten sich umgekehrt die Katholiken in fünf Jahren am 500-jährigen Reformationsjubiläum beteiligen.

Für etliche, aus der Kirche ausgetretene Kritiker sind Wallfahrten indes ein Thema für Satire, das "Befremdlichste und Skurrilste", was die katholische Kirche je hervorgebracht habe. "Man muss sich fragen, an welche Kinkerlitzchen die Menschen glauben", sagt etwa der Trierer Künstler Helmut Schwickerath, der während der 31 Tage der Wallfahrt ein Triptychon in Trier ausstellt. In dessen Zentrum steht die "wiederentdeckte Unterhose von Karl Marx", eine fleckig gealterte "Berührungsreliquie", die schon bei der Heilig-Rock-Wallfahrt 1996 als "Heilige Unterhose" großes mediales Aufsehen erregte.