Keine Lehren aus "Deepwater Horizon"? Shell in der Kritik

Keine Lehren aus "Deepwater Horizon"? Shell in der Kritik
Das Ölleck an der Ölbohr-Plattform "Gannet Alpha" in der Nordsee, betrieben von Shell, beschwört Erinnerungen an die Katastrophe im Golf von Mexiko herauf. Zwar sind die Größenverhältnisse kaum vergleichbar - doch Umweltschützer warnen, dass die Konzerne noch immer nichts gelernt haben.

Eigentlich sollte Shell wissen, was zu tun ist - zumindest, dass zu langes Schweigen eine sehr schlechte Idee ist. Doch obwohl der Ölunfall an einer Plattform des britisch-niederländischen Konzerns in der Nordsee vom Ausmaß her bislang nicht annähernd mit der BP-Katastrophe im Golf von Mexiko vor gut einem Jahr zu vergleichen ist, ziehen Umweltschützer Parallelen. Shell habe von Anfang an viel zu wenige Informationen herausgegeben, keine Transparenz gezeigt, und sei offenbar auch nicht ausreichend auf mögliche Unfälle vorbereitet, lautet ihr Vorwurf.

"Es ist schon jetzt offensichtlich, dass Shell scharf kritisiert werden wird, weil sie so wenig und so widerwillig Informationen für die Öffentlichkeit herausgegeben haben", sagte der Direktor der Umweltschutzorganisation WWF für Schottland, Richard Dixon, und forderte eine öffentliche Untersuchung des Unfalls. Das Leck soll bereits am Mittwoch entdeckt worden sein, erst am Wochenende informierte der Konzern darüber.

Zudem habe Shell große Probleme mit seiner Pipeline auf der "Gannet Alpha" und der Reparatur der Schwachstelle gehabt, meinte Dixon. "Das lässt einen wirklich die Fähigkeit der gesamten Industrie infrage stellen zu reagieren, wenn ein solcher Unfall auf weit größerer Ebene in den sehr viel schwierigeren Gewässern der Arktis passiert wäre."

Alles unter Kontrolle, es tritt Öl aus

Die Wahrheit komme "nur scheibchenweise ans Licht", sagte auch Stephan Lutter, Meeresschutzexperte des WWF. Es sei zudem "zynisch, dass unfallträchtige Plattformen und Ölfelder die Namen von Seevögeln wie Basstölpel, Trottellumme und Dreizehenmöwe tragen, die als erste zu den Opfern einer Ölpest gehören." ("Gannet" ist der englische Name für Tölpel.) Das Unglück zeige, wie allgegenwärtig die Risiken der Ölförderung seien. Auch Per Fischer von der Organisation "Friends of the Earth" in Schottland ist der Meinung, dass die Welt noch lange nicht alles über den neuen Nordsee-Unfall weiß, dass Shell den Fall herunterspiele.

Shell weist seit dem Wochenende darauf hin, dass man alles unter Kontrolle habe. Zwar sei mit bislang etwa 206.700 Litern eine "signifikante Menge" Öl in die Nordsee gelangt. Durch die Beschaffenheit und andere Faktoren werde sich der Teppich aber wohl selber auflösen und die Küste erst gar nicht erreichen. Diese Theorie bestätigen bisher auch die britischen Behörden. Im Golf von Mexiko liefen nach dem Unfall auf der "Deepwater Horizon" über Wochen 780 Millionen Liter Rohöl ins Meer - die Katastrophe war also ungleich größer.

Wenn Shell davon rede, "alles unter Kontrolle" zu haben, sei dies "eine Worthülse", erklärte dagegen Jörg Feddern, Energieexperte bei Greenpeace. "Wenn man rüberfliegt und sieht, dass immer noch Öl austritt, kann es ja nicht sein, dass alles unter Kontrolle ist", sagte er dem Fernsehsender n-tv. Greenpeace forderte außerdem, bevor Shell in den sensiblen Gewässern der Arktis bohren dürfe, müsse der Konzern erst ein umfassendes Sicherheitsprogramm vorlegen. Auch solle die britische Regierung ihre Pläne für neue Lizenzvergaben für Ölvorkommen bei den Shetland Inseln überdenken.

Nicht der erste Unfall für Shell

Der Energiekonzern müsse "alles auf den Tisch legen und sagen, was wirklich passiert ist", forderte Feddern. Er verwies darauf, dass Öl ein Giftstoff ist, der schon in kleinen Mengen Pflanzen und Tiere schädigt. Allein durch den normalen Betrieb der Ölplattformen gelangten über 10.000 Tonnen Öl jährlich in die Nordsee: "Das entspricht einem normalen Tankerunglück."

Neben "Deepwater Horizon" gab es im Kapitel Imageschäden und wie man sie verhindert eigentlich zahlreiche mögliche Lehrstücke für Shell. Zu den Aufsehenerregendsten gehörte wohl der Fall "Brent Spar" vor rund 16 Jahren. Shell wollte die ausrangierte Ölplattform im Nordatlantik 2.000 Meter tief versenken. Umweltschützer besetzten den Stahlkoloss vor den Shetland-Inseln. Am Ende musste Shell nachgeben und die "Brent Spar" an Land zerlegen. Allerdings musste sich auch Greenpeace nachträglich dafür entschuldigen, dass die Organisation die Ölmenge in der Plattform zu hoch angegeben hatte.

Vor etwa einer Woche war Shell erneut wegen seiner Aktivitäten im Nigerdelta in die Kritik geraten. In einem Bericht des Umweltprogrammes der Vereinten Nationen (UNEP) hieß es, dass die Schäden und Gefahren, die Shell dort mit schonungsloser Erdölförderung angerichtet hat, erst in 25 bis 30 Jahren wieder behoben sein werden. Der Sachschaden soll in die Milliarden gehen.

dpa/epd