Der Dollar und der Euro - in der Krise verheiratet

Der Dollar und der Euro - in der Krise verheiratet
Am Dienstag droht Washington die Zahlungsunfähigkeit. Noch ist keine Panik unter den Investoren ausgebrochen, denn bisher hat die Erhöhung der Schuldengrenze immer funktioniert. Ein Zusammenbruch des US-Kreditratings und dadurch eine steigende Entwertung des Dollars hätte aber fiese Folgen. Auch für den Euro. Denn obwohl Europas Gemeinschaftswährung von der Dollarschwäche profitiert, sind beide untrennbar verbunden.

Die Investoren weigern sich, in Panik zu verfallen. Dabei stoßen immerhin die Vereinigten Staaten und damit die größte Volkswirtschaft mit der weltweiten Leitwährung Dollar an ihre Schuldengrenze. Die Gelassenheit hat geschichtliche Gründe: In der Vergangenheit wurde die Haushaltsmeßlatte regelmäßig höher gelegt, wenn es eng wurde! Und auch Präsident Barack Obama nutzte bislang schon drei Mal den Ausweg einer Anhebung der Schuldengrenze, zuletzt im Februar 2010.

Doch am Dienstag könnte auch die aktuelle Obergrenze von 14,3 Billionen Dollar erreicht werden. Gibt es bis dahin keine Einigung im US-Kongress, kann Obamas Regierung ihre Rechnungen nicht mehr bezahlen. Auch das hat es in der Vergangenheit bereits gegeben: Beamte und Angestellte des Bundes werden dann für einige Tage oder Wochen nach Hause geschickt, bis sich die Politiker geeinigt haben. Vermutlich würde der Vorwahlkampfstreit zwischen Demokraten und Republikanern - 2012 sind Präsidentenwahlen - wie das berühmte Hornberger Schießen ausgehen, wäre dem Dollar nicht inzwischen mit dem Euro ein ernst zunehmender Konkurrent erwachsen.

Der Euro ist trotz allem eine starke Währung

Dabei forderte erst kürzlich ein deutsches Wirtschaftsmagazin kaum verhohlen die gute alte D-Mark zurück. Ein einfaches Zurück auf Anfang kann es aber nicht geben, denn die Welt ist nicht mehr die des Jahres 1999, als der Euro eingeführt wurde. Wichtige Akteure wie China wollen einen starken Euro als Gegengewicht zum Dollar, und selbst in den USA sieht man den Euro angesichts der eigenen Schuldenkrise positiv.

In der Eurozone selber könnte die Schuldenkrise nach Einschätzung des Internationalen Währungsfonds (IWF) zu "ernsthaften Ansteckungsgefahren" führen. Ein Schwächeln oder gar Scheitern der Gemeinschaftswährung dürften zunächst die Kernländer der Eurozone, wie Deutschland und Frankreich, zu spüren bekommen. Aber auch die Schweiz, Dänemark und Großbritannien, die sich stets weigerten, den ungeliebten Euro einzuführen, würden mehr Nachteile als Vorteile vom Scheitern der Gemeinschaftswährung haben. So profitiert der "kleine" schweizerische Franken als Nischenwährung - ähnlich wie das britische Pfund und der Finanzplatz London - vom "großen" Euro.

Das stark exportorientierte Dänemark wiederum kann Milchprodukte, Windmühlen und maritime Dienstleistungen preiswert in Europa verkaufen, weil die eigene Währung im Vergleich zum Eurokurs günstig abschneidet. Denn im Gegensatz zur Wahrnehmung hierzulande ist der Euro nach wie vor eine starke Währung! So hat sich der Außenwert der Gemeinschaftswährung seit deren Einführung nachdrücklich erhöht, von 1,18 Dollar am 4. Januar 1999 auf 1,42 Dollar kurz vor dem jüngsten Krisengipfel. Dabei spielt die Stärke der europäischen Wirtschaft, die sich in vielen EU-Ländern überraschend schnell von der Finanzkrise erholt hat, ebenso eine wichtige Rolle wie China.

Hilfe durch China in "historischer Größenordnung"

Auf seiner Reise durch Europa im Juni versicherte Chinas Premierminister Wen Jiabao weiter in europäische Staatsanleihen investieren zu wollen. China verfolge eine langfristige Strategie und ändere diese nicht bei kurzfristigen Problemen, bekräftigte der mitgereiste Direktoriumsvorsitzende des chinesischen Staatsfonds China Investment, Laurence Lau: "Es gibt nichts, worüber man sich Sorgen machen muss." Der Euro werde nicht auseinander fallen. "Einen beträchtlichen Teil der chinesischen Währungsreserven hat Peking bereits in Euro-Anleihen gesteckt", heißt es in österreichischen Medien. Allein Laus Staatsfonds verwaltet über 200 Milliarden Euro.

Zudem ist die Europäische Union der wichtigste Handelspartner Chinas. Tags zuvor hatte Wen Jiabao nach einem Gespräch mit seinem ungarischen Amtskollegen Viktor Orbán angekündigt, massenhaft ungarische Staatsanleihen zu kaufen und in Ungarn investieren zu wollen. Das hoch verschuldete Land ist allerdings kein Mitglied der Eurozone. Auch hier wurde keine genaue Summe bekannt. Viktor Orbán sprach von einer Hilfe in "historischer Größenordnung", die Finanzprobleme seines Landes seien damit auf einen Schlag gelöst.

Weder der Dollar noch der Euro dürfen scheitern

Wie viel Geld Exportweltmeister China an Mitglieder der Eurozone verleihen will, wird wohl nie öffentlich werden. Doch es fällt auf, dass selbst Sorgenkind Griechenland international immer noch als kreditwürdig gilt. Griechenland gab Mitte Juli eine dreimonatige Anleihe über rund 1,6 Milliarden Euro zu einem Zinssatz von lediglich 4,6 Prozent aus. Das Angebot, so wird berichtet, war dreifach überzeichnet.

Nicht allein China, auch andere Aufsteigerstaaten wie Indonesien, Brasilien oder Südafrika halten mittlerweile bis zur Hälfte ihre Devisenreserven in Euro. Ein Scheitern der Währung (wie des Dollars) würde sie viel Geld kosten. Ähnlich ist die Sicht in vielen Industrieunternehmen weltweit, in Versicherungen und Fondsgesellschaften.

Der Euro ist längst als Leitwährung der Welt neben dem US-Dollar etabliert. Die Schuldenkrise in Europa bezeichnete der Chef der US-Notenbank Fed, Ben Bernanke, daher als Gefahr für die US-Wirtschaft. Zerfiele der Euro, würde der Dollarkurs gefährlich rasant steigen, amerikanische Exporte würden weltweit nahezu unbezahlbar. Die auch durch eine neue Obergrenze ungelöste US-Schuldenkrise wäre endgültig in den Fokus der globalen Finanzmarktakteure gerückt. Eine Panik der Investoren wäre dann nicht mehr auszuschließen.


Hermannus Pfeiffer ist freier Wirtschaftsjournalist in Hamburg.