"Der Kampf für die Unabhängigkeit wird nicht aufhören"

Schottische Flagge

Foto: dpa/Graham Stuart

Die Befürworter der Unabhängigkeitsbewegung in Schottland werden sich weiter engagieren.

"Der Kampf für die Unabhängigkeit wird nicht aufhören"
Tabea Baader, im mittelfränkischen Behringersdorf als Pfarrerstochter aufgewachsen, ist seit März 2012 lutherische Pfarrerin einer erzreformierten Church of Scotland. Nachdem sich die schottischen Abspaltungsgegner gegen die Befürworter durchgesetzt haben, will die fränkische Pfarrerin am Sonntag über Feindesliebe predigen.

Woche für Woche steht die 32-Jährige Tabea Baader auf der Kanzel in Fort Augustus, einem Ort zwischen Loch Lochy und Loch Ness. Als EU-Bürgerin durfte sie darüber abstimmen, ob Schottland von Großbritannien unabhängig werden soll. Sie selbst hat gegen die Ablösung gestimmt, verrät die Theologin.

Ihr Votum haben Sie im Geiste Ihrer schottischen Kollegin Rhona Dunphy abgeben, die derzeit in Regensburg arbeitet. Glücklicherweise waren Sie einer Meinung, welcher?

Tabea Baader: Das kann ich sagen, denn meine Kollegin Rhona hat das bereits in einem Radiointerview verraten. Ich habe für No gestimmt. In unserem Distrikt war das Ergebnis 47,8 Prozent für Yes und 52,2 Prozent für No. Die Zahlen kamen gerade erst vor einer halben Stunde (8.30 Uhr). Es war das letzte Ergebnis, wir sind wirklich am Ende der Welt (lacht).

Sind Sie überrascht von dem Votum?

Baader: Ich bin überrascht von dem klaren Ergebnis. Wir dachten alle, dass es knapper ausfallen würde.

Sie sind Pfarrerin in zwei Highland-Gemeinden. Wie wird in ihren Gemeinden das Referendum nachwirken?

Baader: Es gibt keine Sieger und keine Verlierer. Die Angst, dass jetzt alles zusammenbrechen würden, ist jetzt zwar nicht mehr da, aber es ist trotzdem eine Herausforderung, die beiden Seiten wieder aufeinander zu zubewegen. Die Gesellschaft ist sehr gespalten. In meiner Gemeinde Fort Augustus wird oft der Vorwurf laut, dass dort zu viele Engländer wohnen würden. Im Invergay leben mehr Schotten, die dort aufgewachsen sind. Es wird in den Highlands eher schwierig, die Neinsager zu integrieren. Wie wir jetzt weitermachen, werde ich sicherlich am Sonntag in den Mittelpunkt des Gottesdienstes stellen. Ich werde aus der Bergpredigt von der Feindesliebe erzählen und vom Propheten Salomon, als dem weisem und verständigen Mann. Leute aus den Gemeinden, die offen Ja oder Nein gesagt haben, werden mit Lesungen an dem Gottesdienst teilnehmen.

Wie ist denn die Diskussion zuvor über das Referendum gelaufen, hat sie die Gemeinde entzweit?

Baader: Es gab hier eine sehr angespannte Stimmung, aber insgesamt war die Diskussionskultur beeindruckend. Ich habe eine unglaublich zivilisierte Debatte erlebt. Die Meinungsgrenzen verliefen ja auch innerhalb der Familien. Eine Frau in meiner Gemeinde, deren Familie sehr aggressiv die Yes-Kamapgne betrieben hat, hat mir erzählt, dass sie lange mit sich gekämpft hat, ob sie mit den lauten in ihrer Familie mitziehen soll oder für Nein stimmt. Das wurde aber akzeptiert.

Wie wird es mit der Unabhängigkeitsbewegung in Schottland ihrer Ansicht nach weitergehen?

Baader: Ich habe eine sehr alte schon blinde Frau in meiner Gemeinde gefragt, ob sie sich denn zu ihren Lebzeiten eine solches Referendum hätte vorstellen können. Da hat diese ruhige, unauffällige Person mir erzählt, dass sie sich schon seit 50 Jahre für die Unabhängigkeit engagieren würde. Deshalb glaube ich, es wird weitergehen, der Kampf für die Unabhängigkeit wird nicht aufhören.