Zwischen Willkommenskultur und Abwehr

epd-bild/Thomas Lohnes

Während Flüchtlinge in Deutschland euphorisch mit Applaus, Wasser und Proviant empfangen werden, wie hier in Frankfurt am Main am Samstagabend, sind die Franzosen mehrheitlich dagegen, es den Nachbarn nachzutun.

Zwischen Willkommenskultur und Abwehr
Frankreich ist angesichts der Flüchtlingskrise gespalten. Prominente sagen Solidarität zu, die Hilfsbereitschaft wächst. Doch auch rechtsgerichtete Politiker spüren einen kräftigen Aufwind.
09.09.2015
Martina Zimmermann (epd)
epd

Paris (epd)Die Welt blickte bestürzt auf das Foto des toten dreijährigen Aylan - in den Zeitungsredaktionen Frankreichs war das Bild allerdings durchgerutscht. Die Fotoredakteure hatten es schlicht nicht bemerkt. Erst über die sozialen Netzwerke und die ausländische Presse erreichte die Aufnahme die französischen Medien. Mit Verspätung rüttelte das Bild des syrischen Kindes am Strand auch die Franzosen auf. Sie brachten auf Facebook und Twitter spontan ihre Solidarität mit den Flüchtlingen zum Ausdruck und kritisierten die Untätigkeit der Regierung.

Spontane Demonstrationen

Am vergangenen Wochenende fanden in mehreren Städten Demonstrationen mit insgesamt rund 10.000 Teilnehmern statt. Die Menschen forderten eine weniger repressive Flüchtlingspolitik. Künstler unterzeichneten einen Appell, "eine Hand (zu) reichen"; unter den 66 Erstunterzeichnern waren die Schauspieler Isabelle Adjani, Carole Bouquet, Guillaume Canet und Dany Boom. Auch die in Frankreich sehr verehrte Sängerin Line Renaud sprach sich angesichts des sich zuspitzenden Flüchtlingsdramas im französischen Fernsehen für mehr Menschlichkeit aus.

Doch während die Flüchtlinge in Deutschland euphorisch mit Applaus, Schokolade und Decken empfangen werden, sind die Franzosen mehrheitlich dagegen, es den Nachbarn nachzutun. 55 Prozent wollen laut einer Umfrage vom Sonntag nicht mehr Flüchtlinge aufnehmen. 62 Prozent sind der Ansicht, auch Asylbewerber aus Syrien sollten "wie alle anderen" behandelt werden.

Die Umfragen besagen auch, dass Marine Le Pen vom rechtsgerichteten "Front National" im kommenden Jahr die erste Runde der Präsidentschaftswahl gewinnen könnte. Die Parteivorsitzende sprach sich am Sonntag für "humanitäre Zonen" in den jeweiligen Ländern aus, in die Flüchtlinge aus Europa zurückgeschickt werden sollen.

Mehrere Umfragen stellten Präsident François Hollande in der Vergangenheit nicht einmal in Aussicht, überhaupt die zweite Runde der Wahl zu erreichen. Angesichts dieser Stimmung halten sich konservative und sozialistische Politiker zurück. Ex-Premierminister François Fillon, erklärter Präsidentschaftskandidat der konservativen "Republikaner", verteidigt das Asylrecht, aber am liebsten die Christen aus dem Nahen Osten. Nicolas Sarkozy wettert gegen den "Betrug beim politischen Asyl".

Frankreich will seiner Pflicht nachkommen

Auf der sechsten Pressekonferenz seit seinem Amtsantritt 2012 sprach sich Präsident Hollande am Montag für eine internationale Flüchtlingskonferenz in Paris aus. Frankreich werde innerhalb der EU seiner Pflicht nachkommen und in den kommenden zwei Jahren die vorgegebene EU-Quote von 24.000 Flüchtlingen aufnehmen, unterstrich er. In einigen Tagen soll auch das Parlament über die Flüchtlingsfrage debattieren.

Innenminister Bernard Cazeneuve versprach, zehn provisorische Aufnahmezentren für rund 1.000 Flüchtlinge aus Deutschland in der Pariser Region zur Verfügung stellen. Am kommenden Samstag wird er sich mit den Bürgermeistern treffen, die Räume zur Verfügung stellen wollen. Um die Hafenstadt Calais herum, wo 3.000 Flüchtlinge in einer Art Zeltstadt auf eine Überfahrt nach England warten, kümmern sich seit Jahren viele Franzosen um die Menschen. Auch in Paris ist die Lage angespannt. Um die Metrostation La Chapelle wurden die Parks geschlossen, sie werden mit Hunden bewacht, während Eritreer, Äthiopier und Menschen anderer Nationalitäten auf den Trottoirs schlafen.