"Stromberg ist ein armer, einsamer Knochen"

"Stromberg ist ein armer, einsamer Knochen"
Schauspieler Christoph Maria Herbst über seine Rolle als fieser Chef in der Kultserie "Stromberg", warum er sich manchmal bei seinen Kollegen entschuldigt und weibliche Fans, die das Büroekel attraktiv finden.
07.11.2011
Die Fragen stellte Martin Weber

Der "Papa" ist wieder da – so liebevoll bezeichnet Bernd Stromberg zwar sich selber, doch seine Mitarbeiter sehen das ganz anders. Für sie ist der ungemein selbstgefällige und bemerkenswert ignorante Abteilungsleiter schlicht der schrecklichste Chef aller Zeiten.

Jetzt darf das von Christoph Maria Herbst gespielte Büroekel mit der riesengroßen Klappe wieder sein Unwesen treiben: In den neuen Folgen der lustigen Kultserie "Stromberg" (ab Dienstag, 8. November, 22.10 Uhr, Pro Sieben) kehrt der fiese Sprücheklopfer nach seiner kurzzeitigen Verbannung in die Provinz an seine alte Wirkungsstätte in der Zentrale der fiktiven Versicherung "Capitol " zurück und geht den Sachbearbeitern Ernie, Ulf, Tanja und wie sie alle heißen gleich wieder gehörig auf die Nerven.

Herr Herbst, in den neuen Folgen von "Stromberg" spielen Sie wieder das Büroekel vom Dienst. Der in der Serie geschilderte Arbeitsalltag ist zwar skurril, teilweise aber beklemmend realistisch.

Christoph Maria Herbst: Absolut, und genau deshalb gucken sich das manche Menschen auch ganz gezielt nicht an, wie ich aus Gesprächen mit Freunden und Bekannten weiß. Die sagen mir: "Oh Gott, genauso so sieht's bei mir im Büro aus, das kann ich mir abends nicht auch noch im Fernsehen reinziehen." Die humorige Ebene von "Stromberg" erschließt sich denen einfach nicht. Wir haben zwar eine ganze Menge Fans, die Quoten sind okay, aber wir könnten wahrscheinlich mehr Zuschauer haben, wenn wir das im Stile einer klassischen Sitcom von der Stange drehen würden.

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Aber dann wäre es ja nicht mehr "Stromberg", sondern eine x-beliebige Sitcom, wie es viele im Fernsehen gibt.

Herbst: Stimmt, deshalb machen wir das ja auch nicht. Wir wollen unsere Fans nicht verprellen. Ich sage mal, der durchschnittliche "Stromberg"-Fan ist überdurchschnittlich intelligent und verfügt über ein großes Potenzial an Selbstironie. Wir haben schon die richtigen Zuschauer, und Pro Sieben ist ja auch nie abgerückt von dieser ungewöhnlichen, schrägen Serie. Dafür gebührt dem Sender ein dickes Lob, finde ich.

"So krank ist mein Hirn nicht"

 

In der Rolle des Stromberg dürfen Sie so richtig die Sau rauslassen. Das macht Spaß, oder?

Herbst: Ja, klar. Der Stromberg ist herrlich politisch unkorrekt, ein fleischgewordener Stammtisch, wenn Sie so wollen. Sprüche
wie: "Nicht, dass wir uns falsch verstehen: Ich respektiere Frauen – als Idee", um mal meinen Lieblingssatz aus der neuen Staffel zu zitieren, kämen mir als Christoph Maria Herbst allerdings nie über die Lippen. Ich habe zwar auch ein krankes Hirn, aber für solche Sätze ist es nicht krank genug. (lacht)

Ganz ehrlich: Ertappen Sie sich manchmal nicht doch dabei, dass Sie Stromberg insgeheim recht geben?

Herbst: Nein, Gott sei Dank ist das noch nicht passiert. Manchmal entschuldige ich mich vor einer Szene bei einem Schauspielkollegen oder einer Kollegin sogar für das, was ich als Stromberg gleich tun oder sagen muss. Aber wenn es denn so im Drehbuch steht, dann muss man es halt auch so machen. Ich schlüpfe nach den Dreharbeiten aber wieder ganz schnell raus aus der Rolle.

Was auch damit zusammenhängen dürfte, dass Sie privat ganz anders aussehen.

Herbst: Genau, der furchtbare Klobrillenbart und die schmucke Halbglatze kommen wieder weg. Ich bin vor dem Start der Serie vor ein paar Jahren ja davon ausgegangen, dass diese Bürocomedy sowieso floppt – und da wollte ich lieber mit einem fremden Gesicht untergehen anstatt mit meinem eigenen. (lacht) Es ist zum Glück anders gekommen.

Die echten Büroangestellten winken

 

Drehen Sie in einem richtigen Büro?

Herbst: Durchaus, wir drehen nicht in einem sterilen Studio, sondern regelrecht on location, also in einem ganz realen Gewerbegebiet in Köln. Wenn wir da aus dem Fenster gucken, sehen wir echte Menschen mit echten Schlipsen in echten Anzügen, die einer echten volkswirtschaftlichen Arbeit nachgehen. Wenn wir in die Büros im gegenüberliegenden Gebäude schauen, dann laufen da lauter kleine Strombergs rum. (lacht) Man winkt sich dann so zu, die wissen ja alle, dass wir, die Gaukler, bei der Arbeit sind. Das ist schon sehr lustig.

Sind Sie froh, dass Sie nicht in deren Haut stecken?

Herbst: Allerdings, und umgekehrt möglicherweise ja auch, wer weiß (lacht). Ich kenne den Arbeitsalltag dieser Leute sehr gut, ich habe ja in den achtziger Jahren bei einem großen deutschen Kreditinstitut eine Banklehre gemacht, bevor ich Schauspieler geworden bin. Ich weiß sehr genau, wie die Strukturen in einem Büro sind, wie das da abläuft. Ich hatte unfassbare Charakterschweine als Vorgesetzte, bei denen sind Auszubildende weinend zusammengebrochen, das waren nahezu traumatische Erfahrungen. Einer meiner Chefs sah genau aus wie Stromberg – gerade der war aber charakterlich einwandfrei. Lustig, oder?

In der Tat. Gibt es auch etwas, das Sie am Büroekel Stromberg mögen?

Herbst: Oh ja, dass er sich nicht unterkriegen lässt und immer wieder auf die Beine kommt zum Beispiel. Als Schauspieler mag ich den Facettenreichtum der Figur Stromberg: Er ist eben nicht nur ein ausgemachtes Ekel, sondern im Grunde ein ganz armer, einsamer Knochen, ein einziger Schrei nach Liebe, wenn Sie so wollen. Eigentlich ein tragikomischer Charakter, das ist natürlich für jeden Schauspieler eine Steilvorlage. Die Figur ist eben nicht eindimensional, kein Abziehbild, nicht ausschließlich schlecht.

"Er bleibt unerträglich"

 

Würden Sie mit Stromberg ein Bier trinken gehen?

Herbst: Nicht zwingend – und wenn, dann nur aus dem egoistischen Grund, ihn als Studienobjekt zu missbrauchen. Als Kumpel käme er aber definitiv nicht in Frage. Ich vermute, er wäre sowieso nur im halb angetrunkenen Zustand einigermaßen erträglich. Ich glaube, dass man spontan duschen möchte, nachdem er einem die Hand gegeben hat.

In den neuen Folgen macht er einen Schritt auf der Karriereleiter nach oben. Wird er jetzt noch unerträglicher?

Herbst: Er bleibt im selben Maße unerträglich, wie er es bisher war. Und nicht zu vergessen: "Wenn die Karriere abgeht wie 'ne nasse Tapete, dann lockt das auch die Weiber an", wie Bernd Stromberg in seiner unnachahmlichen Art zu sagen pflegt.

Gibt es denn Zuschauerinnen, die Stromberg attraktiv finden?

Herbst: Allerdings, ich bekomme oft E-Mails von Frauen, in denen steht: "Ich finde den Stromberg unheimlich sexy". Man möchte es nicht glauben, aber es ist wirklich wahr.


Der Büroalltag ist dem aus Wuppertal stammenden Christoph Maria Herbst, dem der TV-Durchbruch in Anke Engelkes Comedyserie "Ladykracher" gelang, nicht fremd: Bevor er Schauspieler wurde, machte er eine Ausbildung zum Bankkaufmann. Für "Stromberg" erhielt der 45-Jährige, der vor kurzem mit einem satirischen Buch über seine Erlebnisse bei Dreharbeiten auf dem ZDF-"Traumschiff" für Aufsehen sorgte, unter anderem den Grimme-Preis.

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